Seit der Konferenz von Rio im Jahr 1992 gibt es den Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU). Sein Auftrag: globale Umwelt- und Entwicklungsfragen zu analysieren, in Gutachten darüber zu berichten, auf Probleme hinzuweisen und Handlungs- sowie Forschungsempfehlungen zu erarbeiten. Jetzt legt der WBGU ein neues Papier vor: "Zeit-gerechte Klimapolitik – Vier Initiativen für Fairness". Über deren Sinn und Zweck spricht Dirk Messner, Direktor des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik (DIE) in Bonn und Co-Vorsitzender des WBGU.

ZEIT ONLINE: Herr Messner, vor der nächsten UN-Klimakonferenz in Polen schlägt der Wissenschaftliche Beirat Globale Umweltveränderungen (WBGU) der Bundesregierung vier große politische Initiativen vor. Warum schon wieder neue Anläufe, obwohl so viele Projekte der Emissionsminderung noch gar nicht umgesetzt sind?

Dirk Messner: Unsere Ideen antworten gezielt auf das Problem, das jetzt im Zentrum der Klimaschutzverhandlungen steht und sie ernsthaft zu blockieren droht: die fehlende Gerechtigkeit in der Klimapolitik. Besonders die Entwicklungs- und Schwellenländer in Afrika, Asien oder Lateinamerika fragen immer deutlicher: Wer trägt die Kosten, wenn wir unsere Art, zu wirtschaften, klimaverträglich umbauen und uns für die Folgen des Klimawandels wappnen müssen? Sie sagen: Wir machen nicht mit, solange diese Kosten nicht fair nach dem Verursacherprinzip verteilt werden. Auch in unserer eigenen Gesellschaft wird Klimaschutz zwar von vielen unterstützt, aber er soll sozialverträglich gestalten werden.

ZEIT ONLINE: Diese Debatte ist nicht neu…

Wir haben die sozialen Dimensionen nur am Rande betrachtet.

Messner: Aber sie wurde politisch unterschätzt. Wir vom WBGU üben da auch Selbstkritik. Als wir im Jahr 2011 in einem viel beachteten Gutachten die "Große Transformation" zu einer klimaverträglichen Gesellschaft beschrieben, haben wir die ökonomisch-technologischen Herausforderungen des Übergangs betont, aber die sozialen Dimensionen nur am Rande betrachtet. Jetzt mahnen wir ihre Gestaltung an. Anspruch auf Klimagerechtigkeit haben Betroffene im eigenen Land ebenso wie Millionen von Menschen, die anderswo auf diesem Globus leben – oder in der Zukunft.

ZEIT ONLINE: Ihren Maßnahmenkatalog titulieren Sie als "zeit-gerecht". Warum der Bindestrich?

Messner: Er soll die doppelte Herausforderung der Klimapolitik verdeutlichen: Wir müssen Gerechtigkeit gewährleisten – und zugleich rechtzeitig handeln. Beim notwendigen Ausstieg aus den fossilen Energieträgern behaupten ja in den Industrieländern viele, wir ließen die Betroffenen im Regen stehen. Dann heißt es, der Strukturwandel müsse langsamer vonstattengehen, um sozial verträglich zu sein.

ZEIT ONLINE: Das erleben wir gerade mit der Kohlekommission?

Es ist unredlich, den Klimaschutz zu verzögern und das mit Gerechtigkeitsargumenten zu verschleiern.

Messner: In der Tat: Es ist unredlich, den Klimaschutz zu verzögern und das mit Gerechtigkeitsargumenten zu verschleiern. Wir wissen doch: Wenn die Treibhausgasemissionen nicht bis Mitte des Jahrhunderts gegen Null gehen, dann laufen wir Gefahr, einen Umbruch des gesamten Erdsystems zu erzeugen – und das ist auch aus Gründen der Gerechtigkeit unverantwortlich. Diesen Widerspruch wollen wir "zeit-gerecht" auflösen.