Der Fixer – Seite 1

Bis vor Kurzem war der Name Michael Cohen höchstens seinen Nachbarn an der noblen New Yorker Upper East Side ein Begriff. Gerne hätte es der 51-Jährige dabei belassen. Auf Cohens Visitenkarten steht "persönlicher Anwalt von Donald J. Trump". Cohen war es, der dem Pornostar Stephanie Clifford alias Stormy Daniels im Oktober 2016, wenige Tage vor der Wahl, 130.000 Dollar zahlte, damit sie über eine angebliche Affäre mit dem Kandidaten Trump schweigen sollte. Jetzt redet Clifford doch, und gegen Trumps Anwalt wird ermittelt.

Unter anderem, weil es sich bei der Zahlung um eine unzulässige Wahlspende gehandelt haben könnte. Der Anwalt behauptet, er habe auf eigene Initiative gehandelt, Trump habe nichts gewusst. Cohen und seine Frau nahmen für das Schweigegeld eine Hypothek auf ihre Wohnung auf. Der Präsident selbst spricht von einer "Hexenjagd" und leugnet nicht nur, von der Zahlung gewusst zu haben, sondern auch, eine Affäre mit Clifford gehabt zu haben.

FBI-Beamte beschlagnahmten Anfang April Kartons voller Dokumente aus Cohens Büro und privaten Räumen. Seither wird in Washington spekuliert, was die Beamten außer Belegen für die Überweisung an Stormy Daniels noch gesucht haben könnten. Zumal ihr Vorgehen gegen Cohen durch einen Hinweis von Robert Mueller erfolgt sein soll, wie US-Medien schrieben. Mueller ist der Sonderermittler, der unter anderem klären soll, ob Trumps Wahlkampfteam unzulässige Absprachen mit dem Kreml traf oder andere Kontakte nach Russland unterhielt.

Cohen gehörte bisher zu den treuesten von Trumps Vertrauten. Er sei bereit, für den Präsidenten eine Kugel abzufangen, sagte er im September vergangenen Jahres dem Hochglanzmagazin Vanity Fair. Die Bezeichnung Anwalt trifft Cohens Jobbeschreibung nur unzureichend – man würde ihn eher Fixer nennen. Das ist jemand, der seine juristische Ausbildung nutzt, um unangenehme Angelegenheiten für seine Klienten aus der Welt zu schaffen. Das Wall Street Journal berichtete vor Kurzem, dass er für Elliott Broidy, einen wohlhabenden Geschäftsmann, die Zahlung von 1,6 Millionen Dollar an ein ehemaliges Playboy-Model arrangiert hatte. Die Frau hatte eine Affäre mit Broidy und war schwanger geworden. Broidy, ein prominenter Republikaner, hatte im Wahlkampf für Trump gespendet.

Apartment für acht Millionen Dollar

Seine Tätigkeit für Trump ermöglichte Cohen den Aufstieg in die besseren Kreise New Yorks. Er fährt einen weißen Rolls Royce, am Arm trägt er eine 50.000 Dollar teure Uhr. Für sein Apartment an der schicken Park Avenue ließ er drei Wohnungen zu einer umbauen – aktueller Wert laut dem Finanznachrichtendienst Bloomberg: mindestens acht Millionen Dollar. Wegen einer Renovierung residiert Cohen allerdings mit seiner Familie gerade im Regency, einem Fünfsternehotel gleich nebenan.

Kaum etwas deutete zu Beginn auf eine solche Karriere hin. Wie sein späterer Boss Trump stammt Cohen zwar aus einer gut situierten Familie aus der Vorstadt, in seinem Fall aus Long Island. Sein Vater war Arzt, die Mutter Krankenschwester. Cohen besuchte eine Privatschule. Doch seine akademische Laufbahn verlief glanzlos. Er studierte Jura an der WMU-Cooley Law School, eine Hochschule, die vergangenes Jahr von der American Bar Association, der Standesorganisation der Juristen, abgemahnt wurde, weil sie Studierende akzeptiere, die keine Chance hätten, eine Zulassung als Anwältin oder Anwalt zu erhalten.

