Deutschlands Nachbarland erlebt zurzeit eine kleine Revolution: Ausgerechnet die Niederlande wollen aus dem Erdgas aussteigen. Dabei sind sie der größte Erdgasproduzent und -exporteur in der EU. Bis zum Jahr 2030 wollen die Niederlande die Produktion in Europas größtem Erdgasfeld in der Provinz Groningen beenden, wie kürzlich Eric Wiebes, niederländischer Minister für Wirtschaft und Klima, offiziell verkündete. Seit Wochen debattieren die Niederländerinnen und Niederländer über den Plan: Wie sollen wir Gebäude ohne Erdgas heizen, Essen kochen und Strom erzeugen – und vor allem: Wer soll das bezahlen?  

Europas größtes Erdgasfeld

Der niederländische Gasausstieg hat aber auch Folgen für Deutschland, denn das Nachbarland ist einer der wichtigsten Lieferanten: Im Jahr 2016 bezog Deutschland laut Bundeswirtschaftsministerium 31 Prozent seines Erdgases von dort. Fast fünf Millionen Haushalte im Norden und Westen Deutschlands sind davon abhängig – das entspricht immerhin 13 Prozent aller Haushalte in Deutschland. Wenn die Niederlande als Lieferant wegfallen, muss ein neuer her. Und nicht nur das: In den nächsten Jahren müssen Millionen Gasheizungen umgestellt werden, weil das Erdgas aus Groningen eine mindere Qualität besitzt und nicht jede Heizung problemlos anderes Gas verträgt.

Größtes Gasfeld in Europa

Mit der richtungsweisenden Entscheidung reagiert die Regierung unter Ministerpräsident Mark Rutte auf die Entwicklungen in der Provinz Groningen, direkt an der deutsch-niederländischen Grenze. Dort entdeckten die Niederlande 1959 eine der größten Gasquellen der Welt, das Slochteren-Feld, benannt nach einer kleinen Gemeinde in der Region. Sieben Millionen niederländische Haushalte sind von diesem Gas abhängig, dazu kommen Verbraucher in Deutschland, Belgien und Frankreich. Für die niederländische Regierung ist das Slochteren-Feld eine willkommene und fest eingeplante Einnahmequelle; der Staat ist zu 40 Prozent an dem Gasfeld beteiligt. Und er kann sich jedes Jahr über millionenschwere Steuerzahlungen der Gaskonzerne wie Shell oder ExxonMobil freuen. Seit den Sechzigerjahren hat die Regierung so fast 300 Milliarden Euro eingenommen. Sie nutzte das Geld vor allem für den Ausbau des Sozialstaats.

Immer wieder bebt die Erde

Doch die Niederlande zahlen ihren Preis dafür – in Form von Erdbeben. Durch die exzessive Förderung hat sich in den vergangenen Jahrzehnten der Boden abgesenkt. Seit 1986 gab es in der Region Groningen mehr als 1.000 Erdbeben. Fast 100.000 Schadensmeldungen gingen bei den Behörden ein. Im Jahr 2012 erreichte ein Beben nahe der Stadt Huizinge den Wert von 3,6 auf der Richterskala – und löste damit eine Debatte über die Zukunft der Erdgasförderung aus. Vor zwei Jahren entschied die Regierung, die Förderung deutlich zurückzufahren, von etwa 27 Milliarden Kubikmetern Gas im Jahr auf etwa 20 Milliarden Kubikmeter.

Doch dann bebte erneut die Erde: Am 8. Januar 2018 in Zeerijp, nur 40 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt. Mit einer Stärke von 3,4  auf der Richterskala war es das stärkste Beben seit fünf Jahren. Die Bergbauaufsicht rief Code Red aus und empfahl "eine erhebliche Produktionsreduktion". Wirtschaftsminister Wiebes entschied daraufhin, aus der Förderung komplett auszusteigen. Das Ende der Förderung sei "der beste Weg, um die Sicherheit in Groningen zu gewährleisten", sagte er. "Groningen muss Groningen bleiben." Und jetzt hat Deutschland ein Problem.