Seit ein paar Wochen sind die Deutschen alle Marx-Kenner – zwangsweise. Denn jetzt, anlässlich seines 200. Geburtstags, ist es kaum möglich, ihm zu entkommen. Dabei wird Marx verklärt, was das Zeug hält. Obwohl in seinem Namen viel Unrecht begangen wurde – und in seinen Büchern auch allerlei krudes Zeug steht, das heute überholt ist.

Hört mir auf mit diesem Marx, möchte man rufen. Lasst den Mann und seinen Bart in Frieden ruhen!

Doch das wäre falsch. Denn Marx war als bekanntester Kritiker des Kapitalismus auch einer seiner besten Analytiker. Wer seine Schriften heute liest, der findet Gedanken, die erstaunlich gut zu den Themen passen, die uns im Jahr 2018 beschäftigen. Zwei der interessantesten aktuellen Debatten lassen sich hervorragend mit Marx neu durchdenken: der Handelsstreit und die Sozialstaatsdebatte. Also Freihandel versus Donald Trumps Protektionismus und Hartz IV versus Grundeinkommen.

Auf den ersten Blick haben diese beiden Debatten nichts miteinander zu tun. Bei der einen geht es um Unternehmen und ihr Agieren in der Welt, also um den Kern des Kapitalismus. Bei der anderen um Menschen und das Lindern ihrer Not, also um den Kern des Staates. Die eine spielt zwischen den großen Nationen der Welt: Angela Merkel besucht Donald Trump. Die andere spielt in Deutschland zwischen Berlin und Karlsruhe: Jens Spahn besucht eine Hartz-IV-Empfängerin.

Marx fand die Globalisierung nicht nur schlecht

Marx aber wusste, dass beide Debatten eng zusammenhängen. Man kann die Globalisierung und den Handel nicht richtig beschreiben, wenn man die soziale Frage ausklammert, denn der Welthandel hat Auswirkungen in jedem Land. Er verstärkt die Wirkungen des Kapitalismus und kann das soziale Gefüge durcheinanderwerfen. Er macht viele reich, andere arbeitslos, weil anderswo jemand das Gleiche besser oder billiger herstellt. Es hängt wesentlich von den Regeln einer Gesellschaft ab, wie das ausgeht, also vom Staat.

Wer diese Debatten mit Marx begreifen will, muss zuerst zwei populäre Irrtümer überwinden. Erstens: Marx sah die Globalisierung keinesfalls nur als Gefahr. Er erkannte im freien Welthandel und der damit einhergehenden Globalisierung vielmehr eine Urkraft, die die Welt veränderte und damit auch viele aus seiner Sicht überkommene Strukturen beseitigte – was er begrüßte. "Die Bourgeoisie hat durch ihre Exploitation des Weltmarkts die Produktion und Konsumtion aller Länder kosmopolitisch gestaltet", schrieb er im Kommunistischen Manifest. "Sie hat zum großen Bedauern der Reaktionäre der Industrie den nationalen Boden unter den Füßen weggezogen."

Marx sah die wirtschaftliche Globalisierung als eine Chance für die Länder, sich von patriarchalen und feudalen Strukturen und vom Nationalismus zu befreien. "Die Bourgeoisie reißt durch die rasche Verbesserung aller Produktionsinstrumente, durch die unendlich erleichterten Kommunikationen alle, auch die barbarischsten Nationen in die Zivilisation", schrieb er. Und er erkannte auch, mit welchem Mittel der Handel so weltverändernd wirkt: "Die wohlfeilen Preise ihrer Waren sind die schwere Artillerie, mit der sie alle chinesischen Mauern in den Grund schießt, mit der sie den hartnäckigsten Fremdenhass der Barbaren zur Kapitulation zwingt."

Aus heutiger Sicht ist das eine Beschreibung der Wirklichkeit, aber damals war es eine prophetische Erkenntnis. Denn das große internationale Zeitalter brach gerade erst an, und seine Wirkungen waren noch lange nicht so deutlich.