Natürlich ist es praktisch, mit Karte zu zahlen, ob im Supermarkt, Baumarkt oder Modegeschäft. Man muss keine größeren Bargeldsummen mit sich herumtragen und kann sich die Lauferei zum Geldautomaten sparen. Bargeldloses Bezahlen ist flexibel, komfortabel und schnell, finden die Kunden selbst. Doch nicht nur sie freuen sich.

Nach Angaben der Bundesbank werden inzwischen erstmals weniger als die Hälfte aller Einzelhandelsumsätze mit Scheinen oder Münzen getätigt. Schließlich legen sich Händler und Bezahlabwickler mächtig für das elektronische Zahlen ins Zeug: Die Supermarktketten bieten mittlerweile nicht nur Terminals für kontaktloses Zahlen mit Karte oder Handy an, sondern auch Prepaid-Kreditkarten und den Cashback-Service, damit man an der Supermarktkasse noch Geld vom Konto abheben kann.

Warum sie das tun? Es geht zwar auch darum, den Kunden mehr Service zu bieten, wie sie gern selbst sagen. Der womöglich wichtigere Grund könnte jedoch sein: "Bei jedem Zahlungsvorgang werden Transaktionsdaten generiert und erfasst, die nicht zuletzt wesentliche Aufschlüsse über das Verbraucherverhalten beinhalten", bringt es die Beratungsgesellschaft Lünendonk auf den Punkt. Handelsunternehmen könnten ihre Kunden über die Datenauswertung "besser kennenlernen". Auch in einer Studie zum "Handel 2025" der Beratungsgesellschaft KPMG heißt es: "Jede digitale Bewegung hinterlässt Spuren im Netz. Konsumenten teilen ihre Erfahrungen, ihre Kritik und ihre Wünsche in den sozialen Netzwerken." Die Datenmengen, die dem Handel zur Verfügung stünden, "sind immens – und wachsen stetig".

Ab 50 Euro wird mehr mit Karte gezahlt

Was damit möglich ist: zielgenauere Produktwerbung. Manche träumen schon von individualisierten Preisen, ganz zugeschnitten auf die jeweilige Zahlungsbereitschaft. Die Händler könnten also wahre Datenschätze sammeln, wenn deutsche Kunden endlich so bezahlen wie Amerikaner, Briten oder Schweden, primär elektronisch. Noch ist das hierzulande im Vergleich ziemlich unterentwickelt: In deutschen Geschäften werden – wie auch im gesamten Euroraum – noch vier von fünf Bezahlvorgänge bar gezahlt. Vor allem wenn es um Kleinbeträge geht. Erst ab zirka 50 Euro zücken die meisten lieber ihre Karten. Aber es wird stetig mehr und immerhin jeder zweite Umsatzeuro wird bereits bargeldlos abgewickelt. Das sehen Daten- und Verbraucherschützer mit Sorge.

"Den meisten Kunden ist gar nicht klar, welche Datenspur sie beim bargeldlosen zahlen hinterlassen und was daraus alles abgelesen werden kann", warnt Jaro Krieger-Lamina, Informationssicherheitsexperte vom Institut für Technikfolgenabschätzung der österreichischen Akademie der Wissenschaften. Die Menschen wüssten meist nicht, wie wiedererkennbar sie damit seien. Für den Datenschützer ist klar: "Die Zahlung mit Karte bedeutet das Ende der Anonymität." Auch der Cryptospezialist Andy Rupp vom Karlsruhe Institut für Technologie (KIT) sagt: "Man unterschätzt leicht, was die Daten über den Zahler aussagen. Es gibt clevere Algorithmen, die daraus genaue Profile erstellen können."

Das belegte bereits 2015 eine Studie des Massachusetts Institute of Technology (MIT) und der Universität Aarhus: Sie wertete über einen Zeitraum von drei Monaten die Kreditkartentransaktionen von 1,1 Millionen Menschen in 34 Ländern und zehntausenden Geschäften aus. Die Datensätze und Kreditartennummern waren zwar völlig anonymisiert. Dennoch benötigten die Forscher bloß die Metadaten von vier "raumzeitlichen Punkten", wie sie das nennen, um 90 Prozent der Käufer eindeutig zu identifizieren.

Das Prinzip ist einfach, die Datenauswerter suchen nach Mustern im Einkaufsverhalten:  Bezahlt jemand mit Karte öfter mal montagsfrüh einen Coffee to go, donnerstags beim Tanken oder freitags beim Supermarkteinkauf oder im Modegeschäft und zwar öfter um die gleiche Zeit in ähnlicher Größenordnung, lässt sich allein aus diesen wiederkehrenden Bezahlvorgängen ein Profil erstellen, das zur einkaufenden Person führt – selbst ganz ohne das Vorliegen der konkreten Kreditkartennummern. Kennt man sogar zusätzlich die Kartennummern, ließe sich detailliert protokollieren, wann und wo was gekauft worden ist.

Aus sämtlichen Daten, die beim Bezahlprozess anfallen, könnte man noch viel mehr auslesen, sagt Krieger-Lamina: "Man weiß natürlich, wann und wo jemand mit einer Karte eingekauft hat und wie viel Geld er dort ausgegeben hat. Beim Besuch von Fachgeschäften lassen sich auch Rückschlüsse ziehen über die gekauften Produkte." Außerdem ließe sich viel über die Tagesstruktur erfahren, wenn jemand regelmäßig vor Arbeitsbeginn oder in der Mittagspause einkauft. Letztlich sei auch ablesbar, sagt Krieger-Lamina, wo Wohnung und Arbeitsstätte liegen oder der Zweitwohnsitz, an dem sich jemand am Wochenende regelmäßig aufhalte. Je mehr wir nicht nur im Laden, sondern auch beim Tanken, in öffentlichen Verkehrsmitteln oder im Internet mit Karte und Handy shoppen, desto umfangreicher wird der Datenschatz der Abwicklungsunternehmen. Auch unsere Browser, Computer und GPS-Daten kennen sie dann.