Zwei Jahre nach dem britischen Referendum über einen Austritt aus der Europäischen Union ist immer noch nicht klar, was die Briten wirklich wollen. Die regierende Tory-Partei ist zerstritten, das Parlament und das Volk gespalten. Am Montag sind Außenminister Boris Johnson und Brexit-Minister David Davis im Streit über die richtige Brexit-Strategie zurückgetreten. Wie geht es jetzt weiter? Drei mögliche Szenarien:

1. No Deal

Es ist das Schreckensszenario der Wirtschaft und damit zugleich die Drohkulisse der Hardliner: Großbritannien tritt am 29. März 2019 ohne Abkommen aus der Zollunion und dem Binnenmarkt der EU aus. Die Vorteile: Großbritannien wäre unabhängig, könnte EU-Vorschriften unterlaufen, mit niedrigen Steuersätzen international trumpfen, eigene Handelsabkommen mit der großen weiten Welt abschließen und als Singapur des Westens brillieren. Das ist die Theorie. Die Realität ist, dass sich offenbar niemand in den Ministerien ganz konkret auf diesen "no deal" vorbereitet, weil die Idee so abwegig erscheint und der wirtschaftliche Schaden so immens wäre. Großbritannien würde schließlich alle wirtschaftlichen Verflechtungen mit seinen wichtigsten Handelspartnern zerstören. 

Das "no deal"-Szenario wurde von der britischen Regierung – insbesondere den jetzt zurückgetretenen Ministern Boris Johnson und David Davis – immer nur als Drohung genutzt, um der EU Angst einzujagen. Das Argument: Der Union bräche der wichtige Produktionsstandort und Markt Großbritannien weg. Gerade die deutsche Automobilindustrie werde sich dagegen wehren und am Ende werde das wichtigste EU-Land Deutschland die anderen Staaten zum Einlenken zwingen – so das Argument Boris Johnsons. Bislang ist davon aber nichts zu spüren. Die Europäische Union ist in entscheidenden Punkten hart geblieben. Sie weiß, dass die Briten abhängiger sind von der EU als andersherum. Daher geht die Drohung ins Leere.

2. No Brexit

Den Brexit zurücknehmen, das Ergebnis des – ohnehin nicht bindenden – Referendums ignorieren: Auch wenn davon sicher manche Briten und wohl auch Menschen in der restlichen EU träumen: Dieses Szenario ist unwahrscheinlich. Im britischen Parlament gibt es für eine Abkehr vom Brexit keine Mehrheit – selbst unter einer Labour-geführten Regierung mit einem Premierminister Jeremy Corbyn würde der Brexit weiter verhandelt. Eine enge Anbindung an die EU wäre mit Labour aber wohl einfacher umzusetzen als mit den Tories unter Premierministerin May.

Die Bevölkerung ist immer noch tief gespalten. Seit dem Referendum hat sich daran wenig geändert: Mal gibt es in den Umfragen eine hauchdünne Mehrheit für einen Verbleib in der EU, mal liegen die Befürworter des Ausstiegs vorn. Viele Briten haben sich aber mittlerweile damit abgefunden, die EU zu verlassen, auch wenn sie selbst beim Referendum gegen den Brexit gestimmt haben. Großer Frust herrscht in beiden Lagern über die Planlosigkeit der Regierung – abzulesen am jüngsten Wahlergebnis der britischen Konservativen.

Auch für die Regierung ist ein Verbleib keine Option. Träte Theresa May (oder ihr Nachfolger, sollte sie doch gestürzt werden) jetzt vor die Presse, um den Brexit abzusagen, würden die Tories jegliches Wählervertrauen zerstören. Der politische Kollateralschaden wäre immens. Es wäre der Verrat am Willen des Wählers.

Und zu guter Letzt: Auch wenn viele europäische Politiker, darunter prominente Stimmen wie Ex-Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, immer betonen, dass die Tür für einen Verbleib der Briten in der EU immer noch offen sei: Wie soll der Rest Europas mit einem Großbritannien zusammenarbeiten, das sich in den vergangenen zwei Jahren ein solches Schauspiel geleistet hat? Eine Besinnungspause außerhalb der EU, damit sich die Briten darüber klar werden können, was sie wirklich wollen, täte vielleicht auch der restlichen EU ganz gut.