Seine erste Berufserfahrung sammelte Cohen als personal injury lawyer. Das heißt, er vertrat Mandanten, die zum Beispiel durch einen Unfall verletzt wurden und nun auf Schadensersatz klagten. Die ersten Jahre teilte er sich ein Büro mit einem Anwalt, der sich später schuldig bekannte, Mitarbeiter von Versicherungen bestochen zu haben, damit sie im Falle eines Vergleichs mit seinen Mandanten höhere Summen akzeptierten. Gegen Cohen wurden nie Vorwürfe erhoben, er vertrat Hunderte von Mandanten in Schadensersatzfällen.

Millionen mit Taxilizenzen

Zu Cohens Portfolio gehören bis heute auch Taxikonzessionen. Dazu muss man die New Yorker Taxibranche verstehen. Jedes der berühmten gelben Fahrzeuge hat ein sogenanntes Medaillon auf der Motorhaube, das die Lizenz darstellt. Ohne diese Plakette darf der Fahrer keine Fahrgäste mitnehmen. Ihre Zahl wird von der Stadt  begrenzt. Vor den Zeiten von Fahrdiensten wie Uber bedeuteten die Medaillons praktisch eine Lizenz zum Gelddrucken. Sie werden von der Stadt versteigert und erreichten 2014 einen Höchstpreis von einer Million Dollar. Die wenigsten Fahrer, meist Immigranten, können sich leisten, mitzubieten. Investoren wie Cohen erwerben die Medaillons und leihen sie gegen eine Beteiligung an den Einkünften an Fuhrunternehmer, die die Taxen wiederum an Fahrer vermieten.

Ins Taxigeschäft kam Cohen über seinen Schwiegervater, einen ukrainischen Einwanderer. Einer der Fuhrunternehmer, mit denen er zusammenarbeitete, war Simon Garber, der wie Cohens Schwiegervater aus der Ukraine nach New York gekommen war. Garber, der Lizenzen in New York und Chicago hielt, galt als Taxikönig. Vor vier Jahren musste er allerdings 1,6 Millionen Dollar zahlen, weil er die Fahrer um Gebühren betrogen hatte.

Garber war der Polizei bereits bekannt. Hunderte seiner 700 Chicagoer Taxis stellten sich buchstäblich als Schrottautos heraus, die notdürftig wiederhergestellt worden waren. Zuvor hatte er nach einem Unfall seinen Wagen fälschlich als gestohlen gemeldet. Ein anderes Mal zeigten ihn Nachbarn an, weil er sich bis zur Unterhose auszog, in ihr Haus eindrang und sich dort duschte. Cohen lieh auch Medaillons an Evgeny Freidman aus, ebenfalls einer der großen New Yorker Fuhrunternehmer und ebenfalls ursprünglich aus der früheren Sowjetunion. Freidman wurde von New Yorks Generalstaatsanwalt Eric Schneiderman beschuldigt, eine Taxiabgabe für den öffentlichen Nahverkehr unterschlagen zu haben. Freidman hat die Vorwürfe zurückgewiesen. Sein Prozess soll im Juni stattfinden. Auch Cohens Schwiegervater bekannte sich 1993 der Steuerhinterziehung für schuldig.

Um die Jahrtausendwende kam es zu einer bemerkenswerten Wende in Cohens Werdegang. Der damals 40-Jährige begann, Apartments in Trumps Objekten zu kaufen. Für sich, aber auch für Familienangehörige. 2001 kaufte er ein Apartment im Trump World Tower. Kurz darauf erwarben dort auch seine Eltern und ein Geschäftspartner Wohnungen. Seine Schwiegereltern kauften sogar drei Wohnungen in dem Komplex in der Nähe des UN-Hauptquartiers sowie ein Apartment in einem Trump-Turm in Florida. Cohen setzte seine Einkaufstour fort und erwarb noch vier weitere Wohnungen in Trumps Anlagen. Seine Begeisterung für alles, worauf Trump in güldenen Lettern stand, fiel sogar der New York Post auf. "Wer einmal Trump kauft, will nichts anderes mehr", hieß es in dem Boulevardblatt. "Trump-Immobilien sind ein solides Investment", ließ sich Cohen zitieren. Trump selbst erklärte, Cohen sei "eine sehr smarte Person".

