Für die Menschen in Deutschland wird es künftig einfacher, Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren. Das ist ein Erfolg, den die SPD in der Koalition mit der Union für sich verbuchen kann. Schließlich hat sie nach langem Gerangel jetzt durchgesetzt, dass man im Job künftig nicht nur das Recht hat, die Arbeitszeit zu reduzieren, sondern diese auch nach einer bestimmten Zeit wieder aufzustocken auf Vollzeit. Allerdings soll es einige Einschränkungen geben, die die Freude über dieses Gesetz nur leicht trüben, denn insgesamt kommt es den Ansprüchen nach, die Beschäftigte heute und besonders Frauen an ihren Arbeitsplatz stellen.  

Ab 2019 sollen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Unternehmen mit mehr als 45 Beschäftigten unter bestimmten Umständen einen Anspruch darauf haben, ihre Arbeitszeit für eine Dauer zwischen einem und fünf Jahren zu reduzieren. Sie müssen dadurch ihre Vollzeitstelle nicht für immer aufgeben. Die Sozialdemokraten hätten diesen Rückkehranspruch von Teilzeit auf Vollzeit gerne schon in der letzten Legislaturperiode durchgesetzt, um besonders etwas für Mütter zu tun: Denn es sind überwiegend sie, die in Teilzeit arbeiten.

Fast jede zweite erwerbstätige Frau hat keine Vollzeitstelle, bei den Müttern mit kleinen Kindern sind sogar knapp drei Viertel in Teilzeit beschäftigt. Viele dieser Frauen würden ihre Arbeitszeit gerne irgendwann wieder erhöhen. Und hier lag bisher das Problem: Zwar sieht das heutige Teilzeitgesetz vor, dass man seine Arbeitszeit wieder erhöhen kann, ein Recht darauf hat man aber nicht. Nur den Anspruch darauf, dass der Arbeitgeber den Aufstockungswunsch überprüfen muss.

Es ist nicht ganz leicht nachzuvollziehen, weshalb dieses Gesetz so lange auf den Widerstand der Union und vor allem der Wirtschaft stieß. Die Argumentation lautete, dass es schwierig genug sei, jedem Arbeitnehmer und jeder Arbeitnehmerin einen Teilzeitjob zu ermöglichen, so wie es das Teilzeitgesetz bereits heute vorsieht. Jetzt auch noch die Rückkehr auf Vollzeit zu gewährleisten, könne den Unternehmen nicht zugemutet werden. Das sei nicht zu realisieren mit den Herausforderungen der Personalplanung, hieß es.

Neue Realität anerkennen

Aber die Arbeitswelt wird immer flexibler, zugleich fehlen auf dem Arbeitsmarkt in immer mehr Branchen und Berufen gut ausgebildete Fachkräfte. Da können es sich Unternehmen nicht mehr leisten, Mütter für immer in die Teilzeit zu schieben. Zugleich wollen auch mehr Männer, zumindest für eine Weile, ihre Arbeitszeit reduzieren. Teilzeitarbeit ist normaler geworden. Die Zahl der Beschäftigten in Teilzeit stieg innerhalb von 20 Jahren von 8,3 Millionen auf über 15,3 Millionen. Diese neue Realität müssen auch die Unternehmen anerkennen, und in einer Branche haben sie es bereits getan.

Zu Beginn des Jahres setzte die IG Metall für ihre männerlastige Branche ein Recht auf befristete Teilzeit durch. Spätestens danach war klar: Die Sozialdemokraten müssen liefern. Und diesmal blieben sie hartnäckig. Schon bei den Sondierungsgesprächen und Koalitionsverhandlungen war der Rückkehranspruch auf Vollzeit ein wichtiger Punkt zwischen SPD und Union. Man vereinbarte einen Kompromiss: Der Rechtsanspruch soll nur für Unternehmen ab 45 Beschäftigten gelten. Und für Firmen mit 46 bis 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gibt es Ausnahmen. Hier muss der Arbeitgeber nur einem von 15 Arbeitnehmern die temporäre Teilzeit gewähren. Außerdem gibt es für die befristete Teilzeit planbare Zeiträume zwischen einem und fünf Jahren – das macht die Personaljonglage für die Arbeitgeber einfacher. So bekommen Unternehmen genug Spielraum für die Umsetzung des Gesetzes.

Strittig war bis zuletzt noch ein anderer Punkt: Die Sozialdemokraten wollten etwas für die Beschäftigten erreichen, die heute schon in Teilzeit arbeiten und die von der befristeten Teilzeit sonst nicht profitieren würden, da die Regelung – wie immer bei solchen Gesetzen – einen Stichtagsbezug haben wird. Das ging der Union allerdings zu weit. Geeinigt hat man sich nun auf eine Definition, die Unternehmen Klarheit und Planungssicherheit gibt.

Das bitterste Zugeständnis an die Union ist allerdings die Beschränkung der Regelung auf Betriebe mit mehr als 45 Beschäftigten. Gerade Frauen in Teilzeit mit geringer Stundenzahl arbeiten häufig in Klein- und Kleinstbetrieben mit weniger als 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Dennoch wird für 22 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland die Brückenteilzeit künftig möglich sein. Damit haben viele berufstätige Mütter eine klare Perspektive und müssen nicht mehr fürchten, in der Teilzeit festzusitzen.

Und noch etwas wird erreicht: Arbeitsmarktexperten erwarten, dass vor allem Väter mit dem Wunsch, ihre Arbeitszeit leicht zu reduzieren, den neuen Rechtsanspruch nutzen werden. Umfragen zeigen, dass sowohl Männer als auch Frauen sich mehr von solchen Arbeitszeitmodellen wünschen. Und so hat die SPD ein Gesetz auf den Weg gebracht, das vielleicht auf den ersten Blick aussieht wie ein schwacher Kompromiss – jedoch das Potenzial hat, eine enorme Wirkung für die ganze Arbeitswelt zu entfalten.