Der neue Weg des Plastikmülls – Seite 1

Lebensmittel, Verpackungen, Elektroschrott, Plastik: Die Menschheit müllt sich zu. Mit dem Schwerpunkt "Leben im Wegwerfmodus"  folgen wir den Routen des Abfalls, zeigen, was er mit Mensch und Tier macht und wie er sich besser vermeiden ließe.

Es gibt wenige Menschen, die sich so über den Anblick von Müll freuen können wie Michael Scriba. Wenn er über die Berge aus PET-Flaschen redet und über die Ballen aus Spielzeugresten, die bei ihm in Niedergebra angeliefert werden, "hochwertig, vorsortiert und sortenrein", dann schraubt sich seine ruhige und besonnene Stimme vor Begeisterung glatt ein paar Töne in die Höhe. Scriba hat endlich wieder genug zu Schreddern. Mehr als genug sogar. Seit ein paar Monaten laufen in seinem Recyclingunternehmen mtm plastics die Maschinen auf vollen Touren, und der Chef sagt: "Wir haben nun ausreichend  Kunststoffabfall als Input. Und das auch in besserer Qualität. Mich freut das riesig."

Die Erfolgsgeschichte von Scriba und seinen Kollegen fing vor ziemlich genau sechs Monaten in China an. Da verhängte die Volksrepublik einen Einfuhrstopp für Kunststoffabfälle, die sie bis dahin reichlich importierte. Man könnte auch sagen: China war bisher das Land, das vor allem Europa vom Plastikmüll befreite. 56 Prozent des Kunststoffabfalls verschiffte die Welt nach China, die EU-Staaten wurden dort sogar 87 Prozent ihres Plastikdrecks los. Rund 760.000 Tonnen Plastikmüll lieferte auch die Bundesrepublik jährlich an China. Damit ist jetzt Schluss.

Noch am Jahresanfang warnten viele Experten der Verpackungs- und Entsorgungsindustrie und Umweltschützer, Chinas Importstopp werde nun bei uns zum großen Müllstau führen. Vielleicht sogar zur vorübergehenden Vermüllung der westlichen Welt. Schließlich werden jedes Jahr weltweit 400 Millionen Tonnen Kunststoff produziert – die zweihundertfache Menge dessen, was noch 1950 aus den Fabriken kam. Ein Großteil davon landet als Lebensmittelverpackung oder industrieller Kunststoffabfall früher oder später wieder im Müll. Und nun, so die Befürchtung, würden Berge von Plastikabfall liegenbleiben, sie müssten deponiert oder noch häufiger verbrannt werden als ohnehin schon. Oder wenigstens woanders hin verschifft. Doch die Geschichte hat eine ganz andere Wendung genommen.

Warum aber schloss China überhaupt seine Grenzen für den Plastikmüll? Manche sagen, die Chinesen hätten genug davon gehabt, als Müllkippe der Welt zu gelten. Doch ganz so ist es nicht. Vielmehr zahlten die chinesischen Aufkäufer für den Plastikmüll weit höhere Preise als andere Abnehmer. 20 Euro mehr je Tonne, so der Entsorgerverband BDE. Denn jahrelang machte China ein gutes Geschäft mit den Abfällen: Es baute viele Recyclingfabriken, lastete sie mit dem Müll aus dem Westen gut aus und verkaufte das gewonnene Material lukrativ weiter.

Weil aber auch stark verunreinigte Kunststoffreste den Weg in den Fernen Osten fanden, häuften sich dort die nicht verwertbaren Schutt- und Schmutzreste. Sie machen bei vielen Kunststoffabfällen etwa 40 Prozent aus. Auf diese Rückstände ist China nicht erpicht. Deshalb hat die Führung in Peking den Importstopp verhängt und inzwischen mit chinesischem Geld Fabriken in Indonesien, Thailand, Malaysia und Vietnam aufgebaut. Die übernehmen nun sozusagen die Drecksarbeit und häufen die Schmutzberge an Chinas Stelle an. Die Volksrepublik dagegen führt nur noch die fertigen Granulate als Ware wieder ein. Für die dortigen Recyclingunternehmen rechnet sich dieses Geschäft wieder. 

Was heißt das für die deutschen Firmen? Bei denen schlägt nun der Kunststoffmüll aus Europa auf. Selbst aus England kommen neuerdings viele Tonnen Plastikabfall, die zuvor nie die britische Insel in Richtung Kontinent verlassen hatten. Und die deutschen Entsorgungsunternehmer jubilieren, so wie Michael Scriba: "Klar freuen wir uns darüber", sagt er, "wir haben jahrelang gefordert, dass diese Exportorgie nach Asien aufhört."

Zuvor wurde den Kunststoffrecyclern bisweilen gar kein Material angeboten: "Zwischenzeitlich kauften die Chinesen sämtliche Abfälle auf, die auf dem Markt zu haben waren", sagt Scriba. Oder es sei nur schlechte Qualität zu hohen Preisen zu haben gewesen. Mit den üppigen Aufschlägen hielt China die Preise hoch. Heute kann sich Scribas Unternehmen die besten Reste aussuchen.

