ZEIT ONLINE: Was genau meinen Sie mit "kühner"? Mehr Geld?

Tsakalotos: Es geht nicht immer nur um Geld. Das ist sicher wichtig, aber es geht auch darum, Institution zu haben, die Probleme lösen. Wenn man als Volkswirtschaft einer Währungsunion beitritt, gibt man eine wichtige Waffe auf: Man kann seine Währung nicht mehr abwerten und damit seine Wirtschaft wettbewerbsfähiger machen. Also braucht man andere Instrumente, beispielsweise eine Regionalpolitik, eine europäische Arbeitslosenversicherung oder eine Investitionsstrategie. Unglücklicherweise warten die Mitgliedsstaaten auf politische Krisen wie die in Italien, anstattt nach vorne zu schauen und Reformen zu beschließen.

ZEIT ONLINE: Hat sich die deutsche Position gegenüber Griechenland verändert, seit der Sozialdemokrat Olaf Scholz Finanzminister ist und nicht mehr Wolfgang Schäuble?

Tsakalotos: Sie sollten mich das nach dem Treffen der Eurogruppe am 21. Juni fragen. Jeder erkennt inzwischen an, dass Griechenland eine große Zahl an Reformen in sehr vielen Bereichen umgesetzt hat. Wer das infrage stellt, hat nicht mitbekommen, was in Griechenland geschehen ist.

ZEIT ONLINE: Sie erwarten also jetzt die versprochene Schuldenerleichterung?

Tsakalotos: Olaf Scholz weiß, dass es eine Stellungnahme der Eurogruppe vom Juni 2017 gibt, die sehr eindeutig ist und sich zu einer Schuldenerleichterung verpflichtet, damit Griechenland nach Ende des Rettungsprogramms wieder an den Kapitalmarkt gehen kann. Was macht Griechenlands Schulden mittel- und langfristig tragfähig? Man kann es mit einer Schwangerschaft vergleichen: Man kann nicht halbschwanger sein. Entweder erreicht man ein tragfähiges Schuldenniveau oder eben nicht.

ZEIT ONLINE: Sie brauchen den Internationalen Währungsfonds (IWF) für den Nachweis, dass die griechischen Schulden tragfähig sind. Der aber erwägt, das Programm zu verlassen.

Tsakalotos: Die Eurogruppe hat klargemacht, dass sie Griechenland helfen will, an den Kapitalmarkt zurückzukehren – unabhängig von einer Beteiligung des IWF.

ZEIT ONLINE: Was passiert, wenn das Versprechen der Schuldenerleichterung nicht eingelöst wird?

Irgendwann muss man einem Land auch vertrauen.

Tsakalotos: Es ist extrem wichtig für uns, dass Wirtschaftszeitungen wie das Handelsblatt, das Wall Street Journal und die Financial Times nicht am 22. Juni berichten, die Eurogruppe habe erneut die Probleme vor sich hergeschoben und die griechische Schuldenfrage nicht geklärt. Wenn das passiert, werden wir offenkundig keinen Zugang zum Kapitalmarkt haben.

ZEIT ONLINE: Aber ein sogenannter vorsorglicher Kredit könnte Griechenland doch helfen, die Märkte zu beruhigen.

Tsakalotos: Erst einmal gilt, dass die Eurogruppe im Juni 2017 eine andere Strategie beschlossen hat: Es soll ein Finanzpuffer aufgebaut werden. Das ist ein Ersatz für eine solche vorsorgliche Kreditlinie, kein Zusatz.

Mein zweites Argument lautet: Es ist weder in Deutschlands noch in Griechenlands Interesse, weiterhin Rettungsprogramme zu haben. Denn eine solche Kreditlinie wäre nichts anderes als ein neues Programm mit Konditionen und Reformverpflichtungen.

Irgendwann muss man einem Land auch vertrauen, dass es seine Verantwortung ernst nimmt. Wir waren acht Jahre lang in einem Programm und wollen es jetzt verlassen. Lassen Sie uns alle einmal tief durchatmen und sehen, wie wir – die Regierung, die Opposition und die Sozialpartner in Griechenland – uns verantwortlich verhalten können, sodass wir nicht zurück in alte Muster verfallen.

ZEIT ONLINE: Natürlich wünschen sich die Geldgeber aber irgendeine Form von Kontrolle. Wie können sie sicher sein, dass die griechische Regierung nicht die Reformen rückgängig macht, sobald Griechenland das Programm verlässt?

Tsakalotos: Mit dem Ende des Programms wird es weiterhin eine Aufsicht geben, die sogar stärker sein wird als bei den früheren Programmländern Portugal, Irland und Zypern. Außerdem gibt es die Märkte. Sie haben aber das Wort Kontrolle verwendet – Europa sollte nicht über Kontrolle funktionieren. Man kann die Dinge in einer Krise kontrollieren, aber irgendwann muss man sagen: Die Krise ist vorbei, und jetzt ist es Zeit, von Kontrolle zu Partnerschaft überzugehen. Die Menschen in Griechenland werden wieder ihre Selbstbestimmheit erlangen. Das ist sehr wichtig. Das Programm zu beenden, ist ein Wendepunkt für uns. Die vergangenen Jahre waren auch ein Lernprozess. Wir wissen, was 2008 geschehen ist, als alles begann. Wir haben es durchgestanden und wollen es nicht noch einmal erleben.