Es ist eine schwierige Mission, in der Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier in diesen Tagen unterwegs ist. Zunächst führt er Gespräche in der Ukraine, später in Moskau. Beide Male wird es um die Energiepolitik der beiden Länder gehen, um die seit einigen Jahren ein erbitterter Streit herrscht. Der Konflikt dreht sich auch um den Bau der neuen Ostseepipeline Nord Stream 2, der jetzt beginnt.

Tausende Rohre sind geschweißt, an der Anlandestelle in Mecklenburg-Vorpommern wird bereits gebaggert. Die Unterwasserleitung soll russisches Gas direkt nach Deutschland bringen und Osteuropa umgehen. Dennoch ist die Zukunft von Nord Stream 2 ungewiss. "Die Unsicherheiten sind extrem hoch", sagt Energieexpertin Kirsten Westphal von der Stiftung Wissenschaft und Politik. Der Widerstand von Ländern wie Polen und Dänemark gegen Nord Stream 2 sei ungebrochen. Hinzu komme nun die Politik der US-Regierung. "Niemand weiß, ob US-Präsident Donald Trump seine Drohungen wahr macht und die am Bau beteiligten Firmen doch noch abstraft." Die USA verfolgen in dem Gasstreit eine eigene Agenda.

Wirtschaftsminister Altmaier soll nun in diesem multilateralen Konflikt vermitteln, schließlich steht die Pipeline kurz vor Baubeginn. Involviert ist dabei eine Reihe von Ländern, politischen Akteuren und Konzernen, aus Deutschland etwa die BASF-Tochter Wintershall und die Eon-Ausgründung Uniper. Beherrscht wird Nord Stream 2 von Russlands mächtigen Gasmonopolisten Gazprom, an dem der Staat die Aktienmehrheit hält. Hinzu kommt, dass der Vorsitzende des Aufsichtsrats von Nord Stream der SPD-Altkanzler Gerhard Schröder ist, auch von Nord Stream 2 ist er Präsident des Verwaltungsrats.

ZEIT ONLINE gibt hier einen Überblick der Positionen in dem Konflikt.

Russland

Russlands Wirtschaft ist vom Export fossiler Energien wie Erdgas und Öl abhängig. Über 60 Prozent der Staatseinnahmen stammen aus Energielieferungen an Drittländer. Dabei spielt die EU für den Export eine zentrale Rolle. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Unabhängigkeit osteuropäischer Staaten wie der Ukraine versucht Russland sein Pipelinenetz umzubauen. Damit will sich die Regierung in Moskau einen direkteren Zugang zum europäischen Netz sichern und seine Vormachtstellung auf dem EU-Markt ausbauen.

Laut Gazprom exportierte das Land im vergangenen Jahr so viel Erdgas wie noch nie in die Europäische Union. Die neue Ostseeleitung soll ab 2019 jährlich 55 Milliarden Kubikmeter Erdgas nach Europa bringen. Gazprom und Nord Stream 2 argumentieren hier mit einer europäischen "Gaslücke", die aufgefüllt werden müsse. Zudem würden die Gaspreise sinken, ist die Pipeline erstmal gebaut.

Wichtigstes Ziel für Russland ist das ehemalige Gastransitland Ukraine zu umgehen. Mit der Ukraine müsste Russland 2019 neue Durchleitungsverträge aushandeln. Dabei spielen nicht nur der Territorialkonflikt in der Ostukraine eine Rolle und die Versuche der Regierung in Kiew, sich politisch nach Westen zu orientieren. Auch die Modernisierung der alten Gasleitungen aus sowjetischen Zeiten würde Gazprom Milliarden kosten. Mit den Ostseepipelines und der direkten Belieferung der EU über Deutschland entfallen für Moskau lästige Verhandlungen mit der Ukraine und eine Bestandsaufnahme des veralteten Gasnetzes. Zudem ist der Weg von den Gasfeldern auf der russischen Jamal-Halbinsel und dem Shtokman-Gasfeld in der Barentssee über die Ostsee bis zu ein Drittel kürzer.