Gemessen an der Zahl der Passagiere ist Ryanair die größte Fluggesellschaft Europas. Doch sie hat ein Problem mit unzufriedenen Mitarbeitern. Vor zwei Wochen streikte das Kabinenpersonal in verschiedenen Ländern, an diesem Freitag legen Piloten in Deutschland, Irland, Schweden und Belgien ihre Arbeit nieder. Ryanair muss deshalb Hunderte Flüge streichen. In Deutschland kann nur jeder dritte Passagier seinen Flug antreten, teilte der Konzern mit. Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Streik.

Welche Flüge fallen aus?

Der Streik soll am Freitag um 3 Uhr morgens beginnen und 24 Stunden dauern. Ryanair hat von 2.400 geplanten Flügen in Europa 400 gestrichen, von denen 250 von oder nach Deutschland gehen sollten. Das sind fast alle deutschen Ryanair-Verbindungen, 42.000 Kunden sind nach Unternehmensangaben hierzulande betroffen. Einzig am Flughafen Baden-Baden erklärten sich die Piloten zu etwa einem Dutzend Flügen bereit. Außerdem finden einige Flüge wie geplant statt, weil das Personal aus Ländern kommt, in denen nicht gestreikt wird, zum Beispiel Spanien. Etwa jeder dritte Kunde in Deutschland könne seinen Flug antreten, sagte Ryanair-Betriebschef Peter Bellew. Für den Konzern ist es innerhalb weniger Wochen der zweite große Streik: Ende Juli hatte bereits Kabinenpersonal in Westeuropa die Arbeit niedergelegt. Damals strich Ryanair 600 Flüge, europaweit waren rund 100.000 Kunden betroffen.

Was wird aus den Passagieren?

Ryanair teilte mit, man habe die betroffenen Passagiere per E-Mail oder SMS informiert, dass sie ihre Flüge umbuchen oder sich die Tickets erstatten lassen können. Dazu sind Fluggesellschaften gesetzlich verpflichtet. Weitere Entschädigungen lehnt Ryanair ab, weil die Streiks nicht in der Macht der Gesellschaft lägen. Zu dieser Frage streben einige Flugrechteportale eine Musterklage an. Laut der Fluggastrechte der EU haben die Passagiere schon jetzt auch Anspruch auf "anderweitige Beförderung", sollen das aber mit der Airline absprechen. Entschädigungen stehen ihnen bei Streiks bisher in der Regel nicht zu, nur bei Pauschalreisen gibt es Geld zurück. Wenn die Kunden wegen des Streiks etwa einen Tag weniger am Urlaubsort verbringen können, muss der Veranstalter den Reisepreis anteilig erstatten.

Ryanair - 42.000 Passagiere in Deutschland von Pilotenstreik betroffen Wegen des Pilotenstreiks hat der Billigflieger Ryanair europaweit etwa 400 Flüge gestrichen. Verbindungen in Deutschland sind besonders stark eingeschränkt. © Foto: Bernd Settnik/dpa

Was wollen Pilotinnen und Piloten mit ihrem Streik erreichen?

Die deutsche Vereinigung Cockpit schloss sich den bereits zuvor angekündigten Streiks ihrer Ryanair-Kollegen in Irland, Schweden und Belgien an. Die Pilotinnen und Piloten fordern mehr Festgehalt statt leistungsabhängiger Vergütung, Gehaltserhöhungen mit zunehmender Arbeitserfahrung und dass Ryanair sie nicht mehr unfreiwillig versetzt. Auch die Zahl der Flugstunden für Piloten soll Ryanair reduzieren. Sonst könne es passieren, dass Piloten übermüdet am Steuer säßen.

"Sie machen jedes Jahr Milliardengewinne, und das Durchschnittsticket kostet um die 40 Euro", sagte Cockpit-Vizepräsident Markus Wahl. "Irgendwer muss dafür bezahlen. Das Personal wird es nicht mehr tun."

