Seit Jahresbeginn hat die türkische Währung mehr als ein Drittel an Wert verloren. Am Morgen mussten Käufer für einen Euro bis zu 6,63 Lira zahlen, so viel wie noch nie. Die Gründe für den Kursverfall der Lira sind vielfältig und reichen von einem starken Anstieg der Inflationsrate bis hin zum derzeitigen politischen Streit der türkischen Führung mit den USA

Die wachsende Einflussnahme von Präsident Recep Tayyip Erdoğan auf die Zentralbank beunruhigt internationale Investoren schon seit Monaten. Hinzu kommt der Streit zwischen den Regierungen in Washington und Ankara über den in der Türkei festgehaltenen US-Pastor Andrew Brunson.

Der türkische Präsident bemühte sich, die Furcht vor einem weiteren Verfall der Landeswährung zu zerstreuen. "Macht euch keine Sorgen", rief er Donnerstagabend seinen Anhängern zu. Derzeit liefen gegen die Türkei mehrere Kampagnen, sagte er zum Streit mit den USA. "Vergesst nicht, wenn sie ihre Dollars haben, dann haben wir unser Volk, unseren Gott", sagte Erdoğan. "Wir arbeiten hart. Schaut auf das, was wir vor 16 Jahren waren, und schaut heute auf uns."

Gespräche hochrangiger Regierungsvertreter beider Seiten hatten keine Lösung gebracht. Zwar hatten türkische Medien berichtet, dass es eine vorläufige Einigung gebe. Eine Sprecherin des US-Außenministeriums sagte daraufhin jedoch, wenn es eine Einigung geben würde, "wäre Pfarrer Brunson nach Hause zurückgekehrt". Brunson lebt seit mehr als 20 Jahren in der Türkei. Die dortige Justiz wirft ihm nun vor, Kontakte zum Prediger Fethullah Gülen unterhalten zu haben, den Erdoğan für den Putschversuch in der Türkei vor zwei Jahren verantwortlich macht. Brunson weist das zurück. Die USA und die Türkei haben wegen des Konflikts Sanktionen gegen Minister des jeweils anderen Landes verhängt.

Türkei auf ausländisches Kapitals angewiesen

Die Regierung in Washington erwägt zudem, den teilweise zollfreien Zugang der Türkei zum US-Markt zu verschließen. Fachleute warnen zudem vor der hohen privaten Verschuldung der Türkei in US-Dollar, was eine steigende Schuldenlast bei abwertender Landeswährung nach sich zieht. Zudem ist die Türkei auf einen steten Zustrom ausländischen Kapitals angewiesen, um ihre Importe zu finanzieren.

Die Europäische Zentralbank beobachtet einem Medienbericht zufolge wegen des Kursverfalls schon seit Monaten die Verbindungen europäischer Geldinstitute in die Türkei. Insgesamt würden die Aufseher die Situation zwar noch nicht als kritisch einstufen, berichtete die Financial Times unter Berufung auf zwei mit dem Vorgang vertraute Personen. Die Großbanken BBVA aus Spanien, die italienische Unicredit und die französische BNP Paribas seien aber besonders exponiert, da sie große Geschäfte mit Unternehmen in der Türkei machten. 

Mit der Lira fiel auch der Kurs des Euro weiter – am Morgen unter 1,15 US-Dollar. Marktbeobachter erklären diese nervöse Stimmung am Markt mit dem rasanten Kursverfall der Lira, der damit auch die Gemeinschaftswährung belastet.  

Am heutigen Freitag will der türkische Finanzminister Berat Albayrak – Erdoğans Schwiegersohn – neue Pläne für die Wirtschaft vorstellen. Das Ministerium erwartet demnach, dass die derzeit bei 16 Prozent liegende Inflationsrate durch die Veränderungen in einen einstelligen Bereich zurückkehrt. 

Im Frühjahr lag die Arbeitslosenquote in der Türkei bei mehr als zehn Prozent, allerdings bei fallender Tendenz. Die Inflation betrug zehn Prozent. Das Haushaltsdefizit wächst. Die Auslandsverschuldung liegt bei fast 500 Milliarden Dollar.