Als der Preis von Bitcoin im Dezember zum ersten Mal die Marke von 10.000 Dollar durchbrach, musste ein geplantes Training für die Manager kurzerhand in einen Pausenraum verlegt werden. Um den Ansturm der Kunden aufzufangen, hatte Coinbase für seine Ingenieure einen "Kriegsraum" einrichten müssen, berichtete die New York Times. Das gewaltige Interesse, warnte der Firmengründer Brian Armstrong auf dem Firmenblog, habe zu "extremer Volatilität und Stress für unser System" geführt. Nutzer klagten über gescheiterte Transaktionen. Einige machten in öffentlichen Foren ihrem Ärger Luft, weil Konten angeblich gehackt worden waren und Hilfe tagelang auf sich warten ließ.

Erfolg kann auch Probleme erzeugen. Und Coinbase, die den Handel mit digitalen Währungen für den Massenmarkt geöffnet haben, hatten davon jede Menge. Die Zahl der Nutzer stieg allein zwischen Januar und November 2017 von 5,5 auf 13,3 Millionen. Ende des Jahres zählte die Börse 100.000 Neuanmeldungen pro Tag. Heute hat die gerade mal sechs Jahre alte Firma 20 Millionen Nutzer sowie digitale Einlagen in Höhe von 150 Milliarden Dollar und ist damit die größte US-Handelsplattform für Kryptowährungen.

Warnungen vor Kryptowährungen nehmen zu

Inzwischen hat Coinbase auf die Wachstumsprobleme reagiert. Die Zahl der Ingenieure wurde seit Ende des Jahres verdoppelt und die Datenkapazität um 1.000 Prozent erhöht. Der Kundenservice wuchs 2017 von 24 auf rund 180 Mitarbeiter, in diesem Jahr sollen es mehr als 400 werden. Dabei scheint der große Boom der digitalen Währungen vorerst vorbei, das Geschäft mit Bitcoin hat sich zuletzt abgekühlt. Der Wert schwankt seit Wochen um die Marke von 7.000 Dollar. Analysten warnen bereits, besser auszusteigen, bevor die Blase platze.

Coinbase wächst trotzdem weiter, aber längst hat man nicht mehr die wankelmütigen Kleinanleger im Blick. Gerade erst hat die Firma den Zweitsitz in New York ausgebaut und Talente von der New York Stock Exchange abgeworben. In den vergangenen Wochen startete Coinbase gleich mehrere Dienste, die speziell auf Großinvestoren zugeschnitten sind. So will die Plattform künftig nicht nur die Sondereinlagen von institutionellen Investoren wie Pensionsplänen oder Asset-Managern verwalten. Mit Coinbase Prime bietet die Firma auch einen eigenen Beratungsservice etwa für Staatsfonds an, die zusätzliche Informationen und Dienstleistungen benötigen. Das Wall Street Journal berichtete vor wenigen Tagen, Coinbase sei einer von zwei Anbietern, die Gespräche mit Regulierern über die Möglichkeit einer Banklizenz führten – ein Schritt, der es ihnen ermöglichen würde, eigene Konten anzubieten und neue Kundengruppen zu gewinnen, die nur mit entsprechend lizenzierten Instituten handeln dürfen.

Erst im April übernahm die Firma zudem Earn.com, einen Dienst, bei dem Nutzer sich Bitcoin verdienen können, indem sie an Umfragen teilnehmen oder auf E-Mail-Anfragen antworten. Davon sollen auch Nutzer profitieren, die kein eigenes Bankkonto besitzen, etwa in Entwicklungsländern. Kurz darauf folgte der Kauf von Paradex, einem Start-up, das den direkten Handel von Kryptowährungen zwischen Nutzern ermöglicht – ganz ohne Umweg über einen Finanzdienstleister. Man sei keine Börse, erklärte sich die Firma vor wenigen Wochen selbstbewusst gegenüber dem Sender CNBC, sondern der Wegbereiter für die Kryptowirtschaft der Zukunft.

Branchenkenner sehen in dem Kurswechsel mehr als nur einen Versuch, sich unabhängiger zu machen von der privaten Laufkundschaft. Für sie zeigt sich nirgends deutlicher als an Coinbase, wie die Zukunft der Kryptowährungen aussehen wird. Es bahne sich ein Evolutionsschritt an, sagen Experten wie Rudolph von Abele von Guild Investment Management in Los Angeles. "Die Währungen werden bald ein fester Bestandteil des etablierten Finanzsystems sein", glaubt der Analyst.

Dabei hatte die Wall Street lange einen Bogen um die Währungen gemacht. Investoren und Banken fürchteten sich vor zu großer Volatilität und der Gefahr durch Hacker. Bei dem Coinbase-Vorreiter Mt. Gox waren 850.000 Bitcoin verloren gegangen, heute wären sie mehr als sechs Milliarden Dollar wert. Kurz darauf meldete die bis dahin größte Börse Insolvenz an. Jetzt aber scheint die alte Finanzwelt die Bedenken überwunden zu haben. Erst vor wenigen Wochen hatten zahlreiche große Investmentbanken, darunter Goldman Sachs und JPMorgan Chase, angekündigt, eigene Trading Desks für Kryptowährungen einzurichten. Gab es 2016 noch 20 Hedgefonds, die sich auf Kryptowährungen spezialisierten, sind es heute 287.

Nicht alle begrüßen die Entwicklung. Verfechter der alten Weltordnung halten Bitcoin bis heute vor allem für ein politisches Statement und sehen darin ein alternatives Währungssystem, das dezentral und außerhalb der Kontrolle von Zentralbanken operiert. Der interne Streit über die Zukunft hatte bereits mehrfach zur Aufspaltung der Kryptoleitwährung geführt, weil ein Teil der Anleger sich gegen die Öffnung als Zahlungsmittel und die Kommerzialisierung sperrt. Für sie sei das, was Coinbase und andere taten, ein Ausverkauf, sagt von Abele. Kryptounternehmer wie Coinbase, meinen sie, würden versuchen, die Wall Street für sich zu gewinnen, anstatt sie überflüssig zu machen.