Die Broschüre ist 58 Seiten dick und eng bedruckt mit bürokratischen Wortungetümen: Aufenthaltserlaubnis. Aufenthaltsgestattung. Ermessensduldung. Wer liest so etwas? Und wer soll das verstehen? Leute wie Susi Hartmann zum Beispiel. 

Hartmann ist Chefin eines Leipziger Pflegeheims mit 160 Plätzen. Sie kann inzwischen mindestens genauso gut wie der 58-seitige Leitfaden des Wirtschaftsverbands DIHK erklären, was Asylberechtigte von Konventionsflüchtlingen unterscheidet, subsidiär Schutzbedürftige von national Schutzbedürftigen. Vor allem aber weiß sie, was die Fachbegriffe für ihre Mitarbeiter bedeuten. Etwa ein Zehntel von Hartmanns Beschäftigten ist geflüchtet, aus Syrien, Marokko und Pakistan. 

Susi Hartmann, Leiterin eines Pflegeheims © privat

Hartmann ist froh um jeden Einzelnen von ihnen. Denn in Leipzig sind Stellen derzeit so schwer zu besetzen wie sonst nirgends in der Region. Das besagt die Statistik des Kompetenzzentrums Fachkräftemangel. Für sechs von zehn offenen Stellen finden sich nur schwer Mitarbeiter, vor allem in technischen Berufen, der Gesundheitsbranche und bei den Kraftfahrern. Besonders schlimm sieht es im Pflegebereich aus: Hier kommen auf 100 offene Stellen nur 13 Arbeitssuchende. Deshalb sucht Susi Hartmann händeringend – und dauerhaft – nach Leuten. Man kann sich bei ihr ständig auf offene Stellen bewerben – es tut nur fast niemand.

Viele Mangelberufe

Einheimische Bewerberinnen und Bewerber melden sich kaum bei ihr, und Pflegekräfte gezielt im Ausland zu rekrutieren, sei sehr schwer, sagt Hartmann. Deshalb sei sie froh über jede Geflüchtete und jeden Geflüchteten, die und der für sie arbeitet, ein Praktikum oder gar eine Ausbildung absolvieren will. "Nur mit deutschen Bewerbern allein könnten wir unseren Personalbedarf einfach nicht mehr decken", sagt die Chefin.

Selbst Gesundheitsminister Spahn hatte zuletzt öffentlich erklärt, dass die Bundesrepublik die dringend benötigten Pflegekräfte notfalls aus dem Ausland holen müsse. Arbeitsmarktforscher vom Institut der deutschen Wirtschaft  (IW) pflichteten ihm bei und sagten, das gelte für viele Mangelberufe: Gerade auch in den mathematisch-naturwissenschaftlich geprägten Mint-Berufen könnten Kräfte aus dem Ausland gut jene Lücke füllen, die Deutsche längst nicht mehr besetzen.

Berlin - Heute pflegt Herr Qoshja In Deutschland fehlen rund 80.000 Pflegekräfte. Die Lücke sollen Menschen wie Samed Qoshja aus Albanien schließen. Gelingt das? Eine Videoreportage © Foto: Bart Biesemans

Vor einigen Jahren hätten die Akademiker gefehlt, heute seien es zunehmend die Meister, Facharbeiter und Techniker, stellt IW-Ökonom Axel Plünnecke in seinen Auswertungen fest. Und viele Migranten brächten genau die passenden Qualifikationen mit, da könne eine Integration in den Arbeitsmarkt sehr gut gelingen. Auch seine Kollegin Sarah Pierenkemper findet: "Wirtschaftlich gesehen sind diese Leute sehr wichtig für uns."