Dennis J. Snower ist US-amerikanischer Ökonom. Er ist Präsident des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel und Präsident der Global Solutions Initiative.

"Die Bepreisung von Daten, besonders die der Konsumenten, ist aus meiner Sicht das zentrale Gerechtigkeitsproblem der Zukunft", sagte Angela Merkel auf dem Global Solutions Summit in Berlin. Es sei ungerecht, dass Menschen kostenlos Daten lieferten und andere damit Geld verdienten. Deshalb will die Bundeskanzlerin Daten einen angemessenen Wert zuweisen – und hat die Wissenschaft zu Lösungsvorschlägen aufgefordert.

Um den tieferen Sinn von Merkels Wunsch zu verstehen, stellen wir uns einmal eine neue Form eines mittelalterlichen Schuldknechts vor, der seine Arbeitskraft gibt und dafür etwas zu essen und ein Dach über dem Kopf erhält. Er darf zwar seinem Arbeitgeber den Rücken kehren, wann immer er möchte. Aber wenn er es tut, muss er alles zurücklassen, was seine Identität ausmacht – seinen Besitz, seine Reputation, seine Bekanntschaften. Hätten wir die Wahl zwischen der heutigen Arbeitswelt und dieser Form der Schuldknechtschaft, würde sich wohl niemand für Letztere entscheiden.

Und doch ist genau das die Welt, in der wir uns in der digitalen Sphäre bewegen. Um unsere digitalen Grundbedürfnisse zu befriedigen, müssen wir sozialen Netzwerken wie Facebook, Instagram, Snapchat oder WhatsApp beitreten. Wir nutzen Google, um Informationen zu finden, und Amazon, um jene Produkte einzukaufen, die wir gerade brauchen. Überall wird uns eine kostenfreie Dienstleistung angeboten – im Tausch für unsere Daten. Dabei gibt es keine Garantie, dass der Wert unserer Daten dem Wert der Dienstleistung auch nur annähernd entspricht. Aber wir haben keine Wahl: Mangels Alternativen müssen wir diese Form der digitalen Schuldknechtschaft akzeptieren. Dabei laufen wir Gefahr, ausgebeutet zu werden – etwa für manipulative Werbung. Wir können die digitalen Netzwerke zwar jederzeit verlassen, müssen dann aber alles zurücklassen, was wir dort akkumuliert haben: unsere Kontakte und sämtliche Informationen über uns, die wir dort einmal eingegeben haben.

Die Kanzlerin hat dieses Problem erkannt – und vorgeschlagen, dass Daten einen Preis bekommen sollen. Dann könnten Verbraucher sie nutzen, um damit für digitale Dienstleistungen zu bezahlen. Das kommt mit Blick auf die Debatte um Eigentumsrechte in der digitalen Welt einer Revolution gleich. Diese ist technisch bereits möglich: Das bekannteste Mittel dazu heißt Self Sovereign Identity System (SSIS). Es ist quasi das digitale Äquivalent zum Geldbeutel.

In der SSIS-Welt ist jeder Mensch sein eigener Identity Provider: Er hält seine Identitätsdaten selbst und hat – mithilfe eines privaten digitalen Schlüssels – volle Kontrolle darüber, wem er Zugriff gewährt. Für den Zugang zu den zahlreichen Webshops und sozialen Netzwerken, bei denen heute jeder von uns zahlreiche Bruchstücke seiner Identität verstreut hat, ist das ein sehr mächtiger Mechanismus.

Um damit an ernsthaften Geschäftsprozessen teilnehmen zu können, bedarf es aber noch eines komplementären Instrumentes, das die Korrektheit der Daten garantiert. Zum Beispiel darf es nicht – wie heute oft – für eine Altersüberprüfung bei einem Onlineshop ausreichen, dass der Benutzer sein Geburtsdatum selbst einträgt. Man braucht die Bestätigung einer Instanz, auf die sich der Shopbetreiber verlassen kann.

Für eine solche Verifizierung von Daten und Transaktionen ist die Blockchain-Technologie geeignet, die vor allem als Basistechnologie für die Digitalwährung Bitcoin bekannt geworden ist. Die Blockchain funktioniert vereinfacht gesagt wie ein dezentral geführtes, verschlüsseltes Protokoll, in dem Daten und Transaktionen transparent festgehalten und verifiziert werden. Es ist über einen mit dem privaten Schlüssel korrespondierenden öffentlichen Schlüssel zugänglich, aber nicht veränderbar.