Kein Staat hat sich zuletzt so rasant entwickelt wie China. ZEIT ONLINE widmet dem Land einen Schwerpunkt. Darin zeichnen wir die gesellschaftliche, politische und ökonomische Entwicklung Chinas nach.

Alan Chang hat einen Harvard-Abschluss in Informatik. Er hat in der IBM-Zentrale in Upstate New York gearbeitet und bei Microsoft in Redmond. Dort hatte der 36-Jährige zuletzt ein Jahreseinkommen von 120.000 Dollar. In Seattle besitzt der chinesischstämmige Amerikaner eine Wohnung mit Blick auf den Lake Washington. Er hat es geschafft in den USA, ihm geht es gut. Trotzdem hat es ihn im vergangenen Jahr nach Shenzhen verschlagen, eine Metropole vor den Toren Hongkongs, wegen seiner vielen Fabriken und Fertigungsstätten bis heute auch bekannt als Werkbank der Welt.

In weiten Teilen der Stadt sieht es so auch aus. Im Industriegebiet nordöstlich des Flughafens etwa: Kilometerweit erstrecken sich Werkhallen, Lagerhäuser und breite Straßen, die wiederum allesamt vollgestopft sind mit Lieferfahrzeugen. Dazu der Smog, ein Dunst, der sich mit der schwülen Hitze Südchinas mischt und das Atmen mühsam macht.

Chan schwärmt dennoch von den vielen Fertigungsstätten, für die Shenzhen den Ruf hat, zudem von den riesigen Elektromärkten und den vielen Tüftlern und Technikern, die inzwischen über das gesamte Stadtgebiet von fast 2.000 Quadratkilometern verteilt leben und arbeiten. Chan selbst hat sich mit einem chinesischen Partner zusammengetan und ein Start-up gegründet. Gemeinsam arbeiten sie an einem Navigationssystem fürs autonome Fahren. Einer ihrer Auftraggeber: Huawei, Chinas führender Technologiekonzern und einer der größten Smartphonehersteller und Netzwerkausstatter der Welt. Auch Huawei hat seinen Sitz in Shenzhen.

Mit Foxconn zur Hightech-Metropole

Cha bezeichnet Shenzhen als "Innovationshub", ein "technologisches Kraftzentrum", dem "Sillicon Valley der Hardware". Deswegen wird auch an diesem Freitag Bundeskanzlerin Angela Merkel auf ihrer elften Chinareise erstmals Shenzhen ein Besuch abstatten. Sie will sich ein Bild machen vom "Wunder am Perlflussdelta", wie Shenzhen in chinesischen Medien oft bezeichnet wird.

Dabei war Shenzhen noch zu Beginn der Achtzigerjahre nichts weiter als ein verschlafenes Fischerstädtchen, direkt an der hochbewachten Grenze gelegen, die die zu der Zeit streng kommunistisch geführte Volksrepublik von der damals noch britischen Kronkolonie Hongkong trennte. Dann kam Chinas Öffnungspolitik unter dem Reformer Deng Xiaoping. Er erklärte Shenzhen zu einem der Versuchslaboratorien für kapitalistische Experimente. Die ersten Textilfabriken siedelten sich an, es folgten Fertigungsstätten für Spielzeug, Turnschuhe, Kleinelektronik – und so ziemlich alles, was billig, aus Plastik und leicht herzustellen war.

Millionen Wanderarbeiterinnen und Wanderarbeiter aus ganz China zogen nach Shenzhen. In weniger als einer Generation entwickelte sich die Region am Perlflussdelta mit den umliegenden Städten Dongguan, Foshan, Zhongshan und Zhuhai zu einem gigantischen Konglomerat aus Fabriken, Wohnsilos und Logistikzentren. Diese Städte waren einst ebenfalls Fischerorte. Heute sind es allesamt Millionenstädte, die von den Wirtschaftsreformen und der Nachbarschaft zur dynamischen Ex-Kolonie Hongkong profitierten.

Shenzhen hat in den letzten Jahren jedoch eine weitere industrielle Revolution durchgemacht. Und zwar die zu einer Hightech-Metropole. Mit dem Elektronikzulieferer Foxconn fing es an. Das taiwanische Unternehmen errichtete im Stadtbezirk Longhua riesige Fertigungsstätten mit zeitweise mehr als 300.000 Mitarbeitern, die für Sony, Nintendo, Apple und Hewlett-Packard Spielekonsolen, iPhones und Laptops zusammenschraubten. Chinesische Elektronikhersteller folgten: Huawei, ZTE, Midea, TCL, der Batteriehersteller Byd, der nun zu den weltweit führenden Elektroautobauern zählt, und Xiaomi – sie alle gehören inzwischen zu den innovativsten Hardwareherstellern der Welt. Auf Software-Seite gesellte sich Tencent dazu, das mit seinen Online-Spielen und seiner Multifunktions-App WeChat vor kurzem im Firmenwert sogar Facebook überflügelt hat.