"Der Abfall sucht sich immer das billigste Loch"

So geht es der gesamten Branche, berichten Vertreter des Branchenverbands BVSE: "Früher pickte sich auch Großbritannien zuerst die besten Stoffe heraus, den Rest kauften die Chinesen oder die Ballen gingen in die Tigerstaaten. Heute haben wir so viel Material, dass unsere Maschinen ausgelastet sind." Manche kleineren Unternehmen kämen mit dem Schreddern kaum noch hinterher. "Die Marktverwerfungen, die vor allem von China ausgehen, führen bei uns dazu, dass die Recyclingbranche boomt", staunt man selbst beim BVSE.

Und welchen Preis zahlen wir dafür? Einen verdammt kleinen, frohlockt Recycler Scriba. "Innerhalb von 18 Monaten sind die Ankaufpreise für Plastikmüll teilweise um rund die Hälfte gesunken." Und jene, bei denen Kunststoffabfall in großen Mengen anfällt, legten teils sogar Zuzahlungen obendrauf, damit die Verwerter ihnen den Müll abnehmen, sagt der BVSE. Auf den schmutzigen Resten bleiben die heimischen Recycler auch nicht sitzen: Die weniger reinen Ballen werden nach wie vor ins Ausland verschifft. Solange die anderen Staaten sich das noch gefallen lassen. Vietnam hat jetzt auch als erster Tigerstaat seine Häfen für den Kunststoffdreck geschlossen.

Die deutschen Recyclingfirmen machen sich deswegen aber vorerst keine Sorgen – weil beim Müll das "erste Gesetz der Abfalldynamik" gilt, so nennt es Scriba: "Der Abfall sucht sich immer das billigste Loch." Auch in Osteuropa, in Bulgarien, Rumänien, Russland und der Ukraine wird zunehmend Kunststoff recycelt, und zwar jener von nicht so guter Qualität. Dort werde jetzt allerdings auch mehr verbrannt, nämlich jene Reste, die übrig bleiben, räumen Branchenexperten ein. Für deutsche Müllverbrennungsanlagen dagegen lohne sich – wegen der gut laufenden Konjunktur, die immer mehr Haus- und Industriemüll für die Verbrennung liefert, und angesichts des neuen Recyclingbooms – der Ankauf von Kunststoff zum "thermischen Verwerten" immer weniger.

Deutschland habe sich inzwischen regelrecht "zur Drehscheibe" für Plastikmüll entwickelt, jubelt die Branche. Das zwingt sie nun aber auch hierzulande, Kapazitäten aufzustocken. Zudem wird das die Konsolidierung in der Branche weiter vorantreiben. Bisher ist das Recyclinggeschäft stark von mittelständischen Unternehmen mit meist kleineren Anlagen geprägt. Wegen der dauernden Engpässe haben viele ihre Maschinenparks zuletzt nicht ausgebaut.

Geforscht und neue Verfahren weiterentwickelt haben auch die wenigsten. Sie haben sich eher gegenseitig kannibalisiert. Viele Firmen haben fusioniert. Auch mtm plastics hat zuletzt nur überlebt, weil es vom österreichischen Wettbewerber Borealis aufgekauft wurde. Der hat nun 15 Millionen Euro in einen Erweiterungsbau investiert. "Beim Stand der Technik ist unsere Branche hierzulande in den vergangenen 15 Jahren zurückgeblieben", bringt es Scriba drastisch auf den Punkt. "Die Ursache dafür liegt ebenfalls in den hohen Exportzahlen nach China. Aber auch in den niedrigen gesetzlichen Recyclingquoten und den Überkapazitäten in der Verbrennung."

Dabei wäre es dringend nötig, neue Methoden zu entwickeln. Zum Beispiel, um die Farbe aus Altkunststoffen herauszuziehen, damit das Granulat nicht so schmutzig grau ist wie bisher. Bei Altpapier klappt das schon sehr gut. Oder um Gerüche zu entfernen. All das sei nicht nur möglich, findet der mtm-Chef, sondern es würde vor allem den Wert des Granulats enorm erhöhen und es für Abnehmer interessanter machen. Vor allem Unternehmen der Lebensmittel- und der Körperpflegemittelindustrie hielten sich bisher stark zurück und setzten so gut wie keine Recyclingflaschen, Becher oder Tuben ein. Ihnen waren die Produkte oft nicht gut genug oder zu teuer. Künftig aber werden die Hersteller durch höhere Verwertungsquoten dazu gezwungen, die ihnen vom Gesetzgeber auferlegt werden.

Bisher sei die Recyclingfähigkeit ihrer Verpackungen bei den Firmen ein untergeordnetes Thema gewesen. "Man hat mehr auf möglichst leichte Materialien gesetzt, nicht aber auf möglichst gut recycelbare. Jetzt aber werden wir Mittelständler selbst bei Großkonzernen schon in den Designprozess mit einbezogen", sagt Scriba. In seinen Augen war das lange überfällig: "Wir müssen wieder die Akzeptanz für den Kunststoff steigern, indem wir mehr recyceln. Sonst gibt es noch mehr Verbote. Kunststoff hat eine unbestreitbare Qualität. Er muss endlich aus dem Tief herauskommen, in dem er steckt."