Weniger Autofahren reicht nicht mehr – Seite 1

Oliver Geden ist Gastwissenschaftler am Max-Planck-Institut für Meteorologie. Er leitet die Forschungsgruppe EU/Europa der Stiftung Wissenschaft und Politik und ist Leitautor beim 6. Sachstandsbericht des Weltklimarates IPCC.

Wenn der Weltklimarat IPCC im Oktober seinen Sonderbericht zum 1,5-Grad-Ziel veröffentlicht, wird die Debatte größtenteils in altbekannten Bahnen verlaufen. Forscher warnen vor den Folgen des Klimawandels. Umweltverbände mahnen größere Anstrengungen im Klimaschutz an. Doch eines wird neu sein: Es wird eine Debatte um Technologien geben, mit denen sich CO2 wieder aus der Atmosphäre ziehen lässt. Klimapolitiker und Umweltverbände sehen die Gefahr, dass eine Diskussion über sogenannte negative Emissionen den Eindruck erweckt, man könne im Wesentlichen so weitermachen wie bisher. Schließlich könnte man das ausgestoßene CO2 später wieder einfangen. Hingegen ist die Klimaforschung überzeugt, dass die Welt ohne solche Technologien nicht mehr weiterkommt.

Die Fakten sind klar: Die Menschheit hat seit dem Erdgipfel in Rio de Janeiro 1992 kontinuierlich mehr Treibhausgase ausgestoßen. Es ist bereits absehbar, dass die Welt ihr noch verbleibendes Emissionsbudget überziehen wird. Will die Menschheit die Erderwärmung auf 2 Grad begrenzen, wäre das Budget wohl Mitte der 2030er Jahre ausgeschöpft, für 1,5 Grad schon um 2020 herum. Alles, was wir danach ausstoßen, müssen wir später wieder aus der Atmosphäre holen. Für 2 Grad liegt das Defizit bis zum Jahr 2100 bei etwa 500 Milliarden Tonnen, für 1,5 Grad bei 800 Milliarden Tonnen. Zum Vergleich: Derzeit stößt die Menschheit etwa 40 Milliarden Tonnen pro Jahr aus.

Die Politik schafft es nicht, den globalen CO2-Ausstoß zu senken

Klimapolitiker und Umweltverbände ignorieren das Thema negative Emissionen bisher. Die notwendigen Umfänge erscheinen ihnen unrealistisch hoch. Und die Technologien stellen die klimapolitische Erfolgsstory infrage, nach der das Klimaabkommen von Paris 2015 eine Zeitenwende darstellte und sich die erneuerbaren Energien seitdem auf einem unaufhaltbaren Siegeszug befinden. Einige lehnen Negativemissions-Technologien auch als Geoengineering ab.

Aus drei Gründen sind negative Emissionen problematisch. Erstens: Nachdem Forscher und Politik jahrzehntelang darauf gepocht haben, fixe CO2-Budgets einzuhalten, scheint nun auf einmal CO2-Verschuldung akzeptabel. Zweitens: In keinem Land der Welt steht das Thema negative Emissionen bisher auf der Agenda. Und drittens: Selbst wenn die Politik das Thema ernst nähme, hätte sie Mühe, auch nur halbwegs ausgereifte Technologien zu finden, mit denen diese enorme Aufgabe bewältigt werden könnte.

Es ist verführerisch, zu glauben, es sei in Ordnung, das Emissionsbudget zu überziehen, solange künftige Generationen die Schulden zurückzahlen. Klimawissenschaftler wenden diesen Mechanismus schon seit zehn Jahren in ihren Modellen an. Da die Emissionen seither weiter gestiegen sind, wuchs auch die Menge eingeplanter negativer Emissionen mit an. Viele Klimaforscher sind irritiert, dass die Politik es nicht schafft, die globalen Emissionen zu reduzieren, aber auch nicht über Technologien zur CO2-Entnahme sprechen will. Zugleich verabschiedet sie immer striktere Klimaziele, zuletzt 1,5 Grad beim Pariser Klimagipfel. Im IPCC-Sonderbericht werden negative Emissionen deshalb eine Hauptrolle spielen.

Natürliche Alternativen sind nicht effektiv genug

Der Weltklimarat favorisiert dabei schon seit Jahren die BECCS-Technologie. Dabei werden mit schnell wachsender Biomasse Strom oder Kraftstoffe produziert, das entstehende CO2 wird abgeschieden und gespeichert. Sowohl Bioenergie als auch CO2-Speicherung sind hierzulande unbeliebt, mit ihnen lassen sich keine Wahlen gewinnen. Zudem ist unklar, wer die global notwendigen Umfänge an negativen Emissionen eigentlich liefern müsste. Wären die EU und Deutschland nicht auch hier als Vorreiter gefragt? Schließlich sind sie auch für besonders viel CO2-Ausstoß verantwortlich. Aber hätte der Einsatz dieser Technologie auch den Vorteil, dass grüne Jobs oder Möglichkeiten für den Export entstünden?

Es gibt aber auch ein Dutzend anderer Möglichkeiten. Am attraktivsten wären wohl Wiederaufforstung, die Renaturierung von Mooren oder die Erhöhung der CO2-Aufnahmekapazität von Agrarflächen. Das alles wäre schon jetzt machbar. Aber das bedeutet noch lange nicht, dass es politisch leicht durchzusetzen wäre. Und selbst wenn, dann sicher nicht in den enormen Umfängen, die der Weltklimarat schon jetzt kalkuliert. Ohne Technologien wird es deshalb wohl nicht gehen.

Neben BECCS käme es etwa infrage, CO2 direkt aus der Umgebungsluft herauszufiltern und zu speichern. Oder Wege zu finden, die natürliche Bindung von CO2 durch mineralisches Gestein zu beschleunigen. Doch diese und andere Methoden sind bislang nur wenig erforscht, Potenziale und Risiken lassen sich kaum bestimmen. Das ist ein wenig beunruhigend, da der Weltklimarat davon ausgeht, dass die Welt schon in den 2020er Jahren beginnen muss, CO2 aus der Atmosphäre zu ziehen.

Klassischer Klimaschutz bleibt wichtig

Wollen Deutschland und die EU die beschlossenen globalen Klimaziele nicht jetzt schon aufgeben, werden sie den Weckruf des Weltklimarates im Herbst nutzen müssen. Sie müssen das Thema CO2-Entnahme auf die politische Agenda setzen und schon kurzfristig deutlich mehr Forschungsmittel bereitstellen. Es besteht zwar die Gefahr, dass einzelne Länder, Branchen oder Unternehmen sich weniger anstrengen, CO2 einzusparen, weil sie negative Emissionen einplanen. Dem ließe sich jedoch mit einem neuen Klimaziel begegnen, zu dem sich die EU im Grundsatz schon im Paris-Abkommen verpflichtet hat: null Emissionen in der zweiten Jahrhunderthälfte.

Klassischer Klimaschutz wäre dabei nach wie vor das Wichtigste. Aber da sich der CO2-Ausstoß in der Landwirtschaft nie ganz auf null bringen lassen wird und das bislang auch beim Luftverkehr kaum vorstellbar ist, wäre ein gewisser Ausgleich weiter notwendig, also negative Emissionen in anderen Bereichen. Wenn sich dabei herausstellt, dass manche Negativemissions-Technologien funktionieren und ohne große Risiken einsetzbar sind, ließe sich die CO2-Entnahme kontinuierlich weiter ausbauen. So könnten wir die globalen Emissionen in der zweiten Jahrhunderthälfte tatsächlich deutlich unter null bringen.