Manchmal fragt man sich, ob man als Großstädter bald wie Peter Lustig wohnen muss – zumindest, wenn man noch immer von einem Eigenheim träumt. Lustig war ein Fernsehmann und Buchautor, der Kindern bis Ende 2005 in seiner Sendung Löwenzahn die Welt erklärte, und von dem man vor allem eines lernte: wie man in einem Bauwagen lebt. Er führte wöchentlich vor, dass es sich in diesem winzigen Raum gut aushalten ließ – und viel mehr Räume als einen können Normalverdiener sich in den Metropolen bald ohnehin kaum noch leisten: In Berlin kosten Zweizimmerwohnungen schon locker 300.000 Euro und drei Zimmer in München sind kaum unter einer halben Million zu haben.

Da muss man kleiner denken, und Tchibo wirbt jetzt mit einer Lösung: dem Minihaus, auch Tiny House genannt, einem zehn Quadratmeter großen Eigenheim für 40.000 Euro. Es ist etwa so groß wie ein Bauwagen und steht tatsächlich auf einem Fahrgestell, damit es dank einer Anhängerkupplung schnell zum Bauplatz finden kann und damit Käufer und Käuferinnen auch mit ihrer Immobilie stets mobil bleiben.

Auf kleiner Fläche bieten die Tiny Houses ein komplett ausgestattetes Wohnzimmer, ein Schlafloft, ein telefonzellengroßes Bad und eine kleine Küche. Das kleinste der drei Häuser hat sogar eine zwei Quadratmeter große Veranda. Mit einem Kaufpreis von 40.000 bis 60.000 Euro gehören die Tchibo-Modelle eher zu den Luxusmodellen unter den Kleinsthäusern, aber immerhin: Sie sind bezahlbar. Und von Quadratmeterpreisen zwischen 3.750 und 4.000 Euro können Großstädter in vielen Vierteln sonst nur träumen.

Inzwischen sind es längst nicht mehr nur spleenige Fernsehmoderatoren, die in solch winzigen Häusern leben. Aus den Tiny-House-Anhängern ist eine breite Bewegung geworden. Die Idee entstand in den USA, ursprünglich, um zu beweisen, dass der Bau immer protzigerer Einfamilienhäuser für immer kleinere Familien auch keine Lösung sein kann. Mittlerweile kommt sie auch in Deutschland in Mode, gerade in Zeiten von Mietwucher und unbezahlbaren Immobilienpreisen. Um ein Tiny House zu kaufen, kann ein niedrig verzinster Bausparvertrag ausreichen.

Tiny Houses - Eigenheim zum Selbstbauen

Die Luxusversion auf 90 Quadratmeter

Ein Dutzend Hersteller hat sich in Deutschland auf den Bau solcher Miniheime zwischen 15 und 45 Quadratmetern spezialisiert – Luxusversionen können übrigens auch 90 Quadratmeter groß sein. Architekturforen schwärmen davon, wie praktisch die kleinen Wohnkisten seien. Kunstvolle Bildbände belegen eindrucksvoll ihre Schönheit und in Designhighlights wie dem Fincube kann man sich das Leben auf kleinem Raum mühelos vorstellen.

Manche Exemplare sehen zwar eher aus wie ein Gartenhaus aus dem Baumarkt, aber die meisten Tiny Houses wirken wie knuffige Kleinausgaben von Schwedenhäuschen oder Miniarchitektenvillen. Manche lassen sich als Module übereinanderstapeln oder nebeneinanderwürfeln. Zuerst boten die Hersteller sie als Wochenendhäuser an, als bezahlbare Unterkunft für Studenten und Azubis oder als mobiles Zweitbüro für Selbständige, die ihr Büro gelegentlich weit weg von der Stadt aufschlagen. Die Preise sind bezahlbar: Meist kostet der Quadratmeter zwischen 1.500 und 2.000 Euro, die kompletten Wohnklötzchen kommen damit auf 15.000 bis 20.000  Euro. Auf Rollen fängt ihr Preis eher ab 28.000 Euro an.

Allerdings ist es gar nicht so leicht, einen Platz für die Minihäuser zu finden, auch nicht, wenn sie auf Rädern stehen. Dann können sie zwar – mit TÜV-Zulassung – mit jedem Fahrzeug verfrachtet werden, aber nur in den USA gelten rollende Eigenheime nicht als Haus. Hierzulande braucht man, wenn man darin wohnen will, eine Baugenehmigung. Die aber gibt es grundsätzlich nur für erschlossene Grundstücke inklusive Wasser- und Stromanschluss sowie Müllabfuhr.

Standplatz gegen Gartenpflege

Wild in der Natur zu wohnen ist also nicht möglich. Einfach am Straßenrand oder auf einem Parkplatz zu parken, geht auch nicht, zumindest wird es dann schwierig, im eigenen Haus seinen Erstwohnsitz anzumelden. In einer Stadt wie München aber sind Grundstücke selbst für Tiny Houses quasi unbezahlbar. Am Stadtrand kostet ein geeigneter Bauplatz rund eine Million Euro, Bauerwartungsland immer noch einen sechsstelligen Betrag. Selbst in Städten wie Bayrischzell oder Bamberg würden für ein Baugrundstück in ausreichender Größe – mit Glück – 70.000 bis 95.000 Euro fällig. Damit kommt selbst das günstigste Tiny House nicht mehr ganz so preiswert daher.

Manche Kleinsthausbesitzer aber sind erfinderischer, als es Bauvorschriften und Behörden erlauben: Es gibt Grundstücksbörsen für Tiny Houses, auf denen sich Besitzer und künftige Käufer verabreden, um gemeinsam einen Bauplatz zu kaufen und dort als Kleinsthauskommune zu wohnen. Andere suchen Landwirte, in deren Vorgarten sie ihre Minibuden aufstellen dürfen, oder sie bieten älteren Herrschaften in großen Villen in Grünwald oder Grunewald einen Deal: Standplatz gegen Gartenpflege.

Apropos Standplatz, eines geht fast immer: das Haus auf einen der vielen kleinhausfreundlichen Campingplätze zu rollen und dort als Dauergast zu parken. An manchen davon kann man sogar seinen Erstwohnsitz anmelden, zum Beispiel am Neckar. Man sollte sich aber vorher fragen, ob man sich sein Leben als Eigenheimbesitzer wirklich auf dem Campingplatz vorgestellt hat. Oder dann nicht doch lieber wie Peter Lustig einen Bauwagen oder ausrangierten Eisenbahnwaggon kauft. Den kann man dann im nächsten Gewerbegebiet abstellen und man hat abends Ruhe vor den Nachbarn.