ZEIT ONLINE: Ihr dritter Vorschlag: ein "Klimapass", den die Verursacher des Klimawandels ausstellen sollen. Was ist damit gemeint?

Messner: Wenn die Erderwärmung zwei Grad überschreitet, dann werden zum Beispiel die Bewohner der kleinen Inselstaaten ihre Heimat verlieren. Ein Klimapass würde ihnen die Möglichkeit eröffnen, sich einen neuen Ort zum Leben zu suchen. Durch ihn bekämen Klimaflüchtlinge Staatsbürgerrechte anderswo. Wir haben uns bei dieser Idee an einem historischen Vorbild orientiert: dem Nansen-Pass. Er wurde nach dem ersten Weltkrieg für staatenlose Emigranten und Flüchtlinge ausgestellt.

ZEIT ONLINE: Bei den Inselbewohnern wird es aber nicht bleiben. Die Weltbank sagt, mehr als 140 Millionen Menschen könnten in den kommenden Jahrzehnten wegen des Klimawandels zu Flüchtlingen werden. Inder aus dem Himalaya, Hirten aus dem Sahel, bald auch Brandenburger Bauern: Wie soll man da Ansprüche abgrenzen? Wer soll einen Klimapass kriegen und wer nicht?

Messner: Wir sollten mit den Inselbewohnern, deren Territorien verschwinden, beginnen; dort ist die Situation eindeutig. Dann haben Sie Recht: klimabedingte Migration hat oft viele Motive. Die Menschen fliehen vor allem dort, wo es zugleich schwache Regierungen und Gewaltkonflikte gibt. Abgrenzungsprobleme gibt es aber in vielen Feldern der Politik. Wir müssen jetzt ernsthaft rechtliche Lösungen dafür suchen, gerade weil wir mit dieser großen Zahl von Flüchtlingen rechnen müssen.

ZEIT ONLINE: Die meisten bleiben im eigenen Staat oder bei den Nachbarn, oft in armen Ländern. Wäre nicht wichtiger, deren oft überforderte Regierungen zu unterstützen?

Messner: Das kann man nicht gegeneinander ausspielen. Menschen nutzen beide Optionen. Deshalb sollten wir das eine tun, während wir das andere nicht lassen.

ZEIT ONLINE: Als viertes und letztes Projekt schlagen Sie staatliche "Transformationsfonds" vor. Was sollen sie ausrichten?

Messner: Der Wandel zu einer dekarbonisierten Gesellschaft kostet Geld, das wird auch in der Kohlekommission gerade diskutiert. Deutschland und Europa sollten eigene Fonds dafür aufbauen und sie aus zwei Quellen speisen: einer Bepreisung von CO2 und einer Erbschaftssteuer. Selbst wenn beide nur moderat erhoben werden, ließen sich in Deutschland jedes Jahr rund 40 Milliarden Euro für die Klimatransformation aufbringen.

ZEIT ONLINE: Ihre Vorschläge klingen radikal. Woher rührt Ihr Optimismus, dass sie aufgegriffen werden, wenn selbst klimapolitische Aufgaben wie die globale CO2-Bepreisung seit Jahrzehnten misslingen?

Messner: Die Ideen mögen radikal klingen, aber in ihrer Symbolik sind sie doch unglaublich plausibel: Wir können Menschen, die aufgrund des Klimawandels ihre Lebensräume verlieren, nicht einfach umherirren lassen. Bürger müssen sich an die Justiz wenden können, wenn sie unverschuldet ihre Existenzgrundlage verlieren. Und wie gesagt: Die Gerechtigkeitsfragen werden auf dem Klimagipfel in Polen gestellt werden. Sie stehen auf der Tagesordnung. Wir können sie nicht länger verdrängen.