Das Verhältnis zwischen Präsident und Zentralbank ist ohnehin belastet. Denn Erdoğan hält wenig von den Marktmechanismen, denen die Zentralbank unterworfen ist. Er spricht seit Jahren von einer ausländischen "Zinslobby" und erklärt, er sei grundsätzlich ein Gegner von Zinsen.

Was anderswo als ökonomische Regel gilt, dass höhere Zinsen gegen Inflation helfen, erklärt er einfach zur Glaubenssache. Er sagte dazu schon im vergangenen November: "Diejenigen, die das immer noch mit einer westlichen Geisteshaltung lösen wollen, können uns nicht verstehen." Er verlangt von der türkischen Zentralbank, die Zinsen niedrig zu lassen.

Als diese dann im Juni tatsächlich, anders als erwartet, den Zinssatz nicht weiter anhob, deuteten das internationale Anleger als Zeichen dafür, dass die Zentralbanker nicht mehr unabhängig genug vom Präsidenten seien. Die Lira stürzte ab.

Ein amerikanischer Pastor im türkischen Gefängnis

Hinzu kam ein Streit um einen amerikanischen Pastor. Andrew Brunson, der seit 20 Jahren im türkischen Izmir lebt, saß seit 2016 im Gefängnis, weil er den Putschversuch 2016 unterstützt haben soll. Nach langen, ergebnislosen Verhandlungen mischte sich schließlich US-Präsident Donald Trump ein, und die USA beschlossen Sanktionen gegen die Türkei. Die sind zwar bisher eher symbolischer Art, weil sie lediglich den türkischen Innenminister und den Justizminister betreffen. Aber als Symbol funktionieren sie doch: Die größte Wirtschaftsmacht der Welt sanktioniert einen Nato-Verbündeten. Der Lira-Kurs gab weiter nach.

Weitere Sanktionen sind im Gespräch, bald könnten amerikanische Mitarbeiter bei den internationalen Finanzinstitutionen Internationaler Währungsfonds und Weltbank per US-Gesetz dazu gezwungen sein, gegen jede Hilfe für die Türkei zu stimmen.

So wie häufig bei Währungskrisen ist der Auslöser – in diesem Fall der Streit mit den USA – für viele Anleger ein Grund, sich die Lage in dem betreffenden Land noch einmal genauer anzuschauen. Und was sie in der Türkei sehen, gefällt ihnen nicht, weil sie fürchten, dass das Land in eine Willkürherrschaft abgleitet, die mit immer mehr staatlichen Eingriffen in die Wirtschaft einhergeht. 

Hilft bald der IWF?

Wie es weitergeht, ist völlig offen. Die Rendite für türkische Staatsanleihen steigt, auch das ein Zeichen für eine Krise, weil Investoren offenbar nur noch so wenig Vertrauen in die