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Euklid Tsakalotos ist seit Sommer 2015 Griechenlands Finanzminister. Er folgte auf den umstrittenen Amtsvorgänger Yanis Varoufakis und verhandelte das dritte Rettungsprogramm für sein Land. Tsakalotos ist Gründungsmitglied der linken Syriza-Partei und Professor für Volkswirtschaftslehre. Zum Interview im Athener Ministerium empfängt er in Jeans und kurzärmligem Hemd, einen griechischen Café frappé in der Hand.

ZEIT ONLINE: Herr Tsakalotos, wie genervt sind Sie momentan von Italien?

Euklid Tsakalotos: Genervt ist nicht der richtige Ausdruck. Ich bin besorgt – wie viele andere Menschen auch. Wenn man sich die Zahlen der vergangenen 20 Jahre ansieht, ist die italienische Wirtschaft, pro Kopf gerechnet, kaum gewachsen. Das Land leidet unter enormen regionalen Unterschieden. Dass die Menschen nicht mehr die traditionellen Parteien wählen, liegt an den sehr schwierigen sozialen und regionalen Problemen. Trotzdem bietet jedes Problem auch eine Chance, weil man jetzt in eine ernsthafte Diskussion über diese Themen in der Eurozone einsteigen kann. Ich hoffe, dass Italien ein Bewusstsein dafür schafft, wie dringlich die Lage ist.

ZEIT ONLINE: Dennoch könnte die Lage in Italien negative Folgen auf Ihren Plan haben, nach acht Jahren jetzt endlich das Rettungsprogramm zu beenden.

Tsakalotos: Kurzfristig sind die Renditen auf griechische Staatsanleihen gestiegen, sodass es für uns tatsächlich schwieriger wird, sich am Kapitalmarkt zu finanzieren. Aber ich erwarte nicht, dass dies ewig so weitergeht. Unsere Experten der staatlichen Schuldenagentur können am besten beurteilen, wann die Konditionen angemessen sind, um sich am Kapitalmarkt wieder Geld zu leihen. Sie haben das bisher auch schon erfolgreich getan. Außerdem verfügen wir über einen Puffer für unseren Finanzbedarf. Die Lage in Italien ist ohnehin ein Thema für alle Europäer, nicht allein für Griechenland.

ZEIT ONLINE: Auch weil das Land jetzt eine populistische Regierung hat, die Vorurteile gegenüber Migranten instrumentalisiert?

Die Italiener sind nicht plötzlich verrückt geworden.

Tsakalotos: Ja, das ist ein Punkt. Aber hören Sie nicht nur auf Parteislogans! Schauen Sie sich lieber an, weshalb die Menschen solche Parteien wählen. Italien und Europa müssen diese Probleme angehen. Die Italiener sind nicht plötzlich verrückt geworden. Ihnen jetzt Populismus vorzuwerfen und Beleidigungen auszutauschen, wird nicht sehr hilfreich sein für Europa. Wir sollten jetzt alle ruhig bleiben. Auch die EU-Kommission ist bisher ruhig geblieben.

ZEIT ONLINE: Aber Italien zeigt, wie verletzlich der Euro immer noch ist.

Tsakalotos: Es wäre schön, wenn wir zu einer Eurozone kämen, die proaktiv handelt und nicht ständig nur reagiert – und so Probleme voraussieht. Eine Währungsunion sollte auch über einen Mechanismus verfügen, der regionale Ungleichheiten angeht. Es ist unvermeidbar, dass die Eurozone unter Druck gerät, wenn es einer Region sehr gut geht und der anderen nicht.

ZEIT ONLINE: Was braucht Europa jetzt mehr, eine Vision wie die von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron oder eine nüchterne, realistische Herangehensweise wie die von Kanzlerin Angela Merkel?

Tsakalotos: Was realistisch ist und was nicht, muss erst einmal festgelegt werden. Die Probleme der Eurozone werden nicht gelöst, indem wir einfach so weitermachen wie bisher. Frau Merkel könnte kühner sein, als sie es ist. Das wäre gut für Deutschland und für ihr Erbe als europäische Politikerin.