Ingrid Gruber fragt sich am Ende eines Monats öfter, wie lange sie das eigentlich noch schafft in dieser Stadt. Sie wohnt in München im Stadtteil Schwabing, seit über 40 Jahren schon. Weil ihr Vermieter seit Jahren die Miete nicht mehr erhöht hat, zahlt sie knapp 700 Euro warm. "Nur", muss man hier inzwischen sagen. Doch damit ist fast ihre gesamte Rente schon am Monatsanfang weg. "Mit der nächsten Mieterhöhung muss ich wahrscheinlich umziehen", sagt die 75-Jährige. "Aber wohin? Es ist ja nirgends billiger hier. Und was soll ich denn woanders? Ich hätte ja überhaupt keine Freunde mehr." Insgesamt 40 Jahre hat sie in einer kleinen Firma "das Büro gemacht", so nannte man das zu ihrer Zeit. Heute würden man sagen: Sie war Officemanagerin und Assistentin der Geschäftsführung. Der Lohn dafür sind 950 Euro Rente.

Damit zählt Ingrid Gruber unter den Frauen schon zu den gut gestellten Rentnern. Trotzdem gilt sie als jemand, der an der Armutsschwelle lebt. Die liegt je nach Berechnung zwischen 950 und 1.050 Euro. Als richtig arm empfindet sie sich zwar nicht, aber viel kann sich Frau Gruber tatsächlich nicht leisten. Nicht in dieser Hochpreismetropole. Das beschämt sie, deshalb will sie nicht mit richtigem Namen in diesem Text stehen. Schließlich hat sie ihr Leben lang gearbeitet, selbst als sie verheiratet war. Vielleicht hätte sie sich nicht scheiden lassen sollen, dann bekäme sie jetzt wenigstens noch Witwenrente. Aber es ist müßig, darüber nachzudenken, findet sie.

Nach aktuellen Zahlen könnte es sehr vielen Menschen in Deutschland so gehen wie Frau Gruber: Fast jede zweite gesetzliche Rente liegt derzeit bei nur 800 Euro, schlüsselte jüngst das Bundesarbeitsministerium auf. Und künftig wird das Rentenniveau weiter absinken, es wird also nicht besser. Solche Zahlen schrecken viele auf. Zwei von drei Bundesbürgern sagen in Umfragen des Instituts Allensbach, sie hätten Angst vor der Altersarmut. Vor allem in Großstädten könnten die Minirenten bald zum Riesenproblem werden, mahnen linke Politiker. Aber muss nun wirklich jeder Zweite fürchten, ab 67 nicht mehr über die Runden zu kommen und in die Armut abzugleiten?

Frauen sind oft die ärmeren Rentner

Die durchschnittlich gezahlte Rentenhöhe liegt derzeit bei 1.050 Euro – sie ist also etwa so hoch wie die Armutsschwelle. Doch wie immer reißen in solchen Durchschnittsberechnungen einige wenige Gutverdiener den Wert für alle in die Höhe. Zudem sind die Unterschiede bei den Geschlechtern groß: Während Männer im Schnitt 1.171 Euro bekommen, sind es bei Frauen nur 685 Euro, also knapp 60 Prozent davon.

Aktuell sind zwei Drittel aller Bezieher von Niedrigrenten Frauen. Denn oft arbeiten Frauen weniger lang als ihre Partner, haben also kürzere Beitragszeiten und zudem meist geringere Einkommen. So schlüsselt es eine Studie von Martin Brussig auf, Professor an der Universität Duisburg-Essen und Leiter der Forschungsabteilung am Institut für Arbeit und Qualifikation. Demnach ist es nicht überraschend, dass Frauenrenten so häufig unter der Armutsschwelle liegen, wenn sie "nur" 30 oder 35 Jahre in die gesetzliche Rentenkasse einzahlen. Künftige Generationen müssten halt kontinuierlicher arbeiten, könnte man argumentieren.

