Die größten Gewinner der Globalisierung seien die Industriestaaten, heißt es in einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung. Was bedeutet das für die Ungleichheit auf der Welt? ZEIT ONLINE hat den Globalisierungsforscher Holger Görg gefragt.

ZEIT ONLINE: Herr Görg, eine Bertelsmann-Studie ergab jetzt, dass reiche Staaten stärker von der Globalisierung als ärmere profitieren. Vergrößert die Globalisierung also die globale Ungleichheit?

Holger Görg: Nein, die Entwicklungs- und Schwellenländer holen auf. Und es leben viel weniger Menschen in Armut als früher – dank der Globalisierung. Wir sind noch weit davon entfernt, dass alle Länder das gleiche Einkommensniveau haben. Aber der Trend geht in die Richtung.

ZEIT ONLINE: China gilt immer als der große Globalisierungsgewinner, in der Studie landet China aber auf einem der letzten Plätze. Wie kommt das?

Görg: Reiche Staaten haben zwar, absolut gesehen, mehr an Einkommen gewonnen. Aber das lässt komplett außer Acht, wie entwickelt die Staaten sind. Interessanter sind die prozentualen Gewinne. Da sind die Entwicklungs- und Schwellenländer viel stärker als die Industrienationen. China ist da ganz klar die Nummer eins: Durch die Globalisierung hat sich das Einkommen eines Chinesen seit 1990 im Schnitt mehr als verfünffacht. Und die 98 Euro, die ein Inder seit 1990 durchschnittlich in jedem Jahr mehr verdient, sind bei einem Bruttoinlandsprodukt von 1.500 Euro pro Kopf in Indien recht viel, in Deutschland wäre das sehr wenig.

ZEIT ONLINE: In der Studie geht es nur um den Vergleich von Ländern, nicht innerhalb der Länder. Profitieren alle Deutschen von der Globalisierung?

Görg: Die Ungleichheit nimmt in Deutschland und auch in allen anderen Ländern zu, denn die Gewinne aus der Globalisierung kommen nicht allen zugute. Dieser Aspekt wird in der Studie außer Acht gelassen. Die Oberschicht profitiert auf der ganzen Welt. Andere Bevölkerungsschichten verlieren, sowohl in Industrie- als auch in Entwicklungsländern. Die schlecht Ausgebildeten werden zurückgelassen, darunter jene, die nicht mit Kunden oder anderen Menschen zusammenarbeiten. Sie sind auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr wettbewerbsfähig, weil die Löhne in anderen Teilen der Welt viel niedriger sind. Das typische Beispiel sind die Stahlarbeiter in den USA.

ZEIT ONLINE: Wie steht es um die Mittelschicht?

Görg: Man weiß, dass die Mittelschicht weltweit kleiner wird. Die Frage ist, ob die Menschen auf- oder absteigen. Ein Kollege hat zuletzt gezeigt, dass die Mittelschicht eher aufsteigt und damit zu den Globalisierungsgewinnern zählt. Aber da ist die Forschung noch nicht abgeschlossen.

ZEIT ONLINE: Wie sieht es in den ärmeren Ländern aus: Wer leidet hier unter der Globalisierung?

Görg: Durch die Globalisierung verdienen die allermeisten mehr als vorher, andere verlieren aber innerhalb ihrer Gesellschaft den Anschluss. Die Arbeitgeber erwarten von Beschäftigten inzwischen ähnliche Fähigkeiten wie in den Industrieländern. Aus China wandert die Textilproduktion gerade in Länder mit noch niedrigeren Löhnen ab, zum Beispiel nach Vietnam. Wer in China als Näherin oder Näher arbeitet, wird deshalb auch schnell zum Globalisierungsverlierer.

ZEIT ONLINE: Einigen Menschen würde es ohne Globalisierung also besser gehen?

Görg: Ja. Das ist das große Problem der Globalisierung.

ZEIT ONLINE: Was kann man dagegen tun?

Görg: Da sind die Staaten gefordert. Es muss ein soziales Sicherungsnetz geben, das die Menschen auffängt und ihnen ein Einkommen garantiert, wenn sie ihren Job verlieren. So wie in Deutschland und den meisten entwickelten Ländern. Aber das ist nicht genug. Es muss Möglichkeiten zur Weiterbildung und Umschulung geben, um den Menschen eine Perspektive zu bieten. Viele Studien zeigen, dass das Problem der Arbeitslosigkeit nicht nur der Einkommensverlust ist, sondern das Gefühl von Perspektivlosigkeit.

ZEIT ONLINE: Die USA und die EU führen neue Handelszölle ein. Wird das etwas daran ändern, wer von der Globalisierung profitiert?

Görg: Grundsätzlich nicht. Es sind ja nur Zölle für einige wenige Waren. Und wenn man sich die USA betrachtet: Führen Zölle wirklich dazu, dass die Stahlarbeiter wieder zu Globalisierungsgewinnern werden? Das glaube ich nicht. Höhere Preise für Stahl führen dazu, dass weniger Stahl nachgefragt wird. Wegen der hohen Löhne zeigt sich ein Problem: Die Industrien reicher Länder sind nicht mehr wettbewerbsfähig. Gegen die Nachteile der Globalisierung hilft nur Umverteilung, auch international. Eine Möglichkeit wäre, die Gewinne von Unternehmen in allen Ländern ähnlich zu besteuern und mit den Einnahmen die Verlierer der Globalisierung zu unterstützen.