Einer der wunderbaren Nebeneffekte meines Jobs ist es, dass ich Menschen kennenlernen darf, die ich sonst nie treffen würde. Solche wie den Architekten Van Bo Le-Mentzel, der sich der Tiny-House-Bewegung verschrieben hat und winzige Häuser, Hütten und Räume baut. Le-Mentzel hat ein Tiny House konstruiert, in dem man auf nur 6,4 Quadratmetern wohnen kann. Das hört sich klaustrophobisch an. Aber für 100 Euro Miete ist ein wunderbarer kleiner Kasten entstanden, in dem man schlafen, essen, wohnen und sogar duschen kann.

Die Idee der Tiny-House-Bewegung ist allerdings nicht, dass die Menschen künftig alle in winzige Hütten gepfercht werden, sondern dass sie den frei werdenden Platz mit anderen teilen. Dass sie Gemeinschaftsräume nutzen können, wenn Gäste kommen, vielleicht auch andere Zimmer dazumieten. Je nach Bedarf also mal mehr oder mal weniger Raum haben.

Sicher, das alles klingt erst mal nach einer weiteren verrückten Idee für städtische Eliten. Aber das Konzept kann durchaus auch für sehr viele Menschen attraktiv sein: Denn es geht im Kern darum, den kostbaren und immer teureren Platz auf der Welt besser zu nutzen. Wohnen soll erschwinglich bleiben, auch in Städten und für die, die nicht reich sind. Und die Natur soll geschont und nicht immer weiter zubetoniert werden.

Womit wir bei der aktuellen Politik wären. Und bei deren Umgang mit dem Wohnen, dem Bauen, der Stadtplanung und dem Naturschutz. In dieser Woche beschließt der Bundestag den Etat und damit auch das sogenannte Baukindergeld. Der Staat wird dann in dieser Legislaturperiode mit über zwei Milliarden Euro das Bauen von Häusern und den Erwerb von Wohnungen für Familien finanzieren. Und genau das ist falsch.

Die Armen werden verdrängt

Das Baukindergeld führt erstens dazu, dass diese Republik noch weiter zubetoniert wird und der sowieso schon rasante Flächenfraß weiter zunimmt. Es wird zweitens nichts an den steigenden Mieten in den Städten ändern. Und es wird drittens ausgerechnet den Menschen nicht helfen, die sich schon heute das Wohnen kaum leisten können. Denn die können sich kein Haus bauen, in dicht besiedelten Gegenden schon gar nicht. Anders formuliert: Die deutsche Baupolitik à la Groko ist sozial ungerecht und ökologisch katastrophal.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich habe nichts gegen Bauen, im Gegenteil, es sollte in diesem Land mehr Wohnraum entstehen, daran fehlt es. Und es sollen auch Familien mit Kindern in Häusern am Stadtrand leben können. Doch was im Moment auf dem deutschen Wohnungs- und Häusermarkt passiert, geht genau in die falsche Richtung. Da ziehen die, die es sich leisten können, in immer größere Wohnungen in der Stadt und verdrängen die Armen. Und Familien mit normalem Einkommen bauen, wenn überhaupt, notgedrungen immer weiter draußen Häuser auf der grünen Wiese. So wachsen die Städte immer mehr ins Umland, Vorstadtsiedlungen mit Steingärten entstehen, wo vorher Wiesen wuchsen.

Verschlimmert wird dieser Trend noch durch eine höchst menschliche Untugend: Viele Menschen wollen, wenn sie schon weit weg vom Stadtzentrum ins Grüne ziehen, wenigstens auf viel Fläche wohnen – weil man in dieser Gesellschaft durch die Größe des Hauses auch etwas über den eigenen Status sagt. Frei nach dem Motto: Je mehr Quadratmeter ich bewohne, desto wichtiger bin ich.

Natürlich ist das nicht ganz neu, schon immer haben die einen in schmucken Häusern und andere in Hütten gewohnt. Neu aber ist, dass die Bundesregierung heute und in dem Wissen, dass die Republik immer ungerechter wird, ausgerechnet die staatliche Förderung der Mittelschicht durch das Baukindergeld als soziale Wohltat verkauft. Sie fällt in die große Einfallslosigkeit der Baupolitik in den Siebzigerjahren zurück, als man noch glaubte, dass in der Republik nur genügend Einfamilienhäuser entstehen müssten – und schon bräche der soziale Friede aus und die Wohnungsnot würde Vergangenheit werden.

Originell wäre etwas anderes. Es gibt neben der Tiny-House-Bewegung noch viele andere Gruppen und Initiativen, die Konzepte haben, wie viele Menschen künftig billiger, besser und sogar netter zusammenwohnen können. Der Bedarf danach ist jedenfalls groß: Weil viele Bürgerinnen und Bürger eigentlich lieber in der Stadt wohnen würden, ohne ein Vermögen dafür ausgeben zu müssen. Weil eine Gesellschaft, die immer älter wird und in der Familien mal wachsen, mal schrumpfen, mal anders zusammengewürfelt werden, andere Wohnkonzepte braucht: für die Jungen ohne Kinder, die Familien mit und die alten Leute wieder ohne. Und auch, weil nicht noch das letzte Stückchen Wiese unter einem Einfamilienhaus verschwinden sollte, das spätestens dann ohnehin zu groß für die Eltern wird, wenn die Kinder aus dem Haus sind.

Warum fördert die Bundesregierung nicht, wenn sie schon fördern will, nur den Bau kleiner Häuser (es müssen ja nicht nur 6,5 Quadratmeter sein)? Warum stellt sie nicht mehr Geld für ungewöhnliche Wohnideen zur Verfügung? Warum spielt die Ökologie bei ihrer Förderpolitik so ganz und gar keine Rolle? Ich habe nur eine Vermutung: Sie ist einfach ganz, ganz müde. Und merkt gar nicht mehr, was es für tolle Leute gibt in diesem Land.