Es endet, wie es häufig endet in Europa: mit einem mittelmäßigen Kompromiss. Nach acht langen Jahren soll Griechenland diesen August endlich das Rettungsprogramm verlassen. Das haben die Finanzminister der Eurozone Donnerstagnacht beschlossen und dem Land einige Zugeständnisse gemacht. Im Gegenzug werden sie noch etwas länger und strenger den Haushalt der Regierung in Athen in den nächsten Jahren überwachen. Was bleibt: Die griechische Regierung kann jetzt wieder einigermaßen selbstständig Politik gestalten, auch die finanzielle Stabilität dafür sollte in den kommenden Jahren gesichert sein. War diese ewige Rettung also doch ein Erfolg?

Darauf lässt sich nur eine Antwort finden, wenn man nicht nur das aktuelle Ergebnis betrachtet, sondern sich vergegenwärtigt, was in den vergangenen acht Jahren geschehen ist, sowohl mit Griechenland, als auch mit Europa. Es begann damit, dass sich die Bankenkrise 2009 zur einer Schuldenkrise der Staaten ausweitete, die zu einer Gefahr für die damals noch junge Gemeinschaftswährung wurde: Es drohte der Zusammenbruch des Euro. Aber warum eigentlich? Kurz gesagt, weil Europas Banken zu viele Kredite an überschuldete Länder wie Griechenland vergeben hatten. Wären diese Kredite geplatzt, hätte das gesamte Bankensystem Europas kollabieren können. Millionen Sparer, gerade auch in Deutschland und Frankreich, hätten ihr Geld verloren.

Es war die Zeit, in der die bis dato so behäbige EU plötzlich Sondergipfel einberufen musste. Inzwischen gehört das fast zur Normalität – auch an diesem Wochenende wird in Brüssel wieder außerregulär gestritten, diesmal über die Migration. Dennoch ist damals in Europa eine politische Kultur aufgekommen, die in der Finanzkrise entstanden ist und bis heute in der Flüchtlingskrise fortwirkt: Das nationalstaatliche Interesse setzt sich durch. Die eigene Nation geht vor, auch wenn das die Zukunft Europas auf lange Sicht gefährdet.

Viele werden jetzt einwenden, dass Europa doch Griechenland vor der Insolvenz gerettet habe. Man war solidarisch und großzügig mit den angeblich verschwendungssüchtigen Griechen, die sich nun einmal selbst in diese ausweglose Lage manövriert hatten. Was man aber nach Jahren der Eurokrise zu gerne vergisst: Bei einer Insolvenz sind immer zwei Seiten gleichermaßen beteiligt, Gläubiger und Schuldner. Jeder muss seine Last tragen, schließlich geht ein Gläubiger immer ein Risiko ein, wenn er jemandem Geld leiht. Deshalb zahlt der Schuldner auch Zinsen für einen Kredit. So funktioniert die jahrtausendealte Logik der Geldwirtschaft. 

Die Depression hat Spuren hinterlassen

Diese Logik jedoch wurde im Falle Griechenlands zumindest anfangs außer Kraft gesetzt, weil das Land die Last der drohenden Insolvenz fast ausschließlich selbst tragen musste. Statt auch die deutschen, französischen und anderen europäischen Banken in Verantwortung zu nehmen und sie an den Verlusten dieser de facto Zahlungsunfähigkeit zu beteiligen, haben die Eurostaaten durch ihren Rettungsfonds den Banken die griechischen Schulden abgenommen. Erst im Jahr 2012 dann wurde ein guter Teil der Schulden tatsächlich gestrichen, Banken und Hedgefonds mussten dieser Gelder abschreiben. Dennoch ändert das nur wenig an der Tatsache, dass Deutschland und die anderen Eurostaaten mit der Griechenlandrettung zunächst Schaden von sich selbst abgewendet haben.

Für Griechenland gab es dann nur noch eine Strategie: lange und hart sparen. Dennoch hat das an der Höhe der Schulden bis heute nicht viel geändert, auch nicht durch den jüngsten Beschluss der Eurofinanzminister vom Donnerstag. Die Vorgabe für Griechenland lautet weiterhin: die schwarze Null schaffen. Der Staat muss mehr einnehmen, als er ausgibt. Das Prinzip ist natürlich richtig, nur der Weg zu diesem Ziel wurde in Griechenland zu einem sehr hohen Preis erkauft: Die Wirtschaft hat ein Viertel seiner Leistungsfähigkeit in der Krise verloren, so viel wie in keinem anderen Land der Welt zu Friedenszeiten.

Diese enorme Depression hat ihre Spuren hinterlassen, ganz sichtbar in der Gesellschaft Griechenlands, aber auch in Europa insgesamt. Die lange und schwere Krise hat das Vertrauen in das gemeinsame Projekt erschüttert, den inneren Zusammenhalt geschwächt und das Misstrauen untereinander gesteigert. Davon hat sich der Kontinent nicht wirklich erholen können, bevor mit der Flüchtlingskrise die nächste Herausforderung aufkam.

Es ist müßig, immer wieder daran zu erinnern, aber letztlich führt kein Weg daran vorbei: Das Projekt Europa kann nur funktionieren, wenn alle weniger an sich und etwas mehr an Europa denken.