Cockpit hat nach Angaben ihres Tarifexperten Ingolf Schumacher keine konkrete Geldforderung gestellt. Die Gewerkschaft verlangt stattdessen, dass Ryanair einen Gehalts- und Manteltarifvertrag einführt. Als Maßstab ziehe Cockpit Tarifverträge von deutschen Fluggesellschaften wie der Tuifly heran, ohne auf den dort genannten Gehaltsstufen zu beharren. Ryanair behauptet, die Piloten verlangten Gehaltserhöhungen von mehr als 60 Prozent, das wies Cockpit als falsch zurück.

Ryanair-Angestellte werfen ihrem Arbeitgeber seit Langem vor, dass er sie deutlich schlechter bezahle als Angestellte anderer Billigairlines. Ryanair bestreitet das. Weiterhin beklagen die Mitarbeiter, dass sie Getränke während ihrer Arbeit an Bord selbst bezahlen und bei Krankheit zunächst zur Arbeit erscheinen müssen, um schriftlich über ihre Symptome Auskunft zu geben.

Warum konnten sich die Piloten bisher nicht mit Ryanair einigen?

Cockpit-Präsident Martin Locher warf der Fluggesellschaft vor, eine Lösung am Verhandlungstisch zu blockieren und für die Eskalation verantwortlich zu sein: "Ryanair hat in den Verhandlungen jedwede Personalkostenerhöhung kategorisch ausgeschlossen." Gleichzeitig habe das Unternehmen nicht erkennen lassen, an welchen Stellen es Spielräume für einen Kompromiss sehe.

Ryanair-Manager Bellew sagte, Ryanair sei eine Billigfluggesellschaft und werde nie die Konditionen von Lufthansa bieten, weder bei Ticketpreisen noch bei Gehältern. Ryanair-Piloten verdienten bis zu 190.000 Euro jährlich und damit mindestens 30 Prozent mehr als solche der Lufthansa-Tochter Eurowings. Bellew hielt der Vereinigung Cockpit vor, viele ihrer Forderungen gar nicht konkretisiert zu haben. Ohnehin verdienten die Piloten bei Ryanair bereits besser als bei Eurowings oder Norwegian. Das Unternehmen ändere sich, werde aber das Niedrigkostengeschäftsmodell auf jeden Fall beibehalten.

Marketingchef Jacobs kritisierte die Vereinigung Cockpit außerdem dafür, dass sie ihren Streik nicht sieben Tage zuvor angekündigt hatte: "Eine Frist von 40 Stunden mitten im August führt nur dazu, den Urlaub unschuldiger Familien zu zerstören."

Werden weitere Streiks folgen?

Ryanair-Manager Bellew sagte, er sei optimistisch, mit der Gewerkschaft möglicherweise noch in diesem Jahr zu einem Abschluss zu kommen. Bis dahin könnte es aber auch zu weiteren Arbeitsausständen kommen. Cockpit-Präsident Locher sagte: "Wir werden auch weitere Streiks planen, insofern Ryanair nicht dazu bereit ist, mit uns ernsthaft zu verhandeln." Die Arbeitsniederlegungen würden dann mindestens 24 Stunden vorher angekündigt.

Auch beim Kabinenpersonal rechnet Ryanair-Chef Michael O'Leary mit weiteren Streiks: "Denn wir sind nicht bereit, unangemessenen Forderungen nachzugeben, die entweder unsere niedrigen Tarife oder unser hocheffizientes Modell gefährden werden." Notfalls müssten Kapazitäten aus den Winterflugplänen abgezogen werden, sagte O’Leary, was auf den Abbau von Jobs hinauslaufen könnte. In den Niederlanden versuchte Ryanair, Streiks in der Sommerzeit gerichtlich zu verbieten, hatte aber keinen Erfolg.

