Seit 16 Jahren formt Recep Tayyip Erdoğan die Türkei nach seinem Willen. Erst als Ministerpräsident und seit 2014 als Präsident. Unter ihm hat sich das Land gewandelt. Wirtschaftlich geht es den allermeisten Türken heute deutlich besser als früher. Der neue Wohlstand ist die wichtigste Stütze für Erdoğans politischen Erfolg. Auch die Gesellschaft hat sich unter ihm verändert. Ob zum Guten oder Schlechten, darüber lässt sich streiten. Zehn Zahlen, um die Türkei unter Erdoğan zu verstehen:

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5247 Euro ist die Wirtschaftskraft pro Bürger unter Erdoğan gewachsen (inflationsbereinigt)

Viele Türkinnen und Türken loben Erdoğan vor allem dafür, dass die Wirtschaft unter ihm stetig gewachsen ist. Abgesehen von den Jahren der Finanzkrise 2008/09 stieg das türkische Inlandsprodukt von 2002 bis 2015 jedes Jahr um mindestens fünf Prozent. Auch wenn man berücksichtigt, dass die türkische Bevölkerung in dieser Zeit um gut sechs Millionen gewachsen ist, ergibt sich pro Einwohner fast eine Verdopplung der Wirtschaftskraft. Auch 2017 wuchs die türkische Wirtschaft wieder um 7,4 Prozent. Doch nun mehren sich die Zeichen, dass es bergab gehen könnte: Türkische Firmen haben fast 200 Milliarden Euro Schulden, Kleidung, Benzin und Lebensmittel werden immer teurer. Der Kurs der türkischen Lira ist eingebrochen. Einige Beobachter sind überzeugt, dass Erdoğan die Wahlen vorgezogen hat, um einer schweren Wirtschaftskrise zuvorzukommen.

Quelle: Weltbank

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10 Prozent der Türken mussten 2016 von weniger als 5,50 US-Dollar (4,73 Euro) am Tag leben

Vor Erdoğan waren es noch 32 Prozent. Vom Wirtschaftswachstum haben also nicht nur die Reichen profitiert. Die Zahl der Türken, die in Armut leben, sank deutlich. Auf dem Gini-Index, der die Ungleichheit in einem Land misst, befindet sich die Türkei auf dem gleichen, vergleichsweise hohen Niveau wie vor Erdoğan. Die Vermögensunterschiede zwischen den Armen und den Reichen sind also weiterhin groß, auch wenn durchschnittlich alle mehr Geld haben.

Quelle: Weltbank

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32400000 Touristen kamen 2017 in die Türkei

Im Rekordjahr 2014 machten rund 10 Millionen mehr Ausländer in der Türkei Urlaub als im vergangenen Jahr. Ab 2015 verübten Terroristen mehrere schwere Anschläge in der Türkei. Im Januar 2016 sprengte sich eine Attentäterin in einer deutschen Touristengruppe in Istanbul in die Luft. Im Juli 2016 versuchten Putschisten, die türkische Regierung zu stürzen. In der Folge halbierte sich die Besucherzahl von 2014 bis 2016 fast. Seitdem steigt die Zahl der Touristen schnell wieder an. Vor allem machen inzwischen viele Russen in der Türkei Urlaub. Aber auch die Deutschen kehren zurück.

Quelle: Hurriyet, Daily Sabah

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3900000 Flüchtlinge leben etwa in der Türkei

Die meisten davon sind Syrer und leben in der Nähe der syrischen Grenze oder in Istanbul. Erdoğan bezeichnet die syrischen Flüchtlinge als "meine Brüder und Schwestern", seine Regierung hat nach eigenen Angaben 25 Milliarden Euro für sie ausgegeben – Ankara erhält allerdings auch im Rahmen des Türkei-EU-Abkommens Milliarden aus Brüssel. Entsprechend beliebt ist Erdoğan bei den meisten Flüchtlingen. Auch die meisten Türken hießen die Syrer zunächst willkommen. Jetzt, da die Wirtschaft schwächelt, sehen manche sie als Konkurrenten um Arbeitsplätze, die Stimmung droht zu kippen. Laut dem Center for American Progress sagen 80 Prozent der Türken inzwischen, die Regierung gebe zu viel Geld für Flüchtlinge aus. Die Kandidatin der nationalistischen İyi-Partei ist mit dem Versprechen angetreten, alle Syrer in ihr Land zurückzuschicken.

