Wenn Marten Müller durch seinen Kiez im Norden Berlins läuft, sieht er vor allem eines: Hunderte leere Dächer, auf die jeden Tag nutzlos die Sonne scheint. Auf seinem eigenen hat der 37-jährige Familienvater fünf Solarpaneele und zwei Solarthermiemodule angebracht, mit denen er Strom und Warmwasser erzeugt. In seiner Straße ist Müller damit eine Art Solarpionier: "Meine Nachbarn sind neugierig, wollen aber warten, wie ich mit der Anlage klarkomme."

Als er im vergangenen Jahr die Module auf sein Dach schraubte und im Flur unter der Treppe der Solarspeicher ans Netz ging, fing Müllers zweite Karriere als Stromproduzent an. Umweltaktivist ist der Jobberater nicht: In der Einfahrt parken ein Benziner und ein Diesel, im Garten liegt Plastikspielzeug und in der nagelneuen Einbauküche wird auch Fleisch gebraten. Für Müller zählen andere Argumente, wenn es um Solarenergie geht: Sie rechnet sich und macht unabhängig.

Müllers Anlage schafft 6,9 Kilowatt Leistung und kann das Ehepaar und seine zwei Kinder problemlos versorgen: Waschmaschine, Computer, Playstation für die Kinder und Elektroherd inklusive. "Im Sommer produzieren wir zu viel Strom und können verkaufen, im Winter müssen wir manchmal Fremdstrom nutzen, wenn die Sonne nicht scheint", sagt Müller und zeigt auf sein Smartphone: Darauf zeigen gelbe Balkendiagramme an, wann und wie viel Strom er gerade produziert.

305 Sonnenstunden allein im Juli

Die Anlage von Herrn Müller und die anderen mehr als 1,6 Millionen Photovoltaikanlagen in Deutschland haben im Juli einen Rekord aufgestellt: Sie produzierten 6,7 Milliarden Kilowattstunden Strom. Das war so viel wie noch nie in einem Monat, teilte das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg mit. Für kurze Zeit stach der Solarstrom sogar die Atomkraft aus. Den Rekord gab es dank des Wetters: Allein 305 Stunden schien die Sonne im Juli, damit war der Monat der zweitsonnigste Juli seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1951. An sonnigen Tagen und vor allem am Wochenende deckt Solarstrom manchmal 50 Prozent des deutschen Stromverbrauchs. 

Die Deutschen entdecken die Solarenergie neu. Seit einem Jahr wächst der Markt wieder, besonders stark im ersten Halbjahr 2018. Von Januar bis Juni wurden deutschlandweit mehr als 35.000 Anlagen installiert – die meisten davon fürs Eigenheim. Das sind laut Bundesverband Solarwirtschaft fast 50 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum.

Solaranlagen gibt es heute schon ab 5.000 Euro

Der Grund dafür ist simpel: Kostete eine einfache Fünf-Kilowatt-Anlage früher noch mehrere Zehntausend Euro, gibt es heute schon Angebote ab 5.000 Euro. Das macht die Solarenergie für Verbraucherinnen und Verbraucher offenbar wieder attraktiv, nachdem die Branche seit den Boomjahren 2011 und 2012 in der Krise steckt: Viele Hersteller von Solaranlagen meldeten damals Konkurs an oder verlagerten ihre Produktion ins Ausland, Zehntausende Arbeitsplätze gingen verloren. Gleichzeitig sank die von der Politik garantierte Einspeisevergütung ab 2013 und bremste damit die Kauflust. "Wir hatten im Jahr 2012 in Deutschland dreimal so viele Photovoltaikanlagen neu installiert, als wir für dieses Jahr erwarten", sagt Volker Quaschning von der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in Berlin. Von einem neuen Boom will er zwar nicht sprechen. Aber zumindest sind die Kunden nicht mehr so zurückhaltend. "Die stark gefallenen Solaranlagenpreise lassen einen Rückgang der Installationszahlen momentan nicht erwarten."

Der Solarboom vor einigen Jahren entstand vor allem durch den hohen Abnahmepreis für Solarstrom, den das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) garantierte. Rund 35 Cent erhielt jeder Solarwirt pro Kilowattstunde im Jahr 2010. Heute sind es nur noch etwas mehr als 12 Cent. Wer sich also noch in den 2000er-Jahren eine Anlage zugelegt hat, hat bis heute durch den Abnahmepreis noch immer einen guten Nebenverdienst. Zumal das EEG den Preis für 20 Jahre garantiert.