Doch das Erschreckende ist, so belegt die Studie auch: Selbst mit 40, 45 oder mehr Beitragsjahren schaffen es die vielen Rentnerinnen nicht, mit ihren Renten die Armutsschwelle zu überspringen. Der Median ihrer Altersbezüge liegt selbst dann noch unter jenen rund 1.000 Euro, die als Schwelle gelten. Männer schaffen das in der Regel bereits bei 35 Einzahlungsjahren. Ab 40 Arbeitsjahren kommen sie mit ihren Renten sicher über die Grenze. Deshalb bezieht fast die Hälfte aller Frauen Niedrigrenten. Bei Männern sind es nur sechs Prozent.

Wie viel Geld kommt für den Haushalt zusammen?

Nun ist natürlich nicht jede Frau oder jeder Mann mit kleiner Rente gleich arm. Denn viele leben mit Partnern zusammen, die ebenfalls Renten beziehen. Dazu kommen noch Einkünfte aus Betriebsrenten, privaten Versicherungen oder Versorgungswerken. Oder Erspartes. Man muss also das Haushaltseinkommen betrachten, erst das gibt Aufschluss über die tatsächlichen Lebensumstände. Die entscheidende Frage ist: Wie viele Niedrigrentner leben womöglich mit gutverdienenden Partnern zusammen? Das erfasst keine Statistik, aber es gibt Anhaltspunkte.

Einen Hinweis hat Martin Brussig: Durch den Versorgungsausgleich nach einer Scheidung sinke das Risiko einer niedrigen Rente bei Frauen erheblich. Das bedeute: Viele verheiratete Frauen mit niedrigen Rentenansprüchen hätten einen Ehemann an ihrer Seite (oder zumindest bis zur Scheidung hatten), der eher gut verdient, sagt Brussig. Knapp ein Drittel der geschiedenen Frauen schafft es aktuell durch die Scheidungsbezüge über eine Niedrigrente hinaus. Dass das allerdings künftig auch noch funktioniert, ist angesichts neuer Unterhaltsgesetze fraglich.

Teilzeitarbeit als Rentenrisiko

Insgesamt gibt es für Frauen nur einen guten Rat: arbeiten gehen, möglichst Vollzeit, auch in einer Ehe. Bislang haben 75 Prozent der verheirateten Frauen nur geringe eigene Altersbezüge von nicht einmal 900 Euro. Alleinlebende Frauen sind deutlich besser gestellt, 41 Prozent von ihnen haben sogar 1.300 Euro im Monat zur Verfügung. So viel bekommt nur jede zehnte Ehefrau zusammen. Ein weiteres Risiko für Niedrigrenten ist die jahrelange Teilzeitarbeit, sagt Brussigs Studie. Teilzeitarbeiter fallen fast zur Hälfte in die Niedrigrentnerkategorie, ebenso gefährdet sind Beschäftigte kleiner Betriebe (65 Prozent) und Mitarbeiter der Branchen Handel, Verkehr, Gastgewerbe und private Dienstleistungen (circa 50 Prozent).

Rentnerpaaren geht es finanziell meist besser als Alleinstehenden. Der durchschnittliche Rentnerhaushalt hat laut Daten des Statistischen Bundesamts monatlich ein Haushaltsnettoeinkommen von 2.200 Euro zur Verfügung. Und in den rund zwölf Millionen Ruheständlerhaushalten leben leicht mehrheitlich Singles (etwas mehr als sechs Millionen) und rund 5,4 Millionen Paare. Während alleinstehende Rentner auf durchschnittlich 1.734 Euro Nettoeinkünfte kommen, sind es bei Paaren 3.167 Euro netto. Davon lässt es sich doch ganz gut leben, könnte man denken.