Cohen gehörte zu den eifrigsten politischen Werbern

Es war eine Zeit, in der Trump die positive Publicity gut gebrauchen konnte. Nach der Milliardenpleite seines Luxuscasinos Taj Mahal Ende der Neunzigerjahre mieden ihn die US-Banken. Und seine Karriere als Reality-TV-Star hatte noch nicht begonnen. Nicht lange nach dem Bericht in der New York Post begann Cohen im Umfeld Trumps aufzutauchen. 2007 arbeitete der Anwalt direkt in der Trump Organization. Sein Titel: Executive Vice President – der gleiche Titel, den auch Trumps Tochter Ivanka und die Söhne Donald und Eric innehatten. Seine Rolle beschrieb er als Geschäftsentwicklung.

Cohen gehörte außerdem zu den frühen Unterstützern von Trumps politischer Karriere. Der Immobilienunternehmer hatte immer wieder mit der Idee gespielt, sich als Präsidentschaftskandidat aufstellen zu lassen. 2011 startete Cohen eine Website mit dem Slogan "Soll Trump kandidieren?". Die Amerikaner seien es leid, die immer gleichen Versprechen von Berufspolitikern zu hören, hieß es dort. Da Cohen die Einrichtung der Website über seine Trump-E-Mail-Adresse laufen ließ, begann die Wahlaufsicht eine Untersuchung wegen unzulässiger Wahlwerbung. Das Verfahren wurde aber eingestellt.

Auch während der Kampagne 2016 gehörte Cohen zu den eifrigsten Werbern für seinen Boss. Doch er erhielt keinen der prominenten Posten. Wenn Cohen gehofft hatte, nach dem Wahlsieg einen Job im Weißen Haus zu erhalten, sah er sich enttäuscht. "Ich würde sofort kommen, wenn Trump mir sagen würde, er braucht mich", sagte er der Vanity Fair. Doch Trump rief ihn nicht.

Zuletzt hat sich Trump von seinem Vertrauten distanziert. Der Anwalt habe nur "wenig, ganz wenig" seiner Rechtsgeschäfte erledigt, sagte der Präsident dem TV-Sender Fox News. Der National Enquirer, ein Boulevardblatt, dessen Eigentümer eng mit Trump befreundet ist, schrieb über Cohen: "Der Fixer – Geheimnisse und Lügen". Der Eigentümer des Enquirer war es auch, der für 150.000 Dollar die Exklusivrechte an der Geschichte einer weiteren Affäre Trumps mit einem Playboy-Model kaufte, diese aber nie veröffentlichte.

Nun steht Cohen allein im Zentrum der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen. Strafverteidiger in solchen großen Verfahren sind teuer. Finanziell ist er unter Druck. Seinen Beruf als Anwalt muss er unter diesen Umständen ruhen lassen. Seine einst lukrativen Taxi-Investments sind ebenfalls in Schieflage geraten. Uber und andere App-Fahrdienste machen den regulären Taxis Konkurrenz. Deren Einnahmen sind derart geschrumpft, dass sich vor ein paar Wochen ein Fahrer vor dem Rathaus erschoss. Er wollte offenbar auch auf die prekäre Lage seiner Branche aufmerksam machen. Der Preis für die Medaillons ist von einer Million auf 160.000 Dollar eingebrochen.

Als ob es damit nicht genug wäre, kommen noch Probleme mit dem Fiskus hinzu. 280.000 Dollar an ausstehenden Steuernachforderungen aus dem Taxigeschäft schulde das Ehepaar dem Staat, meldete Bloomberg. Cohen verweist allerdings darauf, die Steuern würde nicht er, sondern der Fuhrunternehmer Freidman schuldig sein. Doch es sieht nicht gut aus.  "Packt Cohen aus, weil er finanziell unter Druck steht?", fragte Bloomberg am Montag dieser Woche. Eine Frage, die sich Donald Trump ebenfalls stellen dürfte.