Steigende Mieten, vielleicht nur eine geringe Rente: Trotz guter Wirtschaftsdaten macht sich in Teilen der Bevölkerung ein diffuses Ungerechtigkeitsgefühl breit. Im Interview erklärt Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU), wie die Regierung darauf reagiert.

ZEIT ONLINE: Herr Altmaier, wann haben Sie zuletzt mit Bürgerinnen und Bürger über die politische und soziale Lage in Deutschland gesprochen? 

Peter Altmaier: Ich mache das ständig, seit knapp drei Jahrzehnten. Das ist ein wichtiger Teil meines Jobs. 

ZEIT ONLINE: Wie nehmen Sie die Bürger in diesen Gesprächen wahr? Viele Menschen haben den Eindruck, in Deutschland gehe es immer ungerechter zu. 

Altmaier: Ich sehe dieses Ungerechtigkeitsgefühl in der Schärfe, wie Sie es formulieren, nicht. Natürlich gibt es genügend Gründe dafür, dass Menschen unzufrieden sind. Aber insgesamt geht es diesem Land sehr gut, die Arbeitslosigkeit sinkt, die Beschäftigung steigt, ebenso wie Löhne und Renten. Was man jedoch rückblickend konstatieren muss: Deutschland ist die großen strukturellen Probleme nach der Deutschen Einheit zu spät angegangen. 

ZEIT ONLINE: Was genau meinen Sie? 

Altmaier: Nehmen Sie unsere Sozialsysteme. Die Reformen am Arbeitsmarkt waren notwendig, haben aber die Einkommensunterschiede zunächst auch vergrößert. Oder nehmen Sie das Thema Rente: Lange Zeit wurde eine Rentenreform verschlafen. Als dann im Jahr 2004 der Nachhaltigkeitsfaktor eingeführt wurde, gab es zunächst keine oder nur sehr geringe Rentensteigerungen. Beide Reformen waren aber dringend geboten. Das positive Ergebnis sehen wir jetzt: Dank der guten wirtschaftlichen Lage steigen Renten und Löhne stärker als die Inflation. Das wirkt sich ganz sicher auch positiv auf die Zufriedenheit der Menschen aus. Manche Maßnahmen brauchen Zeit, um zu wirken und bei den Menschen im Alltag anzukommen. 

ZEIT ONLINE: Ist es wirklich so einfach? Was sagen Sie der vierköpfigen Familie, die vergeblich eine bezahlbare Wohnung sucht?

Altmaier: Ich sage ihr: Die Wohnungsnot in Teilen Deutschlands zu lindern, ist eine der größten Aufgaben für diese Bundesregierung. Diese Situation hat sich durch den demografischen Wandel, durch veränderte Lebensgewohnheiten, aber auch durch die erfolgreiche Wirtschaftspolitik verschärft. Deshalb wollen wir die Zahl der neu gebauten Wohnungen in Deutschland um 50 Prozent erhöhen, etwa in dem wir den sozialen Wohnungsbau ankurbeln und Sonderabschreibungen ermöglichen. Und wir werden das Wohngeld überprüfen.  

ZEIT ONLINE: Das wird lange dauern, bis es Wirkung zeigt. 

Altmaier: Nein. Das Ziel ist, in den kommenden zwei, drei Jahren die Situation deutlich und spürbar zu verbessern. Außerdem werden wir das Kindergeld um monatlich 25 Euro erhöhen. Das sind für eine vierköpfige Familie immerhin 50 Euro mehr im Monat, …

ZEIT ONLINE: … die aber die Wohnungsnot nicht lösen. 

Altmaier: Stimmt, aber es verbessert die materielle Situation der Familien. Und wir führen, neben vielen anderen Maßnahmen für Familien und Geringverdiener, beispielsweise auch das Baukindergeld ein, das es Familien erleichtert, einfacher Wohneigentum zu erwerben.  

ZEIT ONLINE: Aber das Baukindergeld hilft doch nur denen, für die ein Immobilienkauf überhaupt infrage kommt. Es wird am grundsätzlich knappen Wohnraum nichts ändern.  

Altmaier: Wer baut, braucht keine Mietwohnung mehr. Das Baukindergeld hat auch den Sinn, dass Familien überhaupt einmal beginnen, Wohneigentum zu bilden. Deutschland hat im Vergleich zu den meisten europäischen Ländern eine ziemlich niedrige Wohneigentumsquote.

ZEIT ONLINE: Gleiche Frage, anderes Thema: Es gibt eine wachsende Zahl von Menschen in Deutschland, die 45 Jahre gearbeitet haben und am Ende auf Grundsicherung im Alter angewiesen sind. Was sagen Sie denen? 

Altmaier: Wer nach einem langen Arbeitsleben nur einen geringen Rentenanspruch hat, dem müssen wir helfen. Deshalb wollen wir die Grundsicherung reformieren und daraus eine Grundrente machen: Wer 35 Jahre Rentenbeiträge gezahlt hat, soll künftig eine Rente bekommen, die zehn Prozent über der Grundsicherung liegt.