"Lieber Kinder als Inder". Vor etwa 15 Jahren machte dieser schlimme Spruch die Runde. Er sollte ausdrücken, dass Deutschland nicht auf Zuwanderung angewiesen sein, sondern seine demographischen Probleme allein lösen will. Mittlerweile ist es Konsens, dass Deutschland die Zuwanderung braucht, um seinen wirtschaftlichen Wohlstand und seine Wettbewerbsfähigkeit zu bewahren.

Ironischerweise bilden gerade Inderinnen und Inder die größte Gruppe derer, die über den Mechanismus der "Blauen Karte" (Blue Card) der EU als Fachkräfte nach Deutschland gekommen sind. Es braucht aber in Deutschland ein grundlegendes Umdenken zur Zuwanderung: Wir müssen uns in eine offene Gesellschaft verwandeln, damit unser Land in Zukunft für Fachkräfte aus aller Welt attraktiv bleibt.

Fakt ist: Ohne die starke Zuwanderung wäre das Beschäftigungswunder der vergangenen zehn Jahre nicht möglich gewesen. Die Anzahl der Menschen in Deutschland im erwerbsfähigen Alter schrumpft. Fast die Hälfte aller zusätzlichen Arbeitsplätze, die in den vergangenen zehn Jahren geschaffen wurden, sind von Migrantinnen und Migranten besetzt worden. Die andere Hälfte haben hauptsächlich Frauen und ältere Menschen besetzt, deren Erwerbsquoten stark angestiegen sind. Die meisten Zuwanderer kamen aus anderen europäischen Ländern. Fast 300.000 Europäerinnen und Europäer ziehen jedes Jahr nach Deutschland, um hier zu leben, zu arbeiten und Teil unserer Gesellschaft zu werden – und dies ist eine Nettozahl, nach Abzug der Zahl derer, die aus Deutschland in andere europäische Länder auswandern. Die Zahl der europäischen Zuwanderer und Zuwanderinnen ist also um ein Vielfaches höher als die Zahl der Geflüchteten, die seit 2015 nach Deutschland gekommen sind.

Nur Einwanderung hilft gegen den Fachkräftemangel

Trotzdem wird das Problem des Fachkräftemangels in Deutschland immer größer. Es schadet zunehmend Unternehmen, welche offene Stellen nicht besetzen und damit Aufträge nicht annehmen können – zum Nachteil nicht nur der Firmen, sondern auch vieler dort beschäftigter (deutscher) Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Es gibt mittlerweile über eine Million offener Stellen in Deutschland. Das zeigt, wie groß die Herausforderung im Arbeitsmarkt bereits heute ist.

81.000 Zuwanderer aus nicht-EU-Ländern sind in den vergangenen 15 Jahren als Fachkräfte über die Blue Card nach Deutschland eingewandert. Diese Zahl ist vergleichsweise gering. Mehr als ein Viertel von ihnen kam aus Indien, viele kamen auch aus China, Russland, den USA und der Türkei – so die jüngsten Statistiken des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge. Und fast 85 Prozent dieser Menschen haben sich für einen dauerhaften Aufenthalt in Deutschland entschieden.

Deutschland wird in Zukunft viel stärker auf Menschen von außerhalb Europas angewiesen sein, um offene Stellen füllen zu können – spätestens dann, wenn die Wirtschaft in den anderen europäischen Ländern nach Jahren der Krise wieder anzieht. Im Augenblick profitiert Deutschland noch von der wirtschaftlichen Misere in vielen Teilen Europas, die viele Europäerinnen und Europäer hierher treibt. Das Bild könnte sich jedoch sehr schnell wieder ändern und die Zuwanderung zu einer Abwanderung in die EU werden. Das war etwa Anfang der Nullerjahre der Fall.