Die Amtszeit des Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB) Mario Draghi endet im November 2019 nach acht Jahren. Für seine Nachfolge werden dem Chef der Deutschen Bundesbank, Jens Weidmann, gute Chancen eingeräumt. Der Politik- und Wirtschaftswissenschaftler Paweł Tokarski von der Stiftung Wissenschaft und Politik erklärt in diesem Gastbeitrag, warum ein deutscher EZB-Präsident nicht unbedingt das Beste für Deutschland ist.

Die EZB-Präsidentschaft ist eine der wichtigsten Positionen im Euroraum. Der Spanier Luis de Guindos hat Anfang Juni den Posten des Vizepräsidenten übernommen, jetzt ist das Rennen um die Nachfolge von Mario Draghi eröffnet. Der Italiener und zwei weitere Mitglieder des Direktoriums der EZB müssen zwischen 2018 und 2019 ersetzt werden. Parallel dazu wird auch die Diskussion über die Zukunft der Währungsunion weiter Fahrt aufnehmen.

Die deutsche Öffentlichkeit ist besorgt über die expansive Geldpolitik der EZB. Da könnte es ein beruhigendes Signal in Richtung einer Normalisierung sein, wenn die EZB-Spitzenposition mit dem aktuellen Bundesbankpräsidenten, Jens Weidmann, besetzt wird. Die deutsche "Übernahme" der EZB könnte die deutsche Politik als Erfolg verkaufen. Allerdings könnte ein solches Szenario auch mehr Risiken als Gewinne für Deutschland mit sich bringen.

Die EZB muss weiterhin mit Geldpolitik den Euro stabilisieren

Es ist offensichtlich, dass die Eurozone sich in einem weitaus besseren Zustand befindet als noch im Jahr 2010. Die Einrichtung des permanenten Europäischen Stabilitätsmechanismus, die Entwicklung der Bankenunion und die Möglichkeit von Outright Monetary Transactions für Länder in finanziellen Schwierigkeiten trugen viel zu dieser Entwicklung bei. Es gibt jedoch keine Garantie dafür, dass die Krise nach dem Ende der expansiven Geldpolitik nicht wiederkehrt. Die aktuelle populistische und Euroskeptische Regierung in Italien stellt die Zukunft der drittgrößten Wirtschaft des Euroraums und die Währungsintegration in Europa infrage.

Rutscht die Wirtschaft im Euroraum in die nächste Krise, würde sich der deutsche EZB-Präsident im operativen Zentrum der Antikrisenstrategie befinden. Der ESM verfügt nicht über ausreichende finanzielle Mittel verfügt, um die größten Mitglieder des Eurowährungsgebiets wie Italien zu retten. Und in den 19 Euroländern besteht wenig Bereitschaft, mehr Risiko zu teilen. Deshalb wird die EZB weiterhin mit ihrer Geldpolitik die Währungsunion stabilisieren müssen. Jegliche gegensätzlichen Anzeichen aus dem Sitz in Frankfurt würden das Vertrauen in die Währungsunion gefährden.