Rund 150 Willkommenslotsen vermitteln in Deutschland zwischen Unternehmen und Geflüchteten. Im ersten Halbjahr 2018 wurden so bundesweit rund 4.800 Menschen in Ausbildungen, Einstiegsqualifikationen, Praktika und reguläre Beschäftigungsverhältnisse gebracht. Gerald Beinlich ist Lotse in Wiesbaden. Der 62-Jährige berät in den Räumen der IHK, schwärmt aber auch oft in Betriebe aus, in Sammelunterkünfte, Berufsschulklassen Geflüchteter oder zu Flüchtlingshilfevereinen, um Kontakte zu knüpfen. Er hat bereits 90 Flüchtlingen eine Stelle verschafft.

ZEIT ONLINE: Herr Beinlich, mehr als 300.000 Flüchtlinge haben schon eine Beschäftigung in Deutschland gefunden. Das ist rund jeder Vierte von denen, die seit 2015 gekommen sind. Das klingt nicht so schlecht, oder könnten es nicht auch schon längst mehr sein?

Gerald Beinlich: Idealerweise schon, aber man muss immer sehen: Was bringen die Geflüchteten bereits an Erfahrungen und Qualifikationen mit – und welche Art von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern suchen die Unternehmen derzeit? Das ist nicht immer ganz passgenau. Ein sehr wichtiger Faktor ist dabei natürlich die Sprache. Wenn die Sprachkenntnisse nicht ausreichen, ist es sehr schwierig, jemanden in eine Beschäftigung zu bringen, das wiederhole ich täglich gebetsmühlenartig.

ZEIT ONLINE: Und? Wirkt es? Haben sich die Sprachkenntnisse der Eingewanderten verbessert?

Beinlich: Definitiv, ja! Ich betreue schon seit 2016 Flüchtlinge, damals noch für das Deutsche Rote Kreuz in Sammelunterkünften. Im Durchschnitt sprechen die Leute jetzt viel besser Deutsch als die, die ich vor zwei Jahren beraten habe. Sie haben Sprachklassen absolviert und können sich meist schon auf dem B-Level ausdrücken, Konversationen, Texte und Arbeitsaufträge verstehen. Da haben die Kurse schon sehr geholfen. Weil viele Geflüchtete inzwischen besser Deutsch sprechen, trauen sie sich auch häufiger auf Berufsmessen. Anfang der Woche hatten wir ein Speeddating zwischen Firmen und Flüchtlingen organisiert: 100 Termine in drei Stunden, jeweils zehn Minuten lang. Die Firmen waren begeistert. Alle Betriebe haben zwei bis drei Lebensläufe mitgenommen, die sie sich jetzt genauer anschauen wollen.

Gerald Beinlich ist der hauptberufliche Lotse von Wiesbaden. Er war vorher für das Deutsche Rote Kreuz Schichtleiter in einer Flüchtlingsunterkunft und zuvor Führungskraft in internationalen Unternehmen und selbstständiger Unternehmensberater. © IHK Wiesbaden/Paul Müller

ZEIT ONLINE: Wie leicht ist es also, Flüchtlinge in den Beruf zu bringen?

Beinlich: Meine Erfahrung zeigt zumindest, dass es gar nicht so schwierig ist, wenn Flüchtlinge und Unternehmen ins Gespräch kommen. Und dabei helfen wir: Ich spreche zuerst mit beiden Seiten und begleite die Geflüchteten auch zu Vorstellungsterminen. So kann ich auch schnell vermitteln, zum Beispiel wenn ich merke, dass jemand es aufgrund seiner Herkunft nicht gewohnt ist, dass ihm plötzlich eine Frau als Chef gegenübersitzt. Insgesamt helfen wir, dass sich beide Seiten auf Augenhöhe begegnen. Aber es passt natürlich nicht immer. Wenn jemand zu uns kommt, der in seinem Heimatland Handys verkauft und repariert hat und sich auf eine Stelle als Fachinformatiker bewerben will, dann müssen wir seine Erwartungen erst einmal runterschrauben.

ZEIT ONLINE: Wie steht es denn um die Qualifikation? Einige Arbeitsmarktexperten hatten ja gewarnt, viele Flüchtlinge hätten keine Berufs- oder Schulabschlüsse und seien höchstens für Hilfsarbeitertätigkeiten geeignet.

Beinlich: Viele haben 2015 auch gesagt: Da kommen lauter Fachkräfte, die können wir sofort einstellen. Beides stimmt so nicht. Einen Schul- oder Berufsabschluss haben viele, aber sie können ihn in der Regel nicht nachweisen, weil sie ihre Papiere in der Heimat zurückgelassen haben. Die wenigsten hatten bei der Flucht eine Ahnung, wie wichtig solche Dokumente hierzulande sind. Viele kommen ja sogar ohne Ausweis. Viele Geflüchtete, die ich erlebe, sind auch wirklich Fachleute – aber sie erfüllen nicht immer unsere Qualifikationskriterien. Ingenieure aus dem Iran etwa muss man eben noch nachqualifizieren, damit sie vergleichbare Posten übernehmen können.

ZEIT ONLINE: Wie reagieren Bewerber darauf, wenn man "ihre Erwartungen runterschraubt" oder Akademikerinnen sagt, dass sie noch einmal eine Ausbildung machen müssen?

Beinlich: Die verstehen das. Wer zu uns kommt, ist meist hochmotiviert. Der strebt in erster Linie nach Sicherheit und nach Integration. Er will einen Beruf, um sich eine Wohnung leisten zu können und seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Ob die Jobsuchenden unter- oder überqualifiziert sind, hängt auch stark vom Berufszweig ab: Viele meiner Beratungssuchenden wollen Fachinformatiker, Mechatroniker oder KFZ-Fachleute werden, aber für solche Branchen sind sie tatsächlich unterqualifiziert. Da erwarten die Betriebe mehr. Umgekehrt kommen Rechtsanwälte, die aber hierzulande kaum als Rechtsanwalt Fuß fassen können. In Bereichen, in denen es um Vertragsrecht geht, bringt man sie aber sehr gut unter, als Rechtspfleger etwa, als Immobilienkaufleute oder im Bank- oder Personalwesen. Das verstehen die auch.