Quelle: Europäische Kommission

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74 Prozent der Türken lebten 2016 in Städten

Damit ist die Urbanisierung ähnlich weit fortgeschritten wie in Deutschland. Hierzulande gibt es aber deutlich weniger Millionenstädte als in der Türkei. In Istanbul allein wohnen rund 15 Millionen Menschen, 18 Prozent der türkischen Bevölkerung. Der Größe nach folgen dann Ankara mit 5,4 Millionen und İzmir mit 4,3 Millionen Menschen. In den Städten sind die Kontraste groß: Banker blicken aus ihren Hochhäusern bis zum Rand der Stadt, wo die Menschen in improvisierten Behausungen leben. Die Türken in den Dörfern sind weiterhin oft arme Bauern, vor allem im Osten und Norden des Landes, wo kaum Touristen Urlaub machen.

Quelle: Weltbank

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200339 Menschen saßen 2016 in der Türkei im Gefängnis

Seit Erdoğans Amtsantritt hat sich diese Zahl mehr als verdreifacht. Die Gefängnisse sind bereits überlastet, die Regierung lässt derzeit neue bauen. Unter den Gefangenen sind auch mehr als 150 Journalisten. Allein 50.000 Menschen sitzen im Gefängnis, weil sie am Putsch beteiligt gewesen sein sollen. Das Gefängnis in Silivri bei Istanbul ist mit Platz für rund 11.000 Gefangene die größte Haftanstalt Europas. Dort war auch der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel eingesperrt.

Quelle: World Prison Brief

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264491 türkische Kinder im schulpflichtigen Alter gingen 2015 nicht zur Schule

53,5 Prozent davon sind Mädchen. 92 Prozent der jungen Türkinnen und Türken schließen die Grundschule ab. Bis 2013 gehörten viele Bildungseinrichtungen zur Bewegung des Predigers Fethullah Gülen. Dann zerstritt sich Erdoğan mit ihm, ließ viele Anhänger der Bewegung entlassen oder verhaften und schloss Schulen und Nachhilfezentren. Jetzt haben teilweise noch konservativere Bruderschaften den Platz der Gülen-Bewegung eingenommen. Erdoğan möchte eine "fromme Generation" heranziehen und fördert die Bruderschaften.

Quelle: Weltbank

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12248784 Autos sind in der Türkei registriert

2002 waren es nur rund ein Drittel, 4,6 Millionen. Im Istanbuler Dauerstau wünscht man sich, es wäre dabei geblieben. In den ländlichen Gegenden sieht man noch immer wenige Autos. Aber deutlich mehr Türken können sich durch den wachsenden Wohlstand ein Auto leisten. In Deutschland, das ähnlich viele Einwohner hat, sind 64 Millionen Pkw gemeldet. Dass die Türken immer mobiler werden, zeigt sich auch bei der Luftfahrt: 2002 flogen acht Millionen Passagiere innerhalb der Türkei, 2016 waren es schon über 100 Millionen.

Quelle: Türkisches Statistisches Institut

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5 Jahre lebt ein 2016 geborener Türke im Schnitt länger als ein 2002 geborener

Ein Mann, der heute in der Türkei geboren wird, hat eine Lebenserwartung von 72,5 Jahren, eine Frau 79 Jahre. Damit nähert sich die Türkei Deutschland an. Heute hierzulande geborene Männer werden im Schnitt 78, Frauen 83 Jahre alt. Als Erdoğan 1954 geboren wurde, hatten Männer noch eine Lebenserwartung von unter 40 Jahren, in Deutschland damals schon 67 Jahre.

Quelle: Weltbank

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200000000 Fluggäste sollen jährlich vom neuen Istanbuler Flughafen abfliegen

Damit wäre er der größte der Welt. Der dritte Istanbuler Flughafen ist das nächste Prestigeprojekt von Erdoğan nach seinem Palast in Ankara, der dritten Brücke über den Bosporus in Istanbul und der U-Bahn unter dem Bosporus hindurch. Der Bau des neuen Flughafens steht wegen der schlechten Bedingungen für die Bauarbeiter in der Kritik, sogar von zahlreichen tödlichen Unfällen ist die Rede. Außerdem müssen für den Flughafen rund 2,7 Millionen Bäume gefällt werden. Dadurch könnte die Luft in Istanbul noch schlechter werden als ohnehin schon. Die Stadt verfügt bereits über zwei große Flughäfen: einen nach Staatsgründer Atatürk benannten auf der europäischen Seite und einen nach der Kampfpilotin Sabiha Gökçen benannten auf der asiatischen Seite.

Quelle: Daily Sabah