Vor einigen Wochen streikten bereits die irischen Piloten von Ryanair. Dadurch fielen insgesamt 70 Verbindungen aus. Die Piloten forderten, dass Ryanair Gehälter, Beförderungen und Versetzungen transparenter macht. Sie verlangen ähnliche Tarifbedingungen wie ihre Kollegen bei den Konkurrenten Tuifly und Easyjet. Ryanair hatte als Reaktion auf den Streik angekündigt, sechs Jets samt 300 Arbeitsplätzen nach Polen zu verlagern. Bellew schloss ähnliche Schritte für Deutschland nicht aus, falls das Geschäft dauerhaft durch Streiks geschädigt würde.

Warum wird bei Ryanair auf einmal so viel gestreikt?

Erst Ende 2017 hatte sich Ryanair nach dem ersten Streik in seiner Geschichte bereit erklärt, Gewerkschaften grundsätzlich anzuerkennen. Bisher gibt es in dem Konzern keine Tarifverträge, die Gehälter und Arbeitsbedingungen einheitlich regeln. Lange hatte Ryanair laut Gewerkschaftsvertretern zu verhindern versucht, dass sich Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer überhaupt organisieren.

Für deutsche Flugbegleiterinnen und Flugbegleiter hat Ryanair inzwischen die Gewerkschaft ver.di als Verhandlungspartner anerkannt, auch in Großbritannien und Italien gibt es Übereinkünfte. Damit sind laut Ryanair 60 Prozent aller Flugbegleiterinnen und Flugbegleiter gewerkschaftlich vertreten. Ver.di will nun so bald wie möglich Tarifverhandlungen eröffnen. Die Schwierigkeit für Ryanair ist, dass es nicht nur in jedem Land mit anderen Gewerkschaften verhandeln muss, sondern dass auch noch jeweils andere Sozialvorschriften gelten.

Eine europaweite Streikbewegung verhindern bisher nationale Arbeitsrechte. Die Gewerkschaften dürfen nur für die Angestellten in ihrem Land verhandeln. Trotzdem sprechen sich die Gewerkschaften inzwischen ab, um zu verhindern, dass die Airline einen Streik in einem Land durch Mitarbeiter aus einem anderen Land kompensiert. Mitarbeiter vernetzen sich verstärkt informell, um sich nicht gegeneinander ausspielen zu lassen, sagte ein Pilot ZEIT ONLINE.

Wird der Flugverkehr unzuverlässiger?

Die Verspätungen im Luftverkehr haben sich nach Angaben des Luftfahrtverbands Iata von Januar bis Juli 2018 im Vergleich zum selben Zeitraum im Vorjahr verdoppelt. Das Flugrechteportal EUclaim berichtet von knapp 4.000 Verspätungen von mehr als drei Stunden. Im Durchschnitt ist ein Flug heute 20 Minuten verspätet. Ebenfalls verdoppelt hat sich die Zahl der gestrichenen Flüge – auf rund 15.500 in der ersten Jahreshälfte.

Als Gründe werden zu eng getaktete Flugpläne sowie zu wenige Flugzeuge, Fluglotsen und Pilotinnen bei immer mehr Passagieren genannt. Allein bei Ryanair kündigten im Jahr 2017 laut der Vereinigung Cockpit etwa 600 von rund 4.000 Piloten. Die Insolvenz der Fluggesellschaft Air Berlin im vergangenen Jahr hat die Situation verschärft. Noch immer sind nicht alle der 144 Maschinen wieder im Einsatz. Da die Flotte auf mehrere neue Besitzer aufgeteilt wurde, kam es zu Engpässen, etwa bei der Flugzeuglackierung und der Innenausstattung.

Hinzu kommt, dass das Luftfahrt-Bundesamt sehr viele Dokumente pro Jet prüfen muss, ehe er auf den neuen Eigentümer überschrieben werden kann, wie Eurowingschef Thorsten Dirks dem Kölner Stadtanzeiger sagte: "Das ist ein langwieriger Prozess und ungleich komplexer als bei einem Auto." Die technische Dokumentation für einen zehn Jahre alten Airbus umfasse beispielsweise 80.000 Seiten.

Mit Material von dpa und AFP