ZEIT ONLINE: Aber wie wollen Sie die anspruchsvollen Haushaltsziele erreichen und zugleich das Wirtschaftwachstum fördern?

Tsakalotos: Vor einigen Tagen erst haben wir eine detaillierte Wachstumsstrategie vorgestellt. Das ist kein Wunschdenken, sondern wird auch die Basis für das Wahlprogramm von Syriza im nächstes Jahr sein. Die Wähler können dann vergleichen. Wir haben Prioritäten gesetzt: die Reform des langsamen Rechtssystems, die zu bürokratische Verwaltung und das schwache unternehmerische Umfeld.

Außerdem kümmern wir uns um das Steuerthema: die Steuerverwaltung, Steuerflucht und Steuervermeidung. Da unsere Wirtschaft wächst und wir gleichzeitig die Steuerflucht erfolgreich bekämpfen, wird der Staat in den kommenden Jahren mehr einnehmen als ausgeben, also einen Primärüberschuss erzielen. Dieser wird sogar größer ausfallen als von den Geldgebern verlangt. Insgesamt entstehen dadurch Mehreinnahmen von 3,5 Milliarden Euro bis 2022, die wir für Steuersenkungen, Investitionen und Sozialausgaben verwenden werden. So können wir Steuersenkungen für Unternehmen, Selbständige und kleine Gewerbe und die Sozialausgaben ausbalancieren.

ZEIT ONLINE: Die griechische Wirtschaft wächst wieder und Griechenland erreicht sogar die schwarze Null. War das Rettungsprogramm letztlich doch ein Erfolg?

Tsakalotos: Sie verlangen vor mir, dass ich nicht nur unser eigenes Programm, sondern auch die beiden vorausgegangenen beurteile. Wir sind die einzige Gesellschaft, die in Friedenszeiten 25 Prozent ihrer Wirtschaftskraft verloren hat. Wie kann das ein Erfolg sein? Letzlich haben wir als Regierung versucht, Reformen umzusetzen und die Gesellschaft dafür zu gewinnen. Aber es wäre anmaßend, hier von einem Erfolg zu sprechen, angesichts des Elends und der humanitären Krise. Andererseits war seit der Parteigründung von Syriza klar, dass wir nicht ins Jahr 2008 zurückwollen. Und das ist auch der Kern unserer Wachstumsstrategie. Ein Rückschritt wäre das Letzte, das wir möchten.

ZEIT ONLINE: Hat Griechenland im Rückblick genügend Solidarität von den anderen Eurozonenländern erfahren?

Tsakalotos: In der privaten Wirtschaft werden normalerweise die Schulden eines Unternehmens zuerst restrukturiert und anschließend wird ein Businessplan aufgesetzt. So geht auch der IWF in anderen Ländern vor. In Griechenland jedoch war es anders: Wir wurden gezwungen, es andersherum zu machen. Und das war eine umstrittene Entscheidung. Es gab damals eine Diskussion im Direktorium des IWF, bei der sechs oder sieben Länder sagten: Dieses Programm rettet nicht Griechenland, sondern die Banken Nordeuropas. Aber ich möchte nicht weiter darauf eingehen.

ZEIT ONLINE: Wie waren 2015 ihre ersten Treffen mit den Eurofinanzministern, als Sie gerade ins Amt kamen?

Tsakalotos: Als ich zum ersten Mal dort war, gratulierte mir die eine Hälfte der Leute und die andere sprach mir ihr Beileid aus. Wir konnten aber schnell Glaubwürdigkeit aufbauen, weil wir Zusagen gaben und uns daran hielten, wofür uns die meisten meiner linken Freunde später kritisierten. Aber wenn man einen Kompromiss eingeht, sollte man diesem auch nachkommen. Die anderen Eurostaaten hatten hier andere Erfahrungen mit den vorherigen Regierungen Griechenlands gemacht.

ZEIT ONLINE: Die nächste Wahl in Griechenland findet im September 2019 statt. Die Umfragen sprechen nicht für Syriza, Sie lagen zuletzt sogar hinter der konservativen Partei Nea Demokratia. Wie wollen Sie die Leute bis dahin von sich überzeugen?

Tsakalotos: Hat Ihnen Ihre Mutter nicht gesagt, dass Sie nicht alles glauben sollen, was in der Zeitung steht? Die Zeit ist auf unserer Seite. Nächstes Jahr werden wir ein stärkeres Wirtschaftswachstum und mehr Beschäftigung haben als 2018. Die Menschen schauen bei der Wahl nach vorne. Sie werden über unsere Wachstumsstrategie entscheiden können. Die größte Oppositionspartei, Nea Demokratia, will die Steuern drastisch senken, ohne jedoch bei den Sozialausgaben zu sparen. Wie soll diese Gleichung aufgehen? Sie setzen auf ein Wachstum von vier Prozent und hoffen, niedrigere Haushaltsziele mit den Deutschen verhandeln zu können. Ich wünsche ihnen viel Glück dabei.

ZEIT ONLINE: Hat Deutschland seine Lektion aus der Eurokrise gelernt?

Tsakalotos: Es ist klar, dass man als mittelgroße, offene Volkswirtschaft sehr erfolgreich sein kann mit einer eigenen starken Währung wie der Deutschen Mark. Aber es ist etwas anderes, Mitglied der Eurozone zu sein. Das ist eine vollkommen andere Welt. Wenn man Teil der Eurozone ist, beeinflusst man die Weltnachfrage. Wir sind jetzt alle Teil eines großen Blocks. Die Ökonomen der deutschen Bundesregierung aber haben eine vollkommen andere Auffassung darüber, was es bedeutet, Mitglied der Eurozone zu sein. Es funktioniert nicht, wenn sich jedes Mitgliedsland so stark auf Exporte fokussiert wie Deutschland.

ZEIT ONLINE: Aber wir lernen doch, oder?

Tsakalotos: Aus Ihrem Mund in Gottes Ohr. So sagt man in Griechenland.