Diese Aufgabe ist kniffeliger als gedacht: Logan Olexa und Loïc Kovarovsky stehen an der Werkbank und mühen sich mit einer sogenannten Kreuzstücklehre. Sie sollen das kreuzförmige Metallteil so zurechtfeilen, dass es wie ein Puzzleteil in eine vorgegebene Mulde passt. Aber eine zu große Lücke darf auch nicht entstehen. Die Feinarbeit ist Teil ihrer Ausbildung zum Mechatroniker. Die beiden 22 und 20 Jahre alten Franzosen sind seit vergangenem Herbst beim Reifenhersteller Michelin in der Lehre.

Allerdings machen die Azubis ihre Ausbildung nicht in Frankreich, sondern jenseits der Grenze im saarländischen Homburg. Dort betreibt Michelin ein Werk für Nutzfahrzeugreifen. Eine Million Neureifen für Busse und Lastwagen entstehen dort jedes Jahr, die Kapazität für Runderneuerungen liegt bei 600.000. Olexa und Kovarovsky machen eine grenzüberschreitende Lehre, wie sie Michelin seit 2013 anbietet: Für den praktischen Teil pendeln sie jeden Tag aus Lothringen herüber ins Saarland. Die Theorie absolvieren sie in Frankreich.

Während die Feilerei noch eine Herausforderung ist, kennen die beiden jungen Männer ein deutsches Motto bereits aus dem Effeff: "Handwerk hat goldenen Boden." Bei den Blockseminaren in Frankreich staunen die anderen französischen Azubis nicht schlecht, wenn Olexa und Kovarovsky versuchen, dafür eine französische Entsprechung zu finden. Der Spruch existiert hier schlicht nicht. Im Gegenteil: Ein gewerbliche Ausbildung ist in Frankreich nicht gut angesehen. Denn vor allem Schulversager lernen in Betrieben. Wer hingegen etwas gelten will, besucht eine Universität. Die Zahlen verdeutlichen es: In Frankreich machten Ende 2017 rund 330.000 junge Menschen eine Lehre. In Deutschland waren es fast viermal so viele.

Jugendarbeitslosigkeit, Studienabbrüche, Fachkräftemangel

Die Regierung unter Präsident Emmanuel Macron will das ändern und Ausbildungsberufe aufwerten. Drei Gründe geben dem Präsidenten recht: Fast ein Viertel der französischen Jugendlichen ist arbeitslos, die Abbrecher- und Durchfallquote an den Universitäten vor allem im ersten Jahr mit nahezu 60 Prozent überdurchschnittlich hoch. Gleichzeitig ist der Fachkräftemangel längst nicht mehr nur ein deutsches Problem. 

Wenn sich nicht bald etwas ändert, fehlen den französischen Betrieben bis 2030 rund 1,5 Millionen qualifizierte Mitarbeiter, heißt es in einer jüngst veröffentlichten Studie. Das würde die Wirtschaft des Landes um 175 Milliarden Euro an Wertschöpfung bringen.

"Wir müssen das Image der Ausbildung umkrempeln," betont deshalb auch Thierry Herning, Chef von BASF France. "In den nächsten fünf Jahren werden viele Mitarbeiter in Rente gehen. Bei den Unternehmen ist die Botschaft bereits angekommen. Jetzt muss die Diskussion in den Familien geführt werden. Die Eltern müssen die Gewissheit haben, dass eine Ausbildung für ihre Kinder kein Schaden ist." 2011 waren nur 1,7 Prozent der gut 3.000 Beschäftigte zählenden Belegschaft von BASF France Auszubildende. Heute sind es mehr als fünf Prozent. Allein 2017 haben 84 Jugendliche eine Lehre begonnen.

In die Gesetzesvorlage zur Ausbildungsreform, die vor kurzem im französischen Parlament diskutiert und bis zum Sommer verabschiedet werden soll, hat Frankreichs Arbeitsministerin Muriel Pénicaud einen Vorschlag Hernings aufgenommen: Die Ausbildung soll jederzeit im Jahr beginnen können. Ganz nach den Bedürfnissen der Unternehmen, aber auch der jungen Leute, die ansonsten ein komplettes Jahr verlieren, wenn sie sich etwa nach einigen Monaten an der Universität umorientieren wollen. Auch den Vorschlag, dass der Staat die unter 18-Jährigen künftig bei den Ausgaben für einen Führerschein mit 500 Euro unterstützt, hält der Chef von BASF France für eine gute Idee. Gerade auf dem Land, wo es wenig öffentliche Verkehrsmittel gibt, erhöhe das die Mobilität der jungen Leute.

Bei diesem zweiten großen Projekt zur Reform des französischen Arbeitsmarkts – nach der Flexibilisierung der Arbeitszeiten und Kündigungsschutzregeln im vergangenen Jahr und bevor die Regierung umstrittene Themen wie die Arbeitslosenversicherung und die Entwirrung des verschachtelten Rentensystems anpackt – muss die Wirtschaft mitziehen. Trotz steuerlicher Anreize bilden derzeit nur drei Prozent der Unternehmen selbst aus. Alle anderen finanzieren bisher mit einer Abgabe an die Regionen ein stark verschultes Ausbildungssystem, das zu einer sehr allgemein angelegten, aber wenig praxisorientierten Berufsbildung führt. In den lycées professionnels, den berufsbildenden Gymnasien, verbringen die Absolventen während ihrer zweijährigen Ausbildung beispielsweise nur zwölf bis 16 Wochen in einem Betrieb. Auch die centres de formation d'apprentis genannten Ausbildungszentren für handwerkliche Berufe wie Schreiner, Klempner oder auch Elektriker sehen allenfalls ein Drittel der Ausbildungszeit in einem Betrieb vor.