Gaetan Boutin striegelt Lagulle mit kräftigen Bürstenstrichen, bis das Fell der Holstein-Milchkuh beinahe so glänzt wie sein vor Anstrengung nasses Gesicht. Noch ein wenig "Final Mist" aus der Spraydose, dann ist das Tier bereit für die Leistungsschau der regionalen Landwirtschaftsmesse im nordfranzösischen Tilloy-les-Mofflaines. Das pralle Euter hat Boutin bereits zuvor mit Paraffinöl eingerieben. Jetzt treten die Adern gut sichtbar für die Juroren hervor. "An solchen Wettbewerben nehmen nur die besten Betriebe teil", sagt der Bauer und krault die Stirn seiner Kuh. Aber der 42-Jährige weiß selbst nicht, ob er in zwei Jahren bei der nächsten Messe wieder dabei sein wird.

Viele französische Landwirte fürchten um ihre Existenz. Die Gründe: Die gefallenen Preise für Milch und Fleisch, die Konkurrenz durch Produkte aus dem Ausland und die geplante Kürzung der EU-Subventionen. Dabei erhalten die französischen Bauern mit Abstand die meisten Gelder aus den EU-Töpfen. Und Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron hat sie von seinen Reformplänen fast komplett ausgenommen. Während Macron alle anderen Bereiche der Wirtschaft auf Wettbewerb trimmt, sollen die Landwirte so weitermachen dürfen wie bisher.

Eine Familie kann sich Landwirt Boutin nicht leisten

"Es rechnet sich nicht", sagt Bauer Boutin. "Ich arbeite 80 Stunden pro Woche und komme doch nur auf ein monatliches Gehalt von 1.100 Euro." Da sind die 38.000 Euro schon inbegriffen, die sein Hof in der Pikardie zuletzt von der EU für den Getreideanbau auf 140 Hektar Land bekommen hat. Eine Familie könne er sich nicht leisten.

Landwirt Gaetan Boutin mit seiner Kuh Lagulle auf der Landwirtschaftsmesse im nordfranzösischen Tilloy-les-Mofflaines © Karin Finkenzeller

Ein paar Meter weiter beschwert sich Loïc Lambertyn über dasselbe Problem: "Meine Familie mit drei Kindern lebt vorwiegend vom Gehalt meiner Frau, die als Laborantin arbeitet." Der 42-Jährige ist mit vier seiner 25 Rinder zur Landwirtschaftsmesse gereist. Sie gehören zur Rasse Blonde Aquitaine, die wegen ihrer hohen Schlachtausbeute beliebt ist. "Ein Kilogramm Fleisch bringt derzeit nicht mehr als 4 Euro. Vor vier oder fünf Jahren waren es wenigstens noch 4,80 Euro", sagt Lambertyn. Er hat in den vergangenen Jahren je rund 22.000 Euro von der EU erhalten.

91 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe in Frankreich erhalten Gelder im Rahmen der EU-Agrarsubventionen. Im Schnitt waren es zuletzt 27.000 Euro pro Jahr und Hof. Für so manchen Bauern war das die Hälfte des Einkommens, denn die meisten Betriebe sind klein. Taille humaine, humane Größe, nennen die Franzosen diese kleinen Höfe. Doch die sind selten wettbewerbsfähig. Mit zuletzt 9,1 Milliarden Euro war Frankreich deshalb mit Abstand vor Deutschland und Spanien größter Profiteur der sogenannten Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP). Die machte bisher 38 Prozent des jährlichen EU-Haushalts aus.