Der Daimler-Abgasskandal ist im Grunde noch verheerender als der bei Volkswagen. Nicht zahlenmäßig, denn an die weltweit elf Millionen manipulierten Fahrzeuge aus dem Wolfsburger Konzern kommt der angeordnete Rückruf von europaweit 774.000 Wagen der Marke Mercedes bei Weitem nicht heran. Empörend ist der Fall Daimler aus einem anderen Grund.

Seit im September 2015 – also vor gut zweieinhalb Jahren – die massenhafte Manipulation der Abgasreinigung in VW-Dieselfahrzeugen aufflog, wurde Daimler-Chef Dieter Zetsche nicht müde zu wiederholen: "Bei uns wird nicht betrogen." Entscheidend war für ihn die größtmögliche Distanz zu Volkswagen. Dabei musste Zetsche klar sein, dass ab Herbst 2015 die gesamte Autoindustrie unter besonderer Beobachtung stehen würde.

Trotzdem beschwor der Daimler-Chef unablässig das Saubermann-Mantra und kam lange damit durch. Wie eine Recherche der ZEIT zeigt, hielt Daimler die Behörden über Jahre hin und versuchte, zügige Ermittlungen der Staatsanwaltschaft mit juristischen Mitteln zu verzögern. So konnte Zetsche (und mit ihm die gesamte Autoindustrie) die Öffentlichkeit lange im Glauben lassen, es handele sich allein um eine Volkswagen-Affäre: Betrugsvorwürfe gegen VW, Audi, Porsche – aber sonst alles okay in der Branche. Dieses Bild ist längst zerstört, und damit auch Zetsches Unschuldshaltung.

Kein einziges Bußgeld verhängt

Angesichts dessen hätte man erwarten dürfen, dass Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) jetzt bei Daimler besonders hart durchgreift – auch, um ein Zeichen zu setzen gegen die Kommunikationstaktik der Hersteller, die erst einmal alles aussitzen und Fehler nur dann einräumen, wenn sie nicht mehr zu leugnen sind. Das war auch bei Daimler der Fall: Zunächst stand nur ein Manipulationsverdacht bei 4.900 Fahrzeugen des Kleintransporters Vito im Raum, und nun ist plötzlich von einer Dreiviertelmillion Autos die Rede.

Zuerst erweckte Scheuer durchaus den Eindruck, anders als sein Vorgänger zu handeln: Er drohte Daimler ein Ordnungsgeld von 5.000 Euro je Auto an – auf den Stuttgarter Konzern wäre damit eine Milliardenstrafe zugekommen. Doch von der harten Haltung blieb am Ende des Treffens mit Zetsche nichts übrig. Scheuer ordnete lediglich einen Rückruf für die 774.000 betroffenen Mercedes-Fahrzeuge an.

Damit bleibt es dabei: In dem seit mehr als zweieinhalb Jahren laufenden Skandal um Abgasbetrug wurde in Deutschland noch kein einziges Bußgeld verhängt. Die Bundesregierung gibt sich zufrieden, wenn die Autohersteller reumütig einen Pflichtrückruf akzeptieren und ein zügiges Abarbeiten der Softwareupdates versprechen. "Damit ist das Thema abgehakt", sagte auch Dieter Zetsche am Montagabend nach seinem Treffen mit Scheuer – und das spricht Bände. Zum einen klingt es so, als ob Daimler die Autos schon gerichtet hätte, zum anderen drückt es aus, wie der Autoboss die ganze Sache offensichtlich betrachtet: eine Lappalie, nicht mehr als ein lästiger Punkt auf seiner To-do-Liste.

Die Regierung will gar nicht aufklären

Dabei ist gar nichts abgehakt. Sollte es zumindest nicht sein. Gewiss, der Pflichtrückruf trifft Daimler auch, er kostet das Unternehmen Geld. Doch eine wirkliche Strafe für den Betrug und die Luftverschmutzung durch zu schmutzige Dieselautos ist er nicht. Vor einer Bestrafung scheut die Regierung weiterhin zurück. Das ist inakzeptabel. Die Hersteller müssen für ihre Taten auch Verantwortung übernehmen und bestraft werden. Die manipulierten Fahrzeuge zu korrigieren, ist eine Selbstverständlichkeit. Zumal fast alle Autos, die jetzt von dem amtlichen Rückruf betroffen sind, laut Daimler in den drei Millionen Fahrzeugen enthalten sind, für die der Konzern ohnehin schon ein freiwilliges Update der Motorsoftware angekündigt hatte.

Eines hat der Fall Daimler wieder einmal verdeutlicht: Der Regierung hat nach wie vor kein wirkliches Interesse an einer echten Aufklärung des Abgasskandals. Aber nur die würde das Vertrauen in die Autoindustrie wiederherstellen, nicht ein bloßes Aufspielen von Software. So bleibt die Aufarbeitung eine Sache der Staatsanwälte.