Für Bundesarbeitsminister Hubertus Heil ist dieser Mittwoch ein "hervorragender Tag". Der Sozialdemokrat gibt Details zum Rentenpakt bekannt, den das Kabinett am Vormittag beschlossen hat. Das geplante Gesetz gewährleiste "Sicherheit und Gerechtigkeit für alle Generationen", ist Heil überzeugt. Die große Koalition will bis 2025 das Rentenniveau auf 48 Prozent des Durchschnittslohns stabilisieren und den Beitragssatz auf höchstens 20 Prozent ansteigen lassen. Außerdem weitet die Regierung die berühmte Mütterrente aus und will Geringverdiener bei den Rentenbeiträgen entlasten.

Insgesamt kostet das Paket mindestens 32 Milliarden Euro, mit am teuersten ist die Mütterrente. Geht es nach Heil, dann ist das Gesetz nur der erste Aufschlag: Im nächsten Jahr soll die Regierung die Grundrente beschließen und Selbstständige besser absichern. Außerdem müsse man unbedingt noch in dieser Legislaturperiode "die Weichen für den Zeitraum ab 2025 stellen", wenn die Generation der Babyboomer in Rente geht. Wie groß diese Herausforderung ist, zeigen diese sechs Zahlen.

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493000000000 Euro braucht es, um das Rentenniveau bis 2040 stabil zu halten.

Einmal im Jahr wagen die Experten der Deutschen Rentenversicherung einen langfristigen Ausblick auf die Entwicklung der Renten. Demnach lässt sich das Rentenniveau von derzeit 48 Prozent dank der guten wirtschaftlichen Lage noch sechs Jahre halten. Dann wird es, so prognostizierten die Experten im vergangenen Herbst, bis 2030 auf 45 Prozent sinken – außer man steuert gegen. Doch das Niveau auf 48 Prozent zu halten wird teuer: Allein im Jahr 2040 müsste der Staat dafür nach Prognosen des Rentenfachmanns Axel Börsch-Supan rund 50 Milliarden Euro aufwenden. Summiert man die Jahresbeträge bis dahin auf, kommt man auf eine beeindruckende Summe von rund 493 Milliarden Euro.

Wie finanziert man einen solchen Betrag? Am Ende gibt es nur zwei Möglichkeiten: über höhere Steuern oder höhere Rentenbeiträge. Börsch-Supan geht davon aus, dass im Jahr 2030 die Mehrwertsteuer um vier Prozentpunkte steigen müsste, um das Rentenniveau bei 48 Prozent zu halten. Die Alternative: Jeder Arbeitnehmer zahlt mehr in die Rentenversicherung ein. Das aber würde bedeuten, dass der Beitragssatz auf mehr als 25 Prozent im Jahr 2040 steigen würde.

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30,5 Prozent der Menschen in Deutschland sind 2040 mindestens 65 Jahre alt.

Zwar ist die Geburtenrate in Deutschland in den vergangenen Jahren leicht gestiegen – der demografische Wandel lässt sich damit aber nicht aufhalten. Das Statistische Bundesamt hat ausgerechnet: Im Jahr 2040 werden 30,5 Prozent der Bevölkerung 65 Jahre oder älter sein. Dabei unterstellten die Statistiker, dass jedes Jahr unterm Strich etwa 100.000 Menschen nach Deutschland einwandern. Als Ausgangsjahr für die Prognose hat das Bundesamt das Jahr 2013 genommen, damals lag der sogenannte Altenquotient bei nur 20,9 Prozent. Kämen doppelt so viele Menschen nach Deutschland, läge der Anteil der Alten im Jahr 2040 nur etwa einen Prozentpunkt niedriger, also bei 29,5 Prozent.

Diese Entwicklung hat drastische Folgen für das Rentensystem in Deutschland: Heute kommen auf 100 Menschen, die Beiträge in die Rentenversicherung einzahlen, 60 Rentner – im Jahr 2030 wird dieses Verhältnis bei etwa 1:1 liegen.

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544090 Menschen haben Ende 2017 Grundsicherung im Alter bezogen.

Die Zahl der Menschen, die Grundsicherung im Alter erhalten, steigt seit Jahren, wenn auch auf niedrigem Niveau. Anspruch haben nach Angaben der Rentenversicherung potenziell alle Rentner, deren gesamtes Monatseinkommen unter 838 Euro liegt. Inzwischen beziehen 544.090 Personen die zusätzliche staatliche Unterstützung, das sind etwa 2,5 Prozent aller Rentnerinnen und Rentner. Folgt man den Prognosen des Rentenforschers Bruno Kaltenborn, dann wird sich die Lage in den kommenden Jahrzehnten nicht dramatisch verschlechtern. Er geht in einer Studie im Auftrag der Deutschen Rentenversicherung von einem Anstieg bei Männern auf 5,9 Prozent und bei Frauen auf 5,2 Prozent aus, die im Jahr 2030 Anspruch auf die Grundsicherung im Alter hätten.

