Es ist spät, vielleicht schon zu spät. Doch nun, zwei Jahre nach der Volksabstimmung, zeigt die britische Regierung der Bevölkerung, worum es beim Brexit wirklich geht. Dafür veröffentlicht sie ab Donnerstag 84 sogenannte technische Papiere. Jedes davon eine Warnung, welche Komplikationen das Szenario eines No Deal auslösen würde. Mit Fakten, Zahlen, Daten will die Regierung sachlich aufklären, auf was sich die Briten – und die EU – gefasst machen müssen, sollten die Verhandlungen scheitern.

Was passiert, wenn Großbritannien den Binnenmarkt und die Zollunion ohne Einigung mit der EU verlässt? Wenn es deshalb keinerlei Übergangsfrist zum Brexit gibt, wenn die von der EU mit Drittländern abgeschlossenen Handelsabkommen mit Großbritannien plötzlich nicht mehr gelten? Die Antworten sind ernüchternd.

Ein Beispiel: Jeden Monat exportiert die britische Pharmaindustrie 45 Millionen Schachteln mit Medikamenten in die EU, importiert von dort aber auch 37 Millionen Schachteln. Gravierende Verzögerungen an der Grenze, die bei einem No Deal unausweichlich wären, würden die reibungslose Versorgung der britischen Krankenhäuser und Apotheken gefährden. Also müssen die britische Pharmaindustrie und der Staat die Lagerbestände für wichtige Medikamente und Blutkonserven aufstocken. Die Regierungspapiere sind als Hilfestellung für die Wirtschaft gedacht, die sich auf den Ernstfall vorbereiten soll.

Lastwagenstaus in Dover

Bislang hatte sich die Regierung mit Äußerungen über negative Konsequenzen des Brexit und eines No Deal zurückgehalten, um vor der EU-Kommission nicht zu zeigen, wie sehr Großbritannien auf einen Verhandlungserfolg mit der EU angewiesen ist. Zugleich fürchtete May den Vorwurf der Hardliner, sie scheue den Brexit. Das ist seit ihrem Verhandlungsvorschlag von Chequers anders geworden. Sie hat dem Land gezeigt, dass sie es mit dem Austritt Großbritanniens aus der EU und der Zollunion ernst meint.

Bis Ende September werden die Briten nun fast täglich beunruhigende No-Deal-Szenarien hören. Eine entspannte Reise mit dem Hund nach Frankreich? Ohne Einigung geht das nur nach einer Quarantäne – auch beim Heimweg auf die Insel. Und auf der Rückfahrt durch den Kanaltunnel werden in Dover wohl kilometerlange Lastwagenkolonnen stehen, deren Fahrer der bürokratischen Grenzabfertigung harren – warten auf der Autobahn dank No Deal. Und was wird, wenn die derzeit 15.000 britischen Studenten ihr Auslandsjahr an Universitäten in der EU streichen müssen, weil Großbritannien nicht mehr am Erasmus-Programm teilnehmen darf? Oder das beliebte Extrembeispiel, wenn 2019 nicht einmal mehr Flugzeuge zwischen Großbritannien und der EU fliegen sollten, weil dies von der EU im Rahmen des gemeinsamen Luftverkehrsbinnenmarkts geregelt wird, an dem Großbritannien nicht mehr teilnimmt?

Die Dokumente sind ein Signal der britischen Regierung an Brüssel, dass sich das Vereinigte Königreich – ein halbes Jahr vor Austritt aus der EU – auf den Notfall des No Deal vorbereitet. Es ist freilich auch eine Drohung, damit sich die EU in den Verhandlungen auf London zubewegt, wovon nach dem Treffen der beiden Verhandlungsführer Michel Barnier und Dominic Raab noch nicht viel zu spüren war.

Die Flut der Papiere ist aber noch mehr als nur eine Warnung. Sie bildet die taktische Speerspitze von Premierministerin Theresa May gegen die Widersacher in ihrer eigenen Partei, die sich mit der EU nicht einigen wollen, die jeden Kompromiss ablehnen, vor allem den von May und ihrem Ministerialbeamten Olly Robbins ausgeklügelten Verhandlungsplan von Chequers.

Brexiteers treten bei den Tories ein

Der sieht vor, dass sich Großbritannien zumindest im Warenverkehr nach den Vorgaben der EU richtet, damit der reibungslose Handel zwischen Großbritannien und der EU auch weiterhin floriert. Zugleich sieht der Verhandlungsvorschlag von May in zahlreichen Bereichen eine enge Zusammenarbeit mit der EU vor, wofür Großbritannien auf Bedingungen der EU eingehen müsste. In einigen Bereichen hätte der Europäische Gerichtshof weiterhin das Sagen, müsste Großbritannien weiterhin an Brüssel zahlen, wird sich London voraussichtlich auch bei der Immigration am Ende flexibler zeigen müssen.

