Das skandinavische Land tut viel dafür, Arbeitskräfte für die Pflegeberufe hoch zu qualifizieren. Die meisten Beschäftigten haben eine akademische Bildung. Es gibt neben den nicht-akademischen Bildungswegen Bachelorstudiengänge, Masterprogramme sowie weiterführenden Studiengängen bis zur Habilitation, die für einen Pflegeberuf qualifizieren. Außerdem ist eine weitgehende Durchlässigkeit ohne Altersbeschränkungen gegeben. Dies erhöht nicht nur die Attraktivität dieser Berufe, sondern ermöglicht auch eine höhere Qualität der Pflegeleistungen.

Entscheidend ist auch, dass es in Schweden ein viel besseres Kinderbetreuungssystem gibt. Ausreichend Kitaplätze und Betreuungszeiten, die auch Schicht- und Nachtarbeit der Eltern gerecht werden, dazu noch ein besserer Betreuungsschlüssel in den Kitas, tragen dazu bei, dass viel mehr Fachkräfte in der Pflege in Vollzeit oder Teilzeit mit hoher Stundenzahl arbeiten und sie auch länger in ihrem Beruf verbleiben – in der Regel nämlich bis zum Renteneintritt. In Deutschland dagegen halten nur die wenigstens länger als zehn Jahre in dem Beruf aus. Viele Pflegerinnen steigen mit der Familiengründung ganz aus, pausieren sehr lange oder arbeiten nur noch als Minijobberin. In Schweden dagegen sind Pflegefachkräfte, die 20 Stunden oder weniger arbeiten, eine Ausnahme.

Doch wer nun glaubt, dass Schweden alle Probleme in der Pflegebranche gelöst habe, der irrt. Denn auch dort gibt es ähnliche Herausforderungen wie in Deutschland. So werden in Zukunft auch dort Fachkräfte fehlen, weil die Menschen immer älter werden und damit der Bedarf an Pflegeleistungen steigen wird. Anders als in Deutschland aber gleicht in Schweden die Geburtenrate immer noch die Sterberate aus – die Bevölkerung entwickelt sich also stabil. Es wachsen somit mehr jüngere Menschen in der Bevölkerung, bei den Erwerbstätigen und auch den Pflegekräften selbst nach, als es in Deutschland der Fall ist. Allerdings gibt es selbst in Schweden einen Brain Drain, das heißt, Fachkräfte wandern ab – zum Beispiel nach Norwegen, wo die Arbeitsbedingungen und Löhne noch besser sind.

Qualifikationspotentiale von Migranten nutzen

Darum setzt auch Schweden auf Migrantinnen und Migranten, einschließlich Asylbewerberinnen und Asylbewerbern, um den Fachkräftebedarf in den Pflegeberufen zu decken. Schon seit Jahren versucht das Land, diese Gruppe besonders für Gesundheits- und Pflegeberufe zu qualifizieren. Der Erfolg ist allerdings mäßig, denn auch in Schweden ist die Arbeitslosigkeit unter Menschen mit Migrationshintergrund sowie Menschen mit Asylstatus überdurchschnittlich hoch und oft scheitert eine Eingliederung in die Pflegeberufe wegen sprachlicher Schwierigkeiten.

Und obwohl der Personalschlüssel in Schweden viel besser ist als in Deutschland, klagen die Pflegekräfte stärker als ihre Kolleginnen und Kollegen hierzulande über eine zu hohe Arbeitsbelastung. Dabei haben die schwedischen Pflegefachkräfte viel mehr Zeit für Teamgespräche und Konfliktbewältigung. Und noch etwas erstaunt: Pflegefachkräfte in Schweden sind viel unzufriedener mit ihrer eigenen Leistung als ihre Kollegen in Deutschland. Über die Gründe kann man nur spekulieren. Eine Erklärung könnte sein, dass die Beschäftigten dort viel höher qualifiziert sind, durchgängig im Beruf bleiben und wegen der höheren Vollzeitarbeit auch größere Anforderungen an die Qualität ihrer eigenen Arbeit stellen. Überspitzt formuliert hieße das: Eine hohe Qualifikation kann auch zu Frust führen. Dem muss man begegnen können und zum Beispiel Karrierewege und Aufstiegschancen ermöglichen.

Und noch etwas unterscheidet sich: Die schwedischen Pflegefachkräfte schätzen die Unterstützung durch Vorgesetzte als erheblich schlechter ein als es ihre Kolleginnen und Kollegen in Deutschland tun. Bekannt ist: Mit steigendem Qualifikationsniveau steigen auch die Anforderungen, die Beschäftigte an ihre Führungskräfte stellen. Auch dem muss man begegnen können.

Schaut man sich an, wie gut Pflegefachkräfte durch Supervision in schwierigen Situationen betreut werden, zeigen sich sowohl im ambulanten wie im stationären Bereich keine großen Unterschiede zwischen beiden Ländern. Anders sieht es bei der Aufgabenplanung aus: Hier klagen deutschen Pflegekräfte über Einflussnahme, vorgegebene Arbeitsaufgaben und Abweichungen von Arbeitsplänen im stationären Bereich erheblich stärker als ihre schwedischen Kolleginnen und Kollegen. Erstaunlich ist, dass die deutschen Pflegekräfte die Bedeutsamkeit ihrer Tätigkeit sowie den Lern- und Entwicklungseffekt im ambulanten und stationären Bereich höher einschätzen als ihre schwedischen Kolleginnen. Auch dies mag in dem vergleichsweise höheren Qualifikations- und Anspruchsniveau der schwedischen Pflegekräfte begründet sein.

Migranten sind in der Pflege oft zufriedener

Aufschlussreich ist außerdem, dass in beiden Ländern Pflegekräfte mit Migrationshintergrund zufriedener sind als die deutschen Kolleginnen und Kollegen. Dabei werden sie häufiger in Helfertätigkeiten mit hohen Belastungen durch körperlich schwere Arbeit und für Reinigungsarbeiten herangezogen. Warum das so ist, wurde noch nicht wissenschaftlich untersucht. Denkbar ist, dass kulturelle Gründe vorliegen. Auch könnten Migrantinnen und Migranten, die erfolgreich in die Pflege integriert werden können, eine hohe Anpassungsbereitschaft haben und sich daher nicht kritisch äußern.

Aus dem Ländervergleich lassen sich somit einige Lehren ziehen: Um den Pflegenotstand in Deutschland zu beheben, kommt es auf die Bereitschaft in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft an, Pflege als öffentliche, gemeindenahe, volle Versorgung anzuerkennen, zu finanzieren und zu organisieren. Entscheidend ist dabei die Wertschätzung. Pflegeleistungen müssen als wichtiger gesellschaftlicher Beitrag anerkannt werden. Und das muss sich mit einer angemessenen Entlohnung, ausreichender personeller Besetzung sowie humanen und familiengerechten Arbeits- und Schichtzeiten ausdrücken. Pflegeberufe aufzuwerten heißt auch, die physischen und psychischen Belastungen abzubauen und Karrierewege zu ermöglichen. Das heißt, dass das Aus- und Weiterbildungsystem für Pflege- und Gesundheitssystem umgebaut werden muss. Es muss durchlässiger werden, Berufsbildungswege müssen transparent sein. Dann kann es auch gelingen, mehr Migrantinnen und Migranten erfolgreich für diese Berufe zu qualifizieren. Und zu guter Letzt brauchen wir eine quantitativ und qualitativ bessere Kinderbetreuung in Deutschland, denn Pflege wird auch in Zukunft vor allem weiblich sein.