Am Ende nahm erst sie Schmerzmittel, danach verabreichte sie welche. Ohne Medikamente wären die Rückenschmerzen unerträglich gewesen, sagt Hannelore Schmidt. Mittlerweile ist sie in Rente. Zuletzt arbeitete die 67-jährige Altenpflegerin auf der Demenzstation eines Altenpflegeheims in Niedersachsen. Schmidt war eine von über einer Million Beschäftigten in der Altenpflege. Sie ist froh, dass sie raus ist. "In vielen Heimen werden die Beschäftigten verheizt", kritisiert sie.

Unter Fachkräften in der Altenpflege ist der Krankenstand überdurchschnittlich hoch, zeigt der Gesundheitsatlas der Betriebskrankenkasse BKK. Die Beschäftigten in diesen Berufen sind besonders oft von psychischen sowie Muskel-Skelett-Erkrankungen betroffen. Die Zahl der Frühverrentungen liegt weit über dem Durchschnitt in anderen Gesundheitsberufen. Einer Studie des Inifes-Instituts zufolge können sich drei Viertel der Altenpflegerinnen und Altenpfleger nicht vorstellen, ihren Beruf bis zum Renteneintritt auszuüben. Nach zehn Jahren ist nur noch jede Dritte in der Altenpflege tätig, hat das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) festgestellt.

Deutschland diskutiert über den Pflegenotstand – und der ist in der Altenpflege besonders groß. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat ein Sofortprogramm angekündigt, das 13.000 zusätzliche Stellen in der Altenpflege schaffen soll. Außerdem sollen Anreize für die Ausbildung geschaffen werden, und die Regierung will auch mehr für die Gesundheitsförderung von Beschäftigten in der Pflege tun. Doch auf die Schnelle wird das die knappe Personaldecke nicht beheben.  

Schweigen über Missstände

"Der Personalmangel ist nicht das einzige Problem. Aber über die echten Missstände wird nicht gesprochen", sagt Hannelore Schmidt. Sie will darüber sprechen und darum nicht ihren echten Namen in den Medien lesen. Denn sie hat Angst, dass ihre ehemaligen Patienten und deren Angehörige schlecht über sie denken. Warum? "Weil wir unter den Bedingungen die Menschen nicht so versorgen konnten, wie wir es sollten", sagt sie.

Zum Beispiel habe sie wegen des Personalmangels und des permanenten Zeitdrucks Bewohner häufig nicht so oft gelagert, wie es eigentlich erforderlich gewesen wäre. Die Folge waren Druckgeschwüre. Und von denen gibt es in vielen Pflegeheimen zu viele. Das hat das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) im Rahmen des Pflege-Reports 2018 festgestellt.

Laut einer Studie des Medizinischen Dienstes des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen (MDS) sollen nur 3,8 Prozent aller Pflegeheimbewohner in Deutschland einen solchen Dekubitus haben. Doch nicht nur der WIdO-Report lässt Zweifel daran aufkommen, auch Schmidt hält diese Zahl für untertrieben. "Die Arbeitsbedingungen lassen keine gute Pflege zu", sagt sie.

Es komme in vielen Heimen vor, dass Bewohner "mit Medikamenten ruhig gestellt werden, damit die Arbeit zu schaffen ist", sagt die Altenpflegerin. Sie selbst habe erlebt, wie der Arzt dementen Bewohnerinnen und Bewohnern Schlaf- und Beruhigungsmittel verschrieben habe, um zu verhindern, dass diese nachts herumlaufen und dabei stürzen. Auch das untermauert der Pflege-Report 2018: Der Studie zufolge ist die Zahl der Antipsychotika-Verordnungen zu hoch. 41 Prozent der Demenzkranken in Pflegeheimen erhalten mindestens einmal pro Quartal ein Antipsychotikum, viele davon sogar regelmäßig. In manchen Heimen werden Bewohner nachts außerdem immer noch fixiert. Auch Schmidt hat das erlebt. "Wenn man in der Nachtschicht ganz alleine ist, weil die Kollegin krank ist, dann geht es gar nicht anders", sagt die Altenpflegerin.  

Für Pflege muss man gemacht sein

Sie findet es problematisch, dass in vielen Einrichtungen die Pflegebedürftigen oft gegen ihre Widerstände betreut würden – mit Zwang und Gewalt. "Gerade demenzkranke Frauen der Kriegsgeneration wehren sich. Die wollen zum Beispiel nicht die Zehennägel geschnitten bekommen, die wollen nicht gewaschen und gewendet werden, schon gar nicht von männlichen Kollegen. Das reißt teilweise alte Traumata bei ihnen auf. Was man diesen Menschen antun muss, gleicht oft einer Vergewaltigung", sagt Schmidt. Für die 67-Jährige ist klar: "Die Arbeit fordert die Fachkräfte psychisch enorm. Daher kann auch nicht jeder Pflege und darum brechen auch viele schon in der Ausbildung wieder ab." Als ihre eigene Tochter mit dem Gedanken spielte, Altenpflegerin zu werden, habe sie ihr davon abgeraten.

Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen, dass jeder vierte Auszubildende abbricht. Da hilft es auch kaum, dass die Politik die Pflegeausbildung attraktiver gemacht hat – früher mussten angehende Altenpflegerinnen ihre Ausbildung sogar noch selbst bezahlen. Fakt ist: Selbst wenn es diese Abbrüche nicht gäbe, würden die Ausbildungszahlen nicht reichen, um den akuten Personalbedarf zu decken. Dabei wird der in Zukunft noch steigen.

Bundesweit fehlen laut Engpassanalyse der Bundesagentur für Arbeit (BA) schon heute Tausende Fachkräfte in Altenheimen und bei ambulanten Pflegediensten. Aktuell sind fast 24.000 Stellen vakant. Im Schnitt kommen auf 100 offene Stellen gerade mal 21 Bewerberinnen und Bewerber. Und nur die wenigsten von ihnen wollen in Vollzeit arbeiten.

Noch eine Zahl: In kaum einem anderen Beruf ist der Anteil der Teilzeitbeschäftigten so hoch wie in der Altenpflege. Fast drei Viertel der Beschäftigten arbeiten in Teilzeit, die meisten mit geringer Stundenzahl oder als Minijobberinnen. Das hat einerseits damit zu tun, dass 85 Prozent der Beschäftigten Frauen sind, die Kinder zu versorgen haben. Andererseits auch damit, dass die Belastungen durch Schichtarbeit, körperliche und psychische Anstrengungen hoch sind und viele deshalb gar nicht Vollzeit arbeiten wollen. Außerdem sind Teilzeitkräfte und Minijobberinnen für Arbeitgeber oft günstiger. Und wenn in einem Betrieb erst einmal ein hoher Anteil der Beschäftigten Teilzeit arbeitet, ist es schwer, Vollzeitstellen zu schaffen. Teilzeit bedingt damit Teilzeit.