Manche Passagiere starren auf ihre Brüste, andere verhalten sich so hilflos wie Kinder. Trotzdem mag sie ihren Job. Das anonyme Gehaltsprotokoll einer Flugbegleiterin

Name: anonym
Alter: 25 Jahre
Gehalt: rund 1.750 Euro monatlich

Neulich war ich auf einem Flug nach Tel Aviv. Alles war schon zum Start bereit, nur eine Sache stimmte nicht: die Zahl der Passagiere. Einer fehlte. Am Gate hatte die Zahl noch gestimmt. Also begannen wir Flugbegleiterinnen die ganze Maschine zu durchsuchen. Schließlich öffneten wir sogar die Fächer für das Handgepäck. Und tatsächlich: In einem der Kopffächer fanden wir den fehlenden Passagier. Ein Baby. Die Mutter hatte es im Gepäckfach verstaut, weil es da "so schön dunkel" ist, damit es gut schlafen kann.

Ich habe mich daran gewöhnt, dass Menschen aufhören zu denken, sobald sie ein Flugzeug betreten. Aus Erwachsenen werden dann auf einmal hilflose Wesen, die auf die seltsamsten Ideen kommen und für alles eine Anleitung brauchen. Am Eingang sehe ich regelmäßig dabei zu: Der Passagier kommt auf mich zu und zeigt mir seine Bordkarte. Aha, 47 E, dort hinten ist Ihr Sitz. Der Passagier geht weiter, kommt an meiner Kollegin vorbei, zeigt wieder seine Bordkarte: Wo ist mein Sitz? Beim dritten Kollegen noch mal. Die Antwort lautet immer: Einfach geradeaus. Das Flugzeug hat nur einen einzigen Gang. Mit nummerierten Sitzreihen. Und die Leute wollen trotzdem dreimal erklärt bekommen, wo sie ihren Sitz finden.

Man stelle sich das mal in einer Notsituation vor. Simulationen haben gezeigt, dass Passagiere immer auf die Tür zustürmen, durch die sie reingekommen sind. Deshalb sind wir Flugbegleiterinnen da, dafür werden wir ausgebildet: für die Sicherheit. Wir können ein Flugzeug mit zweihundert Menschen in sechzig Sekunden räumen. Wir können Feuer schnell löschen. Wir versorgen kranke Fluggäste mit Medikamenten und können notfalls jemanden mit dem Defibrillator wiederbeleben. Wir achten darauf, dass alles gesichert ist, bevor das Flugzeug startet.

Aber im Alltag sind die Passagiere genervt, wenn wir kontrollieren, ob sie sich angeschnallt haben. Sie verstehen nicht, dass auch die nervigsten Regeln einen Sinn haben. Die meisten fühlen sich im Flugzeug sicher, manche zu sicher. Sie wollen nur möglichst schnell ihren Orangensaft serviert bekommen. Dabei ist der Service nur Nebensache in meinem Beruf – eine Beschäftigung für uns, weil es im besten Fall nie dazu kommt, dass wir unseren eigentlichen Job machen müssen.

Die meisten haben noch das alte Bild von Stewardessen im Kopf: adrette Hostessen, die ihnen mit einem Lächeln auf den knallroten Lippen das Menü servieren. Flugtickets werden immer billiger, aber das Klischee hat sich gehalten.

Aussehen ist in meinen Job nicht mehr wichtig. Beim Einstellen ist zwar Normalgewicht eine der Bedingungen, das liegt aber am Platzmangel im Flugzeug. Wenn ein Trolli im Gang steht, kommen die meisten Passagiere daran nicht mehr vorbei. Ich kann mich vorbeiquetschen, wenn ich meinen Bauch einziehe.

Wichtiger als gutes Aussehen ist, dass wir gepflegt sind. Das heißt: keine schmutzigen Fingernägel, keine fettigen Haare, keine blauen Strähnen. Keine sichtbaren Piercings oder Tattoos. Make-up ist keine Vorgabe, mit einer Ausnahme: der Lippenstift-Pflicht. Sie versuchen damit wohl zu gewährleisten, dass wir gepflegt aussehen. Wer morgens Lippenstift aufträgt, sieht automatisch in den Spiegel.