Einige europäische Länder haben wieder Grenzkontrollen eingeführt, Bayern hat seine Grenzpolizei reaktiviert. Das sorgt dafür, dass die Grenzüberquerung länger dauert, auch für Lkw und Güterzüge. Teilweise bilden sich lange Schlangen. Firmen klagen darüber, dass die Grenzkontrollen sie Zeit und damit Geld kosten. Die Bertelsmann Stiftung hat in einer Studie den Effekt von Grenzkontrollen auf die Wirtschaft untersucht. Wirtschaftswissenschaftler Thieß Petersen sieht eine spürbare Belastung auf die Wirtschaft zukommen.

ZEIT ONLINE: Unternehmen beschweren sich darüber, dass ihre Lkw durch die neuen Kontrollen länger brauchen, um die jeweiligen Grenzen zu überqueren. Ist das angesichts der glänzenden Wirtschaftslage nicht eine verkraftbare Belastung?

Thieß Petersen: Nein, da bahnt sich ein ernsthaftes Problem an. Die verlängerten Wartezeiten erhöhen die Kosten der Unternehmen, deshalb steigen die Preise. Höhere Preise führen wiederum dazu, dass sich die Menschen weniger kaufen können. Dadurch sinken Nachfrage, Export und Investitionen und langfristig das Bruttoinlandsprodukt.

Thieß Petersen ist Wirtschaftswissenschaftler bei der Bertelsmann Stiftung. Derzeit forscht der promovierte Volkswirt vor allem zu Globalisierung, Wachstum und öffentlichen Finanzen. © Bertelsmann-Stiftung

ZEIT ONLINE: Das betrifft doch nur einzelne Firmen, deswegen steht die Wirtschaft jetzt nicht vor dem Zusammenbruch.

Petersen: Wenn es dauerhafte Kontrollen an allen Grenzen gibt, schadet das der gesamten Wirtschaft in Europa oder sogar darüber hinaus.

ZEIT ONLINE: Wie groß wäre der wirtschaftliche Schaden, wenn Schengen fällt?

Petersen: Wir haben das vor zwei Jahren ausgerechnet, mit zwei verschiedenen Modellen: eines mit der vorsichtigen Annahme, dass die Grenzkontrollen die Importpreise um ein Prozent erhöhen, und eines mit der pessimistischen Annahme, dass die Importpreise dadurch um drei Prozent steigen. Das ist die Spannweite, die die Wissenschaft zum Zeitpunkt der Studie diskutiert hat. Im pessimistischen Modell würden sich für Deutschland innerhalb von zehn Jahren die Einbußen auf 77 Milliarden Euro summieren. Wenn wir von drei Prozent ausgehen, ergeben sich rund 235 Milliarden Euro. Für die gesamte EU ist im optimistischen Szenario mit Verlusten von 470 Milliarden Euro zu rechnen, im pessimistischen mit 1,4 Billionen Euro.

ZEIT ONLINE: Angesichts eines deutschen Bruttoinlandsprodukts von 3,3 Billionen Euro im Jahr 2017 wirkt das nicht sehr viel.

Petersen: Im pessimistischen Modell wäre die Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts jedes Jahr um 0,08 Prozentpunkte geringer als ohne Grenzkontrollen. Hätte Deutschland 2016 alle Grenzen geschlossen, wäre das BIP in dem Jahr um 6,6 Milliarden Euro kleiner gewesen. Im Jahr 2025 hätten wir ein BIP, das schon 26 Milliarden Euro geringer wäre. Das mag wenig klingen, aber nach zehn Jahren hätte es sich eben schon auf 235 Milliarden Euro summiert. Und man muss bedenken: Wenn weniger produziert wird und die Wirtschaft weniger wächst, geht das meistens auch damit einher, dass die Arbeitslosigkeit steigt.

ZEIT ONLINE: Vor Schengen ging es der Wirtschaft doch auch nicht gerade schlecht: Das deutsche Wirtschaftswunder etwa war auch ohne Schengen möglich.

Petersen: Der Effekt von Grenzkontrollen ist nicht so groß wie der einer Wirtschaftskrise. Aber problematisch wird es dadurch, dass sich einige Länger gerade auch über Grenzkontrollen hinaus abschotten: Der Protektionismus der USA wird der Wirtschaft schaden, aber auch der Brexit. Außerdem sollte man nicht vergessen, dass die Reisefreiheit eine große Symbolkraft hat. Wenn man die Leute fragt, was der größte Vorteil der EU ist, nennen sie meistens das freie Reisen.