In der Pflege wird der Personalnotstand immer größer. Die Politik diskutiert über einen allgemeinverbindlichen Tarifvertrag für die Branche, zuletzt hat der Pflegebeauftragte der Bundesregierung vorgeschlagen, den Beruf mit Prämien attraktiver zu machen. Aber reicht das? Und was können wir von anderen Ländern – zum Beispiel von Skandinavien – lernen? Ursula Engelen-Kefer, langjährige DGB-Vize-Vorsitzende und frühere Chefin der Bundesagentur für Arbeit, vergleicht die Situation in Schweden mit der in Deutschland im Gastbeitrag. Sie sagt: Schweden kann in vielerlei Hinsicht ein Vorbild sein, aber auch dort ist nicht alles bestens.

Der demografische Wandel verändert die Gesellschaft. Klar ist: Der Bedarf an Pflegeleistungen in Deutschland wird weiter steigen. Das hat gravierende Auswirkungen, auch für die Beschäftigten in diesen Berufsbereichen, von denen die allermeisten Frauen sind. Schon heute gibt es eine quantitative Versorgungslücke – sprich: viel zu wenig Fachkräfte. Schon heute leidet darunter die Qualität der Arbeit und damit auch die der Pflegeleistungen. Der demografische Wandel betrifft außerdem die Pflegenden selbst: Auch sie werden immer älter, auch sie werden in Zukunft gesundheitliche Einschränkungen haben. Dabei ist es heute schon schwer, gesund in einem Pflegeberuf zu altern. Zugleich sinkt die Bereitschaft jüngerer Menschen, einen solchen Beruf zu ergreifen.

Das ist kein Wunder, denn die Probleme in diesem Bereich sind riesig: Ein großer Teil der Beschäftigten arbeitet Teilzeit mit niedrigen Arbeitsstunden. Die Zahl der Minijobberinnen in der Pflege steigt seit Jahren. Die Fluktuation ist groß, die Verweildauer in den Pflegeberufen so gering wie in kaum einem anderen Bereich. Zugleich sind Häufigkeit und Dauer von Erkrankungen bei Pflegebeschäftigten überdurchschnittlich hoch. Ebenso wie die physischen und psychischen Belastungen. Und worüber noch viel zu wenig gesprochen wird: Viele Fachkräfte in der Pflege berichten von Druck und fehlender Anerkennung. Ihr Beruf ist wenig anerkennt, Wertschätzung erfahren sie selten – weder in den Betrieben noch von der Gesellschaft. Hinzu kommt, dass sich zunehmend Finanzinvestoren und Hedgefonds in der Pflegebranche tummeln, der Anteil der privaten, kommerziell betriebenen Pflegeeinrichtungen, die Gewinne erwirtschaften müssen, steigt seit Jahren. Mittlerweile ist die Hälfte aller Pflegeeinrichtungen in Deutschland in Hand privater Unternehmen. Das geht in der Regel zu Lasten der Arbeitsbedingungen, denn um Profite zu erwirtschaften wird beim Personal gespart. Und als wäre das alles noch nicht genug, müssen die Beschäftigten oft privat ihre Aus- und Weiterbildung bezahlen. Ganz zu schweigen davon, dass – obwohl die Berufe weitgehend Frauendomänen sind – wegen Schicht-, Nacht- und Wochenendarbeit die Vereinbarkeit von Familie und Beruf schwierig ist, was wiederum dazu beiträgt, dass viele Pflegerinnen nur Teilzeit oder als Minijobberin arbeiten können. Verschärfend kommen niedrige Löhne dazu, die den hohen Anforderungen und belastenden Arbeitsbedingungen keinesfalls gerecht werden.

Schweden: Pflegevollversicherung auf kommunaler Ebene

Endlich hat auch die Politik verstanden, dass ein Handeln überfällig ist. In der Debatte wird nun häufig nach Skandinavien geschaut, zum Beispiel nach Schweden, das oft als Musterland gilt. Tatsächlich kann Deutschland von Schweden lernen. Das zeigt ein deutsch-schwedischer Vergleich der Arbeitsbedingungen in der Pflege der Hans-Böckler-Stiftung, der von deutschen und schwedischen Forschern und Forscherinnen durchgeführt wurde. Auch ein aktuelles Lehrforschungsprojekt, das an der Alice Salomon Hochschule durchgeführt wurde, hat die Situation in beiden Ländern miteinander verglichen. Beide Projekte liefern Anhaltspunkte für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Pflege.

Zum Beispiel besteht in Schweden seit vielen Jahren eine volle Versorgung in der Kranken- und Altenpflege, die durch die Kommunen und somit bürgernah organisiert sowie aus Steuern finanziert wird. Der Anteil von privatwirtschaftlich betriebenenen Pflegeeinrichtungen ist sehr viel geringer als in Deutschland. Hingegen ist die Pflegeversicherung in Deutschland nur eine Teilversicherung auf Bundesebene. Finanziert wird sie aus Beiträgen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern, wobei Rentner den vollen Beitrag leisten müssen.

Gemessen am Bruttosozialprodukt sind die Ausgaben für die öffentliche Pflege in Schweden etwa dreimal so hoch. Dafür machen die privaten Kosten nur wenige Prozente aus, während sie in Deutschland etwa die Hälfte betragen und nach wie vor ein großer Teil der Pflege in den Familien selbst, und damit vor allem von den Frauen, erbracht wird. Und anders als hierzulande, wo schon jede zweite Pflegeeinrichtung in Hand kommerzieller Träger mit den oben genannten bekannten  Nachteilen ist, sind in Schweden – wie auch in den übrigen skandinavischen Ländern – die Altenpflegeeinrichtungen in öffentlicher, zumeist kommunaler Verantwortung. Entsprechend günstiger ist der Personalschlüssel. In Schweden muss eine Pflegekraft nur halb so viele Patientinnen betreuen als ihre Kollegin in Deutschland. Untersuchungen zeigen, dass eine Fachkraft in der stationären Altenpflege gut fünf Patienten zu versorgen hat, in Schweden sind es hingegen nur zwei Patienten pro Pflegekraft.

Aus- und Weiterbildung transparent und durchlässig gestalten

Lernen kann man auch von dem schwedischen Aus- und Weiterbildungssystem: Während die Ausbildung in Deutschland für die Gesundheits- und Pflegeberufe weitgehend unterhalb einer akademischen Bildung erfolgt, und das unabhängig davon, dass sie intransparent, fragmentiert und mit hohen Anteilen durch privat zu finanzierende kommerzielle Bildungseinrichtungen erfolgt, ist dies in Schweden umgekehrt.