Das Herz der brasilianischen Sojawirtschaft teilt sich einen Namen mit dem portugiesischen Wort für Lächeln: Sorriso. Der Ort wurde Ende der Achtzigerjahre gegründet, seitdem stieg die Bevölkerungszahl auf 85.000 Einwohner und der Urwald drum herum schrumpfte. Auf den gerodeten Flächen wachsen jetzt Mais und Soja, die Monokulturen erstrecken sich bis an den Horizont.

Sorriso ist wohlhabend geworden. Links und rechts von der Durchfahrtsstraße sieht man schicke Restaurants, Läden für Luxusmode und die ausladenden, frisch gebauten Häuser der Landbesitzer. Im zentralbrasilianischen Hochland wollen es noch viele zu so viel Wohlstand bringen wie die Landbesitzer von Sorriso. Sie legen neue Riesenfelder an und ebenso große Weiden, wo früher Wälder, Reservate der indigenen Bevölkerung und Naturschutzgebiete waren.

Kleinere Betriebe, die eine altmodische, aber ökologische Landwirtschaft betreiben, erfahren häufig Schikane von bewaffneten Banden. Die Kleinbauern nennen sie wegen ihrer Pistolen Pistoleiros und verdächtigen sie, von den benachbarten Großbauern bezahlt zu werden. Die Pistoleiros stecken Häuser in Brand, sägen Strommasten ab, töten Hunde und Milchkühe und schießen mit Revolvern in die Luft und vor die Füße der Landbevölkerung. Sie besprühen sogar Felder und Siedlungen von Flugzeugen aus mit Gift.

Nach Auskunft der Landpastorale, einer Organisation der Katholischen Kirche, sind in den vergangenen 15 Jahren mindestens 20.000 Familien im brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso vertrieben worden; das ist der Bundesstaat, in dem auch Sorriso liegt. In ganz Brasilien werden 30 bis 40 Menschen pro Jahr im Konflikt um Land und Macht getötet, oder wie die Landpastorale sagt: hingerichtet. Allein in Mato Grosso soll es jährlich zu einer Handvoll Hinrichtungen kommen.

Auch Deutschland hat einen Anteil an dieser Entwicklung. Das Soja, das rings um Sorriso hergestellt wird, wird großteils exportiert – nach China, in die USA und nach Europa. Dort wird es an Schweine und Geflügel, aber inzwischen auch an die norwegischen Lachse verfüttert, das zeigen Recherchen der Titelgeschichte in der aktuellen ZEIT. Eine Auswahl nach sozialen oder ökologischen Kriterien spielt bei den Importeuren nur eine Nebenrolle. Selbst wenn Firmen wie der Lachshersteller Skretting auf Lieferanten mit Umweltsiegeln achten, so besagen diese Zertifikate bei näherer Betrachtung weniger, als sie erwarten lassen. Chemiefirmen wie Bayer und BASF beziehen erhebliche Gewinne aus dem Verkauf von Giften und Düngemitteln in Brasilien.

Wo Rechte und Gesetze nichts wert sind

Die Gegend um Sorriso gilt, was Vergehen des Agrobusiness gegen Menschen und die Natur betrifft, als gesetzloses Land. Umweltschutz- und Menschenrechtsgruppen werfen den politisch Verantwortlichen vor, dass sie eine Welt geschaffen hätten, in der Rechte und Gesetze nichts wert seien. Regionale Nichtregierungsorganisationen haben buchdicke Sammlungen von Fällen zusammengetragen, in denen Politiker willkürlich Rechtsbestimmungen zugunsten der Agrarunternehmer geändert haben sollen. Und andere Fälle, in denen Druck auf Richter und Polizeichefs, Journalisten und Schulleiter ausgeübt worden sei, damit bloß nichts herauskomme über die Realitäten im brasilianischen Agrobusiness.

Hier machen Geschichten die Runde wie von jenem Großfarmer aus der Region, der Sklavenarbeiter wie Tiere hielt, der mal eine Miliz mit 200 bewaffneten Männern unter sich hatte und in einem Showdown sogar die Bundespolizei in die Flucht jagen konnte. Es heißt, er lebe bis heute unbehelligt in einer Ortschaft nicht weit von hier. Ärzte, an die sich die Opfer von Vergiftungen durch Sprühflugzeuge wenden, geben hinter vorgehaltener Hand zu: Sie deklarierten den Durchfall oder die Atembeschwerden als Viruserkrankung, alles andere rufe nur Ärger herbei. Im Radio wird vor Gruppen landloser Menschen gewarnt, die sich im Stadtgebiet herumtreiben sollen. Die Leute sollten die Augen aufhalten. Es klingt wie der Aufruf zur Hatz.

Die Politiker in diesem Teil Brasiliens haben keine Zweifel daran, dass ihre Art der Landwirtschaft die Zukunft ist – eine hochtechnologische, blitzsaubere und effiziente Form des Landbaus. "Alle Straßen in meiner Stadt sind asphaltiert", prahlte Dirceu Rossato, der Bürgermeister von Sorriso, vor zwei Jahren in einem Interview mit der ZEIT, keine Ackerkrume klebte an seinem Schuh. Forschungszentren, Saatgutproduktionsstätten und Vertriebsbüros von Chemieunternehmen säumen die Straßen, die nach Sorriso führen, man liest Namen wie Bayer. Werbetafeln versprechen "Hochleistungs-Saatgut". Rossato spricht enthusiastisch über Industrieansiedlungen und neue Straßen, Bahntrassen und Wasserwege. Zu Bauernvertreibungen, dem Gesundheitsschutz und der Natur äußert er sich nur ausweichend und vage.

Man kann ihn mit anerkannten Studien konfrontieren, nach denen hier jedes Jahr ein Giftregen von 136 Litern pro Einwohner niedergeht, sodass Rückstände sich bis in die Muttermilch nachweisen lassen. Dann lautet seine Antwort: "Alles Legende." Die Agrarunternehmer hätten das Wohl der Menschen am besten im Blick. Der Staat und seine Aufseher sollten sich raushalten aus seiner Stadt. So ähnlich wie Rossato reden hier viele Agrarunternehmer und Politiker. Der Gouverneur des Bundesstaates, Pedro Taques, sagte über das Agrobusiness: "Ist das nicht ein großartiges Geschäft?"

Kritik an ihrem Geschäftsmodell kann den Mächtigen in Sorriso auch weitgehend egal sein. Häufiger noch als Europäer kaufen Chinesen und US-Amerikaner ihre landwirtschaftlichen Erzeugnisse. Selbst wenn europäische Abnehmer sich für einen Boykott von Soja aus Brasilien entscheiden würden: Auf der Welt fänden sich noch genügend Abnehmer. Nur eben anderswo.

Mitarbeit: Maria da Luz Miranda und Webkid