Der Termin gehört zu den angenehmeren, die Manager des Stuttgarter Autokonzerns Daimler in jüngster Zeit zu absolvieren hatten. Nach der Einbestellung des Vorstandschefs zum Rapport beim Bundesverkehrsminister wegen womöglich Hunderttausender Dieselmotoren mit regelwidrig gesteuerter Abgasreinigung und nach einer Gewinnwarnung aufgrund des Handelsstreits mit den USA durfte Mercedes-Produktionsvorstand Markus Schäfer mit weiteren Führungskräften am vergangenen Freitag in ein Flugzeug nach Polen steigen, zum Richtfest für das entstehende Motorenwerk im niederschlesischen Jawor.

Dort wurden sie von den lokalen Honoratioren mit offenen Armen empfangen. Aus Warschau kam extra Jadwiga Emilewicz angereist, die Ministerin für Unternehmertum und Technologie, um das 500 Millionen Euro teure Projekt in den höchsten Tönen zu loben – die nationalkonservative PiS-Regierung hat ihre noch unlängst zum Teil sehr harsche Rhetorik gegen ausländische Übermacht im Allgemeinen und deutsche Interessen im Besonderen abgelegt.

Seit der ehemalige Finanzminister Mateusz Morawiecki im Dezember das Amt des Premierministers übernahm, weht ein anderer Wind: Neuerdings ist sogar ganz Polen per Gesetz eine Sonderwirtschaftszone mit einer Beinahesteuerbefreiung auf Unternehmensgewinne bis zu 15 Jahren – nicht nur die 14 regional begrenzten Gebiete, die dafür bisher zur Verfügung standen. Der Führung in Warschau ist mittlerweile bewusst, dass ohne die Unterstützung ausländischer Investoren das fulminante Wirtschaftswachstum des Landes nicht aufrechtzuerhalten ist. Manche Landstriche hat es noch kaum erreicht. Solche wie die Gegend um das 70 Kilometer westlich von Wrocław liegende Jawor. Während in anderen Regionen Polens längst Vollbeschäftigung herrscht, beträgt die Arbeitslosigkeit hier noch 13 Prozent.

Tausende deutsche Firmen haben Niederlassungen in Polen

Ausländer kamen bisher meist nur in das weniger als 25.000 Einwohner zählende Städtchen, um die dort nach dem 30-jährigen Krieg errichtete Friedenskirche zu besichtigen. Bis zur Abreise ihrer Busse konnten sie im Stadtzentrum noch die akkurat mit Waschmittelkartons, Weichspülerflaschen und Bügelhilfespraydosen dekorierte Veranda eines vergrauten Tante-Emma-Ladens bewundern. Das Haus stammt wie so viele hier aus einer Zeit, als Jawor noch Jauer hieß und zu Deutschland gehörte. An einem Tag, an dem in Jawor richtig was los ist, fahren – wie ebenfalls vergangenen Freitag – auf den rumpeligen Straßen zwischen den umliegenden Getreidefeldern im Abstand weniger Minuten zwei Autos in den Graben, und die örtliche Feuerwehr weiß nicht, wem sie zuerst zu Hilfe eilen soll.

Wenn alles nach Plan verläuft, soll das Mercedes-Motorenwerk im nächsten Jahr in Betrieb gehen. Dann sollen hier nach und nach mehr als 1.000 Menschen arbeiten. Produktionsvorstand Schäfer hat die Verdopplung der ursprünglich angedachten Mitarbeiterzahl anlässlich des Richtfestes bekannt gegeben. Die Belegschaft soll Vierzylindermotoren einer neuen Generation bauen. "Hocheffiziente Motoren, die hauptsächlich in Hybridfahrzeugen eingebaut werden", sagt der Manager. Auslieferungsziel: die ganze Welt. Jawor sei eine "optimale Ergänzung" zum Pkw-Werk in Ungarn und zur Motorenproduktion der MDC Power GmbH im thüringischen Kölleda und so optimal in das globale Produktionsnetzwerk von Mercedes-Benz eingebunden.

Daimler ist Nachzügler unter den deutschen Investoren in Polen. Gut 6.500 Unternehmen haben bereits Niederlassungen gegründet, auch die Autokonkurrenz von Volkswagen und BMW. Kein anderes Land ist mit seinen Firmen in Polen so präsent wie Deutschland.

Rund 60 Prozent der polnischen Warenexporte stammen von Unternehmen, die sich in ausländischem Besitz befinden. Der hohe Prozentsatz hat bis vor wenigen Monaten immer wieder für Unmut gesorgt. Ministerin Emilewicz ist pragmatisch: "Da polnische Unternehmen beim Thema Innovationen noch ganz am Anfang stehen, können sich ausländische Investoren mit einem Hightechprofil und polnische Investoren gegenseitig befruchten."

Dafür gebe es auch schon ein paar sehr gute Beispiele, etwa die Ansiedlung des US-Triebwerkeherstellers Pratt & Whitney im Südosten des Landes, sagt Emilewicz. "Vor ein paar Jahren war da nur Pratt & Whitney und außen herum industrielle Wüste. Heute existieren dort mehr als 100 kleine und mittelständische Zulieferer, die Pratt & Whitney mit Produkten und Dienstleistungen versorgen. Und nicht nur dieses Unternehmen, sondern auch andere. Die Anforderungen von Pratt & Whitney sind so hoch, dass die Klein- und Mittelständler sich dramatisch verändern müssen." Diese Geschichte soll Mercedes nach Möglichkeit in Niederschlesien wiederholen.