Wie gerecht ist die Rente? Gerechtigkeit ist subjektiv, und jeder beantwortet diese Frage unterschiedlich. Der gegenwärtige Streit um die Zukunft der Rente ignoriert aber, dass Deutschlands gesetzliche Rentenversicherung (GRV) eine massive Umverteilung von unten nach oben betreibt, von einkommensschwachen zu einkommensstarken Menschen. Der Grund: Die Lebenserwartung der Menschen in Deutschland korreliert sehr stark mit ihrem Einkommen. Ärmere Menschen sterben häufig jünger, sie beziehen also ihre Rente nur über einen deutlich kürzeren Zeitraum. Beiträge und Steuerzuschüsse kommen deshalb vor allem Besserverdienenden zugute. Es ist höchste Zeit, grundlegende Veränderungen im System vorzunehmen.

Seit Jahrzehnten soll das sogenannte Äquivalenzprinzip der GRV sicherstellen, dass jede und jeder – unabhängig von Einkommen, Bildung oder Vermögen – für jeden eingezahlten Euro den gleichen Anspruch an monatlicher Rente erhält. Das klingt erst einmal fair. Aber das ist es nicht, eben weil bestimmte Gruppen unserer Gesellschaft eine deutlich geringere Lebenserwartung haben als andere.

Menschen aus unterschiedlichen Einkommensgruppen leben nicht nur unterschiedlich lange, diese Unterschiede nehmen zum Teil auch zu. Eine Studie des DIW Berlin zeigt, dass westdeutsche Männer aus den Jahrgängen 1926 bis 1928 im Alter von 65 Jahren durchschnittlich noch weitere 14 Jahre zu leben hatten, wenn sie zu den zehn Prozent der einkommensschwächsten Menschen in Deutschland gehörten. Diejenigen aus diesen Jahrgängen, die zu den zehn Prozent der einkommensstärksten Personen gehörten, konnten sich zum gleichen Zeitpunkt noch auf weitere 18 Jahre freuen. Der Unterschied wurde mit der Zeit sogar deutlich größer. Für Menschen, die zwischen 1947 und 1949 geboren wurden, betrug er sieben Jahre: Die Einkommensschwächsten hatten mit 65 Jahren im Durchschnitt noch 15 Jahre vor sich, die Einkommensstärksten glatte 22 Jahre. 

Einkommensstärkere Rentnerinnen und Rentner erhalten also ihre gesetzliche Rente häufig für einen deutlich längeren Zeitraum als solche mit geringem Lebenseinkommen.

Eine andere Perspektive ist der Vergleich von dem, was diese Rentner während ihres Arbeitslebens in die GRV eingezahlt haben, mit dem, was sie im Alter insgesamt aus der GRV erhalten. Wenn man berücksichtigt, dass einkommensschwächere Menschen häufiger vor dem 65. Lebensjahr sterben und somit überhaupt keine Rente erhalten, dann wird der Unterschied zwischen den Einkommensgruppen noch gravierender. So erhalten Rentner der Jahrgänge 1941 bis 1949, die zu den 40 Prozent der Einkommensschwächsten gehörten, über die gesamte Bezugsdauer hinweg gerechnet weniger Rente, als sie während ihres Arbeitslebens an Beiträgen eingezahlt haben (wenn man die Inflation rausrechnet). Die Wirtschaftswissenschaft spricht hier von einer negativen Rendite. Die einkommensstärksten Rentner dieser Geburtenjahrgänge erzielten dagegen eine Rendite von über ein Prozent. Das heißt, ihre eingezahlten Beiträge gewinnen durchschnittlich um mehr als ein Prozent im Jahr an Wert, bis sie ihnen in Form der Rente ausgezahlt werden.

Ist das gerecht? Für einige ist das Rentensystem eine Versicherung, die in gewisser Weise blind sein muss, also alle gleich behandeln sollte. Das Äquivalenzprinzip der GRV besagt, dass die Höhe der Rente (unter anderem) von der Höhe der eingezahlten Beiträge abhängt. Dabei diskriminiert das deutsche Rentensystem sehr wohl, zum Beispiel nach Alter: Junge Menschen müssen einen immer höheren Beitragssatz zahlen und erhalten immer weniger Rente im Vergleich zu ihrem Lebenseinkommen. Die Politik rechtfertigt diese Umverteilung von jüngeren zu älteren Menschen, sicherlich nicht zu Unrecht, als Generationengerechtigkeit. Auch viele private Versicherungen unterscheiden Beiträge und Leistungen nach dem Risikoprofil ihrer Mitglieder, so auch bei der Gesundheits- oder Autoversicherung.

Die Verteidiger des Äquivalenzprinzips sagen, ein geringeres Einkommen würde nicht kausal eine geringere Lebenserwartung bedeuten. Das Argument ist aber nur zum Teil richtig. Natürlich bestimmt das Einkommen nicht direkt die Lebenserwartung, doch es spielt eine bedeutende Rolle. Viele einkommensschwache Menschen haben Jobs, die sie körperlich beanspruchen, und das wiederum schmälert ihre Lebenserwartung. Und sie haben eben häufig nicht die finanziellen Möglichkeiten, sich so intensiv um ihre Gesundheit zu kümmern wie andere, was ihre Lebenserwartung zusätzlich beeinträchtigt.  

Die Politik hat die Aufgabe, allen Menschen im Alter einen angemessenen Lebensstandard zu ermöglichen. Fast die Hälfte der künftigen Rentnerinnen und Rentner – und zwar meist die mit geringem Lebenseinkommen – werden ihren Lebensstandard aber nach Renteneintritt zum Teil deutlich zurückschrauben müssen, weil sie eben nicht genug Einkommen erzielen konnten, um privat Vorsorge zu betreiben. Es gibt also sehr wohl starke Argumente, bestimmte Gruppen beim Rentenniveau besserzustellen.

Dass ein anderes Rentensystem möglich ist, zeigt die Mehrheit der anderen Industrieländer. Ein Vergleich der OECD – der allerdings die Grundsicherung im Alter nicht explizit berücksichtigt – macht das deutlich: Deutschland ist eines der ganz wenigen Länder, in denen einkommensschwache Menschen eben nicht einen Anspruch auf eine höhere monatliche Rentenzahlung auf jeden eingezahlten Euro haben als einkommensstarke Menschen. Ein noch größeres Armutszeugnis ist, dass in nur wenigen anderen Industrieländern das Rentenniveau der einkommensschwächsten Bürgerinnen und Bürger niedriger ist als in Deutschland.

Die Behauptung, Deutschland habe eine großzügige, auskömmliche Rente ist also ein Mythos. Durch die große Ungleichheit der Lebenserwartung ist die gesetzliche Rente in Deutschland letztlich eine Umverteilung von unten nach oben, von arm zu reich. Die Bundesregierung hat Recht, wenn sie der Reform des Rentensystems hohe Priorität gibt. Zu dieser Reform gehört die Abschaffung des sogenannten Äquivalenzprinzips, welches einkommensschwächere Menschen im Alter systematisch schlechterstellt und dadurch die soziale und wirtschaftliche Polarisierung in Deutschland weiter verschärft.