Für die Hardliner ist dies nicht Brexit genug. Der Anführer des erzkonservativen Brexit-Lagers innerhalb der Tory-Partei, Jacob Rees-Mogg, droht May mit Sabotage im Parlament, sollte sie ihren Plan nicht ändern. Er sieht Großbritannien schon als Vasallenstaat der EU. Den Hardlinern schwebt, wenn überhaupt, eine Art Handelsabkommen – wie die EU es mit Kanada vereinbart hat – vor. Viele bevorzugen eine Lösung ohne jegliche Konzessionen gegenüber der EU, also Handel ausschließlich nach den Regeln der Welthandelsorganisation.

Hinter Rees-Mogg stehen mehr als 60 Parlamentarier und Parlamentarierinnen, die seit mehr als zwei Jahren taktieren, um Großbritannien aus der EU zu manövrieren. Sie würden Theresa May im Notfall kippen und einen No Deal in Kauf nehmen. Ihnen muss Theresa May etwas entgegensetzen, und zwar spätestens bis zum Parteitag der Konservativen Ende September.

Boris Johnson wartet schon

Sie sind aber nicht ihre einzigen Gegner. Die Befürworterinnen und Befürworter eines harten Brexit formieren sich auch außerhalb der Partei: Der ehemalige Vorsitzende der Ukip-Partei, Nigel Farage, der viele Briten vor der Volksabstimmung mit populistischen Parolen für den Brexit begeisterte, hat sich der Bewegung Leave Means Leave angeschlossen, um die öffentliche Stimmung für einen harten Brexit anzuheizen. Sein Sparringpartner, der Geschäftsmann Arron Banks, der Ukip finanzierte, treibt Brexit-Anhängerinnen und -Anhänger dazu an, Mitglied der Konservativen Partei zu werden.

Der Hintergedanke: Sollte es in absehbarer Zeit zu einer Abstimmung über einen Nachfolger von Theresa May kommen und sollten den Parteimitgliedern mehr Mitspracherechte bei der Auswahl eines Kandidaten eingeräumt werden, könnten die Hardliner dann den Ausschlag für einen populistischen Kandidaten wie Boris Johnson geben. Dieser war aus Protest über den Kompromissvorschlag von May gegenüber der EU zurückgetreten und dürfte nur auf den richtigen Moment warten, um mit seinen Machtansprüchen wieder aufzutauchen.

Theresa May weiß, dass die Hardliner die Aufklärungskampagne ihrer Regierung als Angstmacherei verhöhnen werden. Einen Vorgeschmack darauf erlebte der britische Ärzte- und Apothekerverband (British Medical Assocation), der vor wenigen Tagen warnte, dass ein No Deal katastrophale Folgen für Patienten und Ärzte haben könnte. Mittlerweile habe die Regierung endlich damit begonnen, medizinische Vorräte aufzustocken, um für den Notfall gewappnet zu sein.

"Aber wie will Großbritannien eine kontinuierliche Lieferung von Radioisotopen für die Behandlung von Krebs garantieren?", fragt der Vorsitzende des Verbandes, Chaand Nagpaul. Radioisotope können nicht langfristig gelagert werden. Müssten britische Patienten im Zweifel 24 Monate auf lebenswichtige Medikamente warten, nur weil Großbritannien eine eigene Aufsichts- und Genehmigungsbehörde für Medizin einrichten müsse? "Einige Leute werden mal wieder sagen, dass das alles nur Angstmacherei sei – ist es aber nicht", warnt Nagpaul. Der Verband sei dafür, dass das Volk Mitspracherechte habe, damit es einen No Deal werde ablehnen können.

Wo Farage stumm bleibt

Die Reaktion der Hardliner? "Das ist die extremste Form der Angstmacherei, diese Leute sind abscheulich", so Nigel Farage.

Doch dann geschah etwas, was sich in den nächsten Wochen wiederholen dürfte: Mehrere Ärzte schlugen zurück, mit Fakten, Daten, Zahlen. Die Medizinerin Rachel Clarke twitterte: "Abscheulich ist es lediglich, dass dem Gesundheitssystem jetzt schon 40.000 Krankenschwestern und 10.000 Ärzte fehlen und täglich mehr EU-Mitarbeiter das Land verlassen, genau wegen Ihrer Hetze. Seit der Volksabstimmung haben wir 96 Prozent weniger Bewerbungen von Krankenschwestern aus der EU." Farage blieb stumm.

Die britische Premierministerin dürfte das einkalkuliert haben. Bis zum Parteitag wird immer deutlicher werden, dass den Befürwortern eines No Deal die Argumente fehlen, die Logik daher für einen Kompromiss mit der EU spricht. Diesen Stimmungswechsel braucht May, um gegen ihre Widersacher Rückendeckung von der Partei zu bekommen.

Möglicherweise bewegt sich kurz vor dem Parteitag auch die EU etwas. Bis Ende September werden sich Michel Barnier und Dominic Raab noch öfter treffen – um genau diesen No Deal, von dem in den nächsten Wochen so viel zu hören sein wird, zu verhindern.