Die Frage war simpel, und uns erschien sie einfach zu beantworten: "Woher kommt das Futter für Ihre Lachse?", wollten wir von der norwegischen Firma Skretting wissen. Skretting ist einer der größten Fischfutterhersteller der Welt, Tochterunternehmen eines niederländischen Großkonzerns, und unser aktuelles ZEIT-Dossier dreht sich um Sojafütterungen in der Fischzucht.

Ein Teil der Antwort war uns schon klar: Brasilien. Die Skretting-Lachse sind daran gewöhnt worden, entgegen ihrer Natur ein Futtermittel zu fressen, das zum Teil aus Soja gemacht ist, und dieses Soja kommt hauptsächlich aus Brasilien. Aber zusätzliche Details waren erstaunlich schwer herauszufinden. Skretting nannte uns bereitwillig drei Lieferanten in Brasilien: Caramuru, CJ Selecta und Imcopa. Die aber mochten uns nach zwei Monaten insistierender Nachfragen nicht mal zehn Sojafarmen nennen, bei denen sie ihren Rohstoff einkaufen. Die Unternehmen in Brasilien begründen ihre Verschwiegenheit: Solche Informationen seien geheim.

Aber obwohl sie keine Details über ihre Zulieferer nennen wollen, versichern die Skretting-Lieferanten trotzdem, dass sie "gute landwirtschaftliche Praktiken" pflegten und für eine "nachhaltige Umwelt" stünden. Sie setzten sich auch aktiv für die Bewahrung von Naturschutzgebieten und der Biodiversität im Allgemeinen ein. Als Beweis für diese Behauptungen dient hauptsächlich ein sogenanntes Umweltsiegel: Die Organisation ProTerra Foundation bescheinigt den Sojaeinkäufern die ökologische und soziale Unbedenklichkeit des beschafften Materials. Ohne ein Siegel der ProTerra Foundation könne man europäischen Abnehmern wie Skretting ohnehin nichts verkaufen, hört man im brasilianischen Agrobusiness.

Und auf dem Acker nebenan?

Die ProTerra Foundation wurde 2006 durch die Handelskette Coop und den World Wildlife Fund (WWF) der Schweiz gegründet. Eine Gruppe von Funktionären, hauptsächlich in europäischen Ländern und Brasilien, führt dort heute die Geschäfte. ProTerra gibt an, dass man das "Ziel" verfolge, dass für Produkte mit ihrem Siegel der gesamte Herstellungsprozess von Beginn an nachvollziehbar sei – von der Aussaat bis zum Silo also. In ihrer umfangreichen Liste von Regeln steht viel über Aufzeichnungspflichten, bis hin zur Niederschrift der diversen eingesetzten Pflanzenschutzmittel und den Autokennzeichen der Betriebsfahrzeuge. Doch bei den Recherchen vor Ort konnten wir nicht bestätigen, dass das auch so geschieht: Was auf dem Papier steht, stimmt nicht notwendigerweise mit dem überein, was auf den Feldern passiert.

Zum Beispiel bei Nivandro José Catapan (42), auf den wir bei unseren Recherchen im Bundesstaat Mato Grosso stießen. Nivandro ist ein Sojafarmer. 1994 war er mit seinem Vater nach Sorriso gezogen, um für sich einen brasilianischen Traum zu verwirklichen: Sie suchten das große Glück in der boomenden Landwirtschaft des Nordens. Sie investierten in ungefähr 100 Hektar Sojaäcker, die 90 Kilometer außerhalb von Sorriso liegen. 

Nivandro baut dort seit einiger Zeit Soja an, das ohne gentechnisch verändertes Saatgut (GMO) auskommt, es ist also gentechnikfrei. Seine Ernte liefert er bei einer der Handelsfirmen ab, die uns von der norwegischen Firma Skretting als Zulieferer genannt worden waren. Was nach Norwegen exportiert wird, muss konventionelles Soja, also GMO-frei sein, und es muss auch ein Umweltsiegel tragen. Nivandro sagt, diese Anforderungen erhöhten seinen Aufwand sehr. Er nehme aber alles auf sich, "weil der Verkaufspreis viel höher liegt".

Das Problem ist, dass Nivandro von den Ländereien weiterer Sojafarmer umgeben ist. Die bringen sehr wohl gentechnisch veränderte Saat auf ihren Feldern aus, und sie sprühen entsprechende Gifte, die konventionelle Pflanzen vernichten können. Nivandro stellt rings um seine Felder Schilder auf, auf denen steht: GMO-freies Material! Er fährt persönlich zu seinen Nachbarn und bittet um Rücksichtnahme. "Ich bat sie, aufzupassen, denn wenn ihr Pflanzengift auf meine Felder driftet, geht alles kaputt, dann verlieren wir alles noch vor der Ernte." Vier Monate lang hat er zuletzt an seinen Feldern Wache geschoben, von morgens bis abends.