Fast fünf Millionen Haushalt in Bremen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Hessen, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt nutzen niederländisches Erdgas zum Heizen und Kochen, dazu kommen zahlreiche Unternehmen. Das Problem: Sie können nicht einfach den Lieferanten wechseln. In den Niederlanden wird sogenanntes L-Gas gewonnen – andere Länder, wie etwa Russland, fördern dagegen H-Gas, das einen höheren Energiegehalt besitzt.

In den kommenden zehn Jahren müssten daher jedes Jahr etwa 550.000 Heizkessel, Kochherde und andere Geräte, die L-Gas nutzen, umgestellt werden, sagt Gerhard Hülsemann von Thyssengas. Er schätzt die Kosten dafür auf etwa zwei Milliarden Euro. Am Ende zahlt der Verbraucher – über höhere Netzentgelte. Die Verbraucherzentralen gehen davon aus, dass jeder Kunde nur mit wenigen Euro zusätzlich belastet wird. Aber: In einigen Fällen, wenn etwa die Heizkessel zu alt sind, könnte sogar ein Komplettaustausch nötig sein. In manchen Fällen gewähren die Netzbetreiber dafür einen Zuschuss.

Chance verpasst für den Ausstieg

Angesichts der Milliardenkosten hinterfragen Umweltschützer die geplante Umstellung. "Jetzt werden Millionen Geräte umgestellt, nur um sich an einen anderen Typ Erdgas anzupassen", kritisiert Andy Gheorghiu von Food & Water Europe, einer Nichtregierungsorganisation, die sich unter anderem auf Energiethemen spezialisiert hat. Erdgas sei immer noch ein fossiler Brennstoff, auch wenn es oft als notwendige Brückentechnologie beschworen werde, um die Umstellung auf erneuerbare Energien zu schaffen. Der Treibhauseffekt von Methan aus der Öl- und Gasförderung sei 87-mal so stark wie der von Kohlendioxid.

"In Deutschland wurde keine Debatte darüber geführt, ob Erdgas überhaupt die Zukunft ist oder ob wir nicht besser andere Energiequellen nutzen müssen. Die Umstellung im Gasmarkt wäre dafür der richtige Moment gewesen." Bei den Gasnetzbetreibern stößt Gheorghiu mit seiner radikalen Sicht auf Widerstand. Hülsemann von Thyssengas hält den Komplettausstieg für unrealistisch: "Energiesparmaßnahmen und erneuerbare Gase allein reichen nicht aus. Dazu sind weitere Maßnahmen notwendig, die schneller wirken."

Am Ende wird wahrscheinlich genau ein Land vom niederländischen Gasausstieg profitieren: Russland. "Wir gehen davon aus, dass neben norwegischen vor allem auch russische H-Gas-Bezugsquellen an Bedeutung gewinnen werden, um das L-Gas in Deutschland zukünftig zu ersetzen", sagt Volker Diebels vom niedersächsischen Energieversorger EWE, der bislang etwa 800.000 deutsche Kundinnen und Kunden mit L-Gas versorgt und nun nach Alternativen sucht. Schon jetzt kommen fast 40 Prozent des Erdgases in Deutschland aus Russland, das Land mit den größten Erdgasvorräten der Welt. Durch den niederländischen Ausstieg wird dieser Anteil wahrscheinlich noch steigen.