Anders argumentiert dagegen der Paritätische Wohlfahrtsverband. Der Verband rechnet mit der sogenannten relativen Armut. Darunter fallen alle Menschen, die weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens zur Verfügung haben. 2015 waren demnach bereits 14,6 Prozent der über 65-Jährigen armutsgefährdet – 2005 waren es lediglich elf Prozent. Im Jahr 2045 müsste ein Beschäftigter mit einem Durchschnittseinkommen 32,8 Jahre einzahlen, um eine Rente auf Grundsicherungsniveau zu erhalten. Verdient er nur die Hälfte, sind es laut Verband sogar 65,7 Jahre.

Steuerzuschuss für die Rente steigt


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91600000000 Euro überweist aktuell der Bund an die Rentenversicherung.

Die Rente mit all ihren Leistungen wird längst nicht mehr allein über die Beiträge zu Rentenversicherung bezahlt. Gerade zur Finanzierung der sogenannten versicherungsfremden Leistungen erhält die Rentenversicherung Geld aus Steuereinnahmen. Im vergangenen Jahr hat der Bund 91,6 Milliarden Euro an die Rentenversicherung überwiesen. Zum Vergleich: 2008 waren es noch 78,8 Milliarden Euro. Spätestens 2020 sollen es über 100 Milliarden Euro sein, hat die Bundesregierung ausgerechnet.

Mit dem Geld sollen laut Rentenversicherung gesamtgesellschaftliche Aufgaben gedeckt werden, für die sie keine Rentenbeiträge erhält. Darunter fallen unter anderem die abschlagsfreie Rente ab 63 oder Kindererziehungszeiten, für die keine Beiträge bezahlt wurden. Wenn man sämtliche Bundeszuschüsse auf die aktuellen Rentenausgaben bezieht, beträgt der Anteil der Steuerzuschüsse schon jetzt mehr als ein Drittel.

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16896000 junge Menschen braucht es bis 2050, um die Rente zu stabilisieren.

Die deutsche Bevölkerung schrumpft. Manch einer mag in dieser Entwicklung erst einmal kein Problem sehen, doch die Folgen für die Wirtschaft und das Sozialsystem sind gravierend, denn es fehlt an Fachkräften und Beitragszahlern. Ab 2020 geht die sogenannte Babyboomer-Generation in Rente. Die Folge: Immer weniger Beschäftigte müssen für immer mehr Rentnerinnen und Rentner aufkommen. Ausgleichen könnte man dies am einfachsten mit einer höheren Geburtenrate und/oder mehr Zuwanderung.

Das Institut für Wirtschaftsforschung in Halle (IWH) hat sich Letzteres genauer angeschaut. Deutschland braucht demnach bis 2050 insgesamt zusätzlich 16.896.000 arbeitende junge Menschen, wenn der Rentenbeitragssatz bei 20 Prozent stabilisiert werden und das Rentenniveau nicht unter 48 Prozent sinken soll. Pro Jahr wären das laut IWH 528.000 Menschen zwischen 20 und 35 Jahren, die quasi sofort mit Grenzübertritt in die Rentenkasse einzahlen müssten und im Schnitt so viel verdienen wie gleichaltrige deutsche Beschäftigte. Sollte zusätzlich noch die Mütterrente ausgeweitet und die Grundrente eingeführt werden, wie es die große Koalition vorhat, würde sich der Bedarf auf knapp 18 Millionen Menschen erhöhen.

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23 Jahre lang bekommt eine Frau derzeit Rente.

Die Kosten des Rentensystems in Deutschland bemessen sich an vielen unterschiedlichen Größen. Eine wichtige bleibt oft unerwähnt: die Dauer des Rentenbezugs. 1960 betrug die Lebenserwartung eines 65-jährigen Mannes zwölf Jahre. Heute liegt sie bei 19,5 Jahren. Für Frauen liegt der Wert bei 23 Jahren. Erst mal ist das natürlich eine sehr positive Entwicklung, denn die durchschnittliche Lebenserwartung hat sich unter anderem dank einer besseren Gesundheitsversorgung drastisch erhöht. Doch je länger die Menschen leben, desto teurer wird die Rente.

In einer Modellrechnung hat das IWH die Bezugsdauer prognostiziert. Das Ergebnis: Im Jahr 2031, wenn das Renteneintrittsalter 67 Jahre erreicht hat, werden Männer im Schnitt noch 21,5 und Frauen 24,5 Jahre leben und damit Rente beziehen. Die Rentenbezugsdauer steigt also, obwohl das Renteneintrittsalter schrittweise erhöht wird. Würde das Eintrittsalter weiter auf 69 Jahre erhöht, läge die Bezugsdauer im Jahr 2050 immer noch bei 20 Jahren für Männer und 22 Jahren für Frauen. Das Fazit der Forscher ist ernüchternd: Unter dem derzeitigen Status quo würde das Rentenniveau bis 2050 auf 43 Prozent sinken und der Beitragssatz auf 24 Prozent steigen.