ZEIT ONLINE: Als erstes schlagen Sie dafür eine "Zero-Carbon-Mission" vor. Das klingt pathetisch…

Messner: … weil wir deutlich machen wollen, vor welch großer gemeinschaftlicher Herausforderung viele Regionen stehen, die einen solchen sozial verträglichen Strukturwandel leisten müssen. Es geht um Prozesse, wie wir sie vom Verschwinden der Textilindustrie, der Stahlindustrie oder des Bergbaus kennen. Sie waren seinerzeit marktgetrieben, der Strukturwandel in Richtung Dekarbonisierung heute muss politisch entwickelt werden. Aber dabei kann man auf die historischen Erfahrungen zurückgreifen.

ZEIT ONLINE: Was könnte man da lernen?

Messner: Wir kennen die Instrumentenkästen regionalen Strukturwandels; die skizzieren wir in unseren Empfehlungen. In Nordrhein-Westfalen etwa hat sich gezeigt, dass nicht nur die Neuansiedlung von Unternehmen, Universitäten und Investitionen in Infrastrukturen wichtig ist, sondern auch die Identität einer Region. In den alten Industrieanlagen wurden Kultur-, Bildungs- und Begegnungsstätten geschaffen. Man hat die Zechen und Gasbehälter nicht einfach verrotten lassen wie in vielen Landstrichen Englands oder der USA, in denen jetzt die Anhänger Trumps oder des Brexits stark sind. Für die Zero-Carbon-Mission schlagen wir deshalb zum Beispiel vor, dass sich die Dekarbonisierungsregionen der Welt miteinander vernetzen und austauschen. Sie können Zukunftsmodelle werden, an denen andere sich orientieren.

ZEIT ONLINE: Was gehört sonst noch zu Ihrer Mission?

Messner: Die Europäische Union sollte die Kriterien verändern, nach denen sie strukturpolitische Investitionen fördert. Im Augenblick steht bei diesen Riesensummen vor allem die Wettbewerbsfähigkeit im Vordergrund. Die EU muss ihre Strukturförderung grundsätzlich an Dekarbonisierung ausrichten.

In den Kohleregionen sofort und verlässlich zukunftsfähige Wirtschaftsstrukturen aufzubauen liegt auch im Interesse der Beschäftigten und vor allem ihrer Kinder

ZEIT ONLINE: Das sind große Ansätze, aber ganz konkret: Was nützt Ihre Zero-Carbon-Gerechtigkeitsmission den potenziell Arbeitslosen in der Lausitz?

Messner: Der Ausstieg aus der Kohleverstromung wird kommen. Schon weil erneuerbare Energien immer günstiger werden. Mit den Menschen und Organisationen in den Kohleregionen sofort und verlässlich zukunftsfähige Wirtschaftsstrukturen aufzubauen, das liegt auch im Interesse der Beschäftigten und vor allem ihrer Kinder.

ZEIT ONLINE: Als zweite Maßnahme für mehr Gerechtigkeit fordern Sie einen Rechtsschutz für Menschen in aller Welt, die durch den Klimawandel geschädigt werden. Sie sollen seine Verursacher verklagen können, beispielsweise große Energieunternehmen. Dabei soll die Bundesregierung sie unterstützen – aber wie?

Messner: Beispielsweise, in dem sie die Prozesskostenrisiken übernimmt. Die Opfer des Klimawandels leben ja oft in den Armutsregionen Afrikas, Asiens, Lateinamerikas. Diese Menschen wollen wir stärken, sie sollen selbst handeln und ihre Rechte einklagen können. Denn auch in diesem Bereich sind die Verhältnisse ungerecht: Unternehmen haben einen Anspruch auf Entschädigung, wenn ihre Fabriken oder Kraftwerke als Folge des Ausstiegs aus der Kohle oder der Kernenergie geschlossen werden. Aber ein Bauer, dessen Land verdorrt oder überschwemmt wird, soll nicht kompensiert werden?

ZEIT ONLINE: Sollte die Bundesregierung also dem peruanischen Bauern Saúl Luciano Lliuya helfen, der den deutschen Energiekonzern RWE verklagt hat? Er fordert eine Entschädigung, weil Haus und Land von einem schmelzenden Gletscher bedroht sind.

Messner: Ja, das ist gemeint.

Menschenrechte sind universell, universell ist auch der Klimaschutz.

ZEIT ONLINE: Wäre es nicht problematisch, wenn eine Regierung mit Hilfe von Bürgerinnen und Bürgern einer anderen Nationalität gegen ein Unternehmen im eigenen Land vorgeht?

Messner: Nein. Die Bundesregierung unterstützt schon jetzt in der Entwicklungspolitik Gruppen oder Personen, die gegen ihre oder andere Regierungen oder Unternehmen vorgehen, wenn sie Frauen- oder Menschenrechte verletzen. Menschenrechte sind universell, universell ist auch der Klimaschutz. In der internationalen Gemeinschaft ist es üblich, dass man die Einhaltung universeller Normen gemeinsam überprüft.

ZEIT ONLINE: Aber wenn RWE nicht schon früher auf erneuerbare Energien umgestiegen ist, liegt darin ja auch ein politisches Versäumnis der Bundesregierungen. Würde sich die heutige nicht aus ihrer Verantwortung stehlen, wenn sie eine Klage gegen ein Unternehmen unterstützen würde?

Emissionen zerstören Lebensgrundlagen. Wir wissen darum, Unternehmen wissen darum.

Messner: Diese Ambivalenz gibt es. Aber Politik funktioniert eben nicht immer linear. Wir setzen auf das Instrument der Klimaklage, weil es eine politische Kaskade auslösen könnte. Unternehmen werden sich ändern, wenn sie den Eindruck bekommen: Es kann finanziell eng werden für uns, weil die Gerichte beginnen, das Verursacherprinzip ernst zu nehmen. In der Chemieindustrie sind in der Vergangenheit viele Umweltschutzerfolge durch Klagen von Bürgern vorangebracht worden.

ZEIT ONLINE: RWE argumentiert, die Emissionen in Peru könnten auch durch andere verursacht sein. Es dürfte schwer sein, festzustellen, welche aus Kraftwerksschloten und welche von Autofahrern stammen.

Messner: Das ist eine rechtswissenschaftliche Frage, auch die müssen die Gerichte klären. Wir erhoffen uns davon auch eine größere gesellschaftliche Debatte über die globale Verantwortung. Emissionen zerstören Lebensgrundlagen. Wir wissen darum, Unternehmen wissen darum. Wir halten in unserem Rechtssystem das Verursacherprinzip hoch. Klimaklagen sind Initiativen, um den Opfern des Klimawandels mehr Fairness entgegenzubringen.