Der Dürreschaden für die deutsche Landwirtschaft liegt nach Schätzung des Deutschen Bauernverbandes deutlich über der geforderten Soforthilfe von einer Milliarde Euro. "Wir befinden uns mitten in der Ernte und können schon jetzt sagen, dass die Trockenschäden ein Mehrfaches der genannten eine Milliarde Euro betragen werden", sagte Bauernpräsident Joachim Rukwied der Passauer Neuen Presse. "Wir rechnen allein beim Getreide mit einem Minus von rund 1,4 Milliarden, dazu kommen Mais, Zuckerrüben, Kartoffeln und Grünfutter."

In Berlin sprechen an diesem Dienstag Experten des Bundesagrarministeriums und der Länder über die Folgen der Dürre und Hitze für die Deutschen Bauern. Die Bundesregierung will erst über mögliche eigene Hilfen entscheiden, wenn Ende August die Abschlussbilanz der Ernte vorliegt. Rukwied fordert jedoch rascheres Handeln: "Bund und Bundesländer müssen die rechtlichen Voraussetzungen schaffen, damit der Notstand ausgerufen werden kann." Zudem müsste eine steuerfreie Rücklage gebildet werden. Ernteeinbußen von bis zu 70 Prozent gingen "über das übliche unternehmerische Risiko hinaus, das können viele Betriebe nicht tragen", sagte er der Zeitung.  

"Pauschales Handaufhalten ist wenig hilfreich"

Wegen der Hitze werden nach Angaben der Forstwirte wohl auch viele neu gepflanzte Bäume sterben. "Es droht ein Totalausfall der neuen Generation", sagte der Präsident des Deutschen Forstwirtschaftsrats (DFWR), Georg Schirmbeck, der Neuen Osnabrücker Zeitung. "Die Hitzewelle macht die Pflanzarbeit von mehreren Jahren zunichte", warnte er. "Anders als bei ausgewachsenen Bäumen reichen bei jungen bereits ein paar Monate Trockenheit, um sie absterben zu lassen."

Nach Angaben des Verbandes werden in Deutschland jährlich 500 Millionen junge Bäume gepflanzt. Schon jetzt könnten kleine Waldbesitzer ihren Wald nur selten kostendeckend pflegen. Der DFWR-Präsident forderte daher, diese Forstwirte künftig mit öffentlichem Geld direkt zu fördern.

Nordrhein-Westfalens Agrarministerin Ursula Heinen-Esser (CDU) hat sich unterdessen zurückhaltend zu möglichen staatlichen Hilfen für dürregeschädigte Landwirte geäußert. Staatliche Hilfen seien nur in extremen Ausnahmesituationen, etwa bei Ertragsrückgängen von 30 Prozent und bei Existenzgefährdungen von Betrieben zu rechtfertigen, sagte Heinen-Esser in einem Interview mit der Rheinischen Post. Ob das auf Betriebe in NRW zutreffe, könne sie noch nicht sicher einschätzen. "Zwar war die Getreideernte in NRW unterdurchschnittlich, jedoch können wir  hier noch nicht von einer Ausnahmesituation sprechen", sagte Heinen-Esser. Leicht anziehende Erzeugerpreise, insbesondere beim Getreide, wirkten derzeit schadensmindernd für einige Betriebe.

Dürrehilfen müssen nach Ansicht von Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter an Bedingungen geknüpft werden. "Pauschales Handaufhalten von Lobbyverbänden ist wenig hilfreich, vor allem, wenn der fordernde Verband gleichzeitig für ein politisches 'Weiter so' steht", sagte Hofreiter der Rheinischen Post zu den Forderungen des Bauernverbandes. Angesichts der massiven Dürreschäden forderte der Grünen-Politiker ein grundsätzliches Umsteuern in der Landwirtschaft. Die Dürre müsse "ein Weckruf sein für einen grundlegenden Kurswechsel in der Agrarpolitik", sagte Hofreiter.

Zwar sei die Lage in vielen Betrieben bereits so dramatisch, dass der Staat den Landwirten helfen müsse. Diese Hilfen müssten aber an Bedingungen geknüpft werden. "Die industrielle Landwirtschaft kann nicht mehr weiter so wirtschaften wie bisher", sagte er. Hofreiter sprach sich dafür aus, dass "die Milliardengelder, die in die Landwirtschaft fließen, in Zukunft nur noch an solche Betriebe gehen, die mit der Natur arbeiten". Damit würden klimafreundliche und ökologischere Betriebe gezielt unterstützt.