Das Problem ist auch hier wieder, dass wenige Gutverdiener den Schnitt nach oben reißen. Betrachtet man, wie viele Haushalte jeweils welches Einkommen haben, so leben 1,1 Millionen Rentnerhaushalte mit weniger als 900 Euro im Monat. 1,7 Millionen haben 900 bis 1.300 Euro zur Verfügung. Und 856.000 höchstens 1.500 Euro. Selbst damit ist das Leben für zwei Personen in der Großstadt nicht einfach. Insgesamt leben 30 Prozent aller Rentnerhaushalte eher am unteren Einkommensrand. Weitere 17 Prozent müssen knausern, weil sie maximal 2.000 Euro zur Verfügung haben – und die auch komplett ausgeben. Zum Sparen bleibt ihnen nichts übrig. Immerhin gut die Hälfte der Rentnerhaushalte muss sich keine Sorgen machen und kann sogar noch Rücklagen bilden, zum Beispiel für Hausreparaturen, Kinder und Enkel.

"Es gibt Problemgruppen"

Die große Frage ist: Wie wird es für künftige Generationen aussehen? Sind die heutigen Rentner nicht noch die Bessergestellten, weil sie noch von den guten Zeiten des Rentensystems profitieren? Peter Haan, Finanzwissenschaftler am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), ist Mitautor einer Studie für die Bertelsmann Stiftung, die eine Prognose für das Jahr 2036 aufstellt: "Die Altersarmut wird insgesamt gar nicht so groß sein, aber es gibt Problemgruppen", sagt er. Jeder fünfte Rentnerhaushalt könnte demnach an jener Schwelle leben, die Statistiker als Armutsgrenze definieren. Manche davon werden sich je nach Wohnregion gar nicht so arm fühlen, andere umso mehr, sagt Haan: "Wovon man andernorts noch gut leben kann, dafür bekommt man in München nicht einmal mehr die Wohnung bezahlt."

Aktuell gebe es im Osten weniger Altersarmut als im Westen. Vor allem wegen der oft niedrigen Lebenshaltungskosten und wegen der DDR-Erwerbsbiografien, dort arbeiteten die Frauen deutlich mehr. Doch das Verhältnis wird sich umkehren, sagt Haan: "In 20 Jahren gehen diejenigen in Rente, die im Osten die Neunziger- und Nullerjahre mitgemacht haben, die von hoher Arbeitslosigkeit geprägt waren." Zu den großen Problemgruppen würden in 20 Jahren all jene ohne abgeschlossene Berufsausbildung gehören, weil sie klassischerweise zu den Niedriglohnarbeitern gehören. Und Migranten, die oft schlechter in den Arbeitsmarkt integriert sind. Vor allem aber Frauen.

Denn noch immer arbeiten Frauen im Schnitt weniger als Männer und zudem häufig in Teilzeitjobs. Gerade Frauen, die sich scheiden lassen und bis zur Rente nicht wieder heiraten, sieht auch Katja Möhring, Professorin für Makrosoziologie an der Universität Mannheim, als akut armutsgefährdet: "Noch ist das Problem nicht so groß, aber es wird sich im Kohortenvergleich verstärken." Möhring erforscht weibliche Biografien im Hinblick auf die Rente und die Frage, inwiefern das Zusammenleben mit Partnern Armut verhindert. Es wird viel weniger funktionieren als früher, stellt sie fest: "Was uns auffällt, ist eine zunehmende Polarisierung. Heute verpartnern sich eher Partner mit günstigen Lebensläufen untereinander, genau wie Partner, die beide sehr ungünstige Lebensläufe haben."

Während früher Krankenschwestern oder Supermarktkassiererinnen häufiger mit Chefärzten oder Abteilungsleitern zusammenlebten, findet man heute mehr Doppelverdienerpaare, die beruflich etwa gleichgestellt sind. Verbünden sich einerseits häufiger Gutgebildete und Gutverdiener miteinander, müssen die vermutlich im Ruhestand erst recht keine Not leiden. "Bildung allein aber reicht nicht", warnt Möhring: Zudem gebe es auch viele hochgebildete Frauen, die für die Kinder ihren Beruf aufgeben, weil sie mit überdurchschnittlich verdienenden Männern zusammenleben. Und am anderen Ende der Statistik findet man häufiger zwei Arbeitslose oder Minijobber, die sich selbst gemeinsam im Alter nicht über die Armutsschwelle hieven werden.