In Cottbus ist der Kohleausstieg beschlossene Sache. "Braunkohle ist politisch und moralisch verschlissen", sagt Vlatko Knezevic, Geschäftsführer der Cottbuser Stadtwerke. Deshalb soll das Braunkohlekraftwerk spätestens 2022 vom Netz und durch ein neues Gaskraftwerk ersetzt werden. "Wir beginnen jetzt mit den Planungen", sagt Knezevic. "Mein Ziel ist, das neue Kraftwerk deutlich vor 2022 ans Netz zu nehmen."

Kohleausstieg in Cottbus? Wolfgang Rupieper, Chef des Vereins Pro Lausitzer Braunkohle, spricht von einen "Bärendienst" für die Lausitz: "Das ist Wasser auf die Mühlen der Berliner Ideologen, die einen schnellen Kohleausstieg entgegen jeder energie- und industriepolitischen Vernunft durchsetzen wollen."

Damit meint Rupieper die von der Bundesregierung eingesetzte Kohlekommission, die offiziell Kommission "Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung" heißt. Bis zum Jahresende soll sie einen Fahrplan für den Kohleausstieg in Deutschland finden. Die Cottbuser Investitionsentscheidung sei "ein Desaster für die Lausitz und das falsche Signal zum schlechtesten Zeitpunkt nach Berlin", kritisiert Rupieper.

SPD attackiert den CDU-Oberbürgermeister

Nicht die einzige Reaktion, die den Cottbuser Kohleausstieg scharf angreift. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stadtwerke berichten von Drohungen, Hassmails und unschönen Anrufen. Die SPD hat sich auf den Cottbuser CDU-Oberbürgermeister eingeschossen, der bei der Landesregierung und in Berlin um die längstmögliche Braunkohlenutzung streite, "aber durch eigenes Handeln vor Ort voreilig gegenteilige Entscheidungen befördert". Reinhard Drogla (SPD), Vorsitzender der Cottbuser Stadtverordnetenversammlung, sagt: "Solch eine Investitionsentscheidung ist nicht allein eine Entscheidung des Stadtwerks. Wir hätten uns einen gesellschaftlichen Diskurs über die Cottbuser Wärme- und Stromversorgung der Zukunft gewünscht."

"Ich verstehe das", sagt Stadtwerke-Chef Knezevic, "wir sind ein Braunkohlegebiet." Tatsächlich ist Cottbus umzingelt von der Kohleindustrie. Cottbus Nord heißt der Tagebau im Nordosten, Welzow im Süden, im Südosten soll das Abbaugebiet Beganz aufgeschlossen werden. Jänschwalde, das größte Kraftwerk der Lausitz liegt in Sichtweite, viele der 100.000 Cottbuser sind in der Kohle oder einem Folgebetrieb beschäftigt. Was aber, wenn es immer weniger Abnehmer für die Braunkohle gibt? Das Cottbuser Kraftwerk verfeuert derzeit noch 200.000 Tonnen Braunkohle im Jahr.

Vlatko Knezevic, der Chef der Stadtwerke Cottbus © Nick Reimer

"Meine Aufgabe ist, Schaden von der Stadt, den Stadtwerken und seinen Mitarbeitern abzuwenden", sagt Knezevic. Da sind zum Beispiel die Feinstaubbelastungen. Der Stadtwerke-Chef kann das Kraftwerk von seinem Bürofenster aus sehen, es steht mitten in der Stadt. "An dem Tag, an dem wir von Kohle auf Gas umswitchen, ist das Feinstaubproblem gelöst." Da sind aber auch andere Emissionen wie Quecksilber oder Lachgas. Und da ist das Klimaproblem. "Das neue Kraftwerk spart 30 Prozent Treibhausgase ein", sagt Knezevic.

Aber es sind eben nicht nur Umweltaspekte, die zur neuen Planung führten. "50 Prozent unserer Investitionsentscheidung sind rein wirtschaftlicher Natur", sagt Knezevic. Mit dem jetzigen Braunkohlekraftwerk könne man immer schwieriger Geld verdienen. Obwohl es erst vor 18 Jahren ans Netz ging, haben die Stadtverordneten gerade Knezevics Plänen zugestimmt – normalerweise laufen Kraftwerke 40 Jahre, um die Investitionskosten zu amortisieren. Jetzt sollen über 100 Millionen Euro investiert werden. "Braunkohle ist eine große Belastung für die Cottbuser Stadtwerke, Erdgas ist zukunftsfähiger", sagt Knesevic.

Doch woher kommt die Wertschöpfung ohne Kohle?

Aber wenn sich der Lausitzer Rohstoff für die Cottbuser nicht mehr rechnet, wie können dann Konkurrenten wirtschaftlich arbeiten? Wie schafft es RWE oder die Leag, das Nachfolgeunternehmen Vattenfalls in der Lausitz, mit Braunkohle noch Geld zu verdienen?

"Das Cottbuser Problem liegt nicht am Rohstoff, sondern an der Technik", erklärt SPD-Politiker Drogla. Mitte der Neunzigerjahre habe man sich für ein Wirbelschicht-Heizkraftwerk entschieden, dessen Technik einfach nicht ausgereift war. "Damals war die Situation eine andere: Kurz nach der Wende waren die Ängste der Cottbuser, was ihr Einkommen, ihre Arbeitsplätze betrifft, sehr groß." Schon damals wollten die Stadtwerke eigentlich ein Gaskraftwerk bauen. Cottbuser Bürgerinnen und Bürger schütteten deshalb Braunkohle vor die Verwaltung und machten so lange Druck, bis die Entscheidung zugunsten der Braunkohle geändert wurde.

Stadtwerke-Chef Knezevic bestätigt die technischen Probleme. Es habe viel Ausfall im Kraftwerk gegeben. Vor allem aber sei der 212 Megawatt starke Block nicht flexibel genug: "Im Winter brauchen wir 190 Megawatt Leistung, im Sommer aber nur 25 bis 30 Megawatt." Soweit lässt sich das Kohlekraftwerk aber gar nicht drosseln, im Sommer steht es deshalb oft still. Zudem würden die Versicherungsunternehmen nicht nur aus der Finanzierung von Kohlekraftwerken aussteigen, sondern zunehmend auch aus der Versicherung der Ausfallzeiten, ergänzt Knezevic. "Wenn sich die Versicherer schon aus der Braunkohle verabschieden, dann kannst du als Stadtwerk nicht der letzte sein."

Auch Gas ist ein fossiler Energieträger

Reinhard Drogla von der SPD Cottbus © Nick Reimer

Kommt also der Kohleausstieg viel früher, als die Kohlekommission empfehlen wird? "Ich glaube, so um das Jahr 2030 könnte ein Kompromissdatum sein", sagt Reinhard Drogla. Die Lausitz sei in ganz hohem Maße abhängig von der Wertschöpfung, die aus der Kohle kommt. "Die zentrale Frage ist: Wie schafft man es, in dem dann definierten Zeitraum eine Wertschöpfungsalternative aufzubauen?"

Dafür seien spezielle Instrumente notwendig, sagt Drogla, "zum Beispiel ganz andere Förderprogramme, als wir sie jetzt haben". Programme, die Fragen der Energieerzeugung und der Energiesicherheit beantworten. "So eine Stadt wie Cottbus muss ja mit Strom und Wärme versorgt werden." Für den SPD-Politiker und Intendanten des Cottbuser Piccolo Theaters ist das "das zentrale Thema".

Das Stadtwerke-Chef Knezevic mit dem Kohleausstieg lösen will. Er glaubt, dass für den Strukturwandel der Region vor allem bessere Verkehrsanbindungen notwendig seien: "Nur so bekommen wir neue Industrieansiedlungen hierher", sagt Knezevic. Reinhard Drogla, der seit Ende 2017 auch im Aufsichtsrat des Stadtwerkes sitzt, meint aber, dass vor allem "neues Denken" notwendig sei. Deshalb hätte er sich auch eine öffentliche Debatte über das neue Gaskraftwerk gewünscht. "Mit der Entscheidung tauscht man die Braunkohle gegen einen anderen fossilen Energieträger aus." Und das in Zeiten der Energiewende, wo es ganz andere, dezentrale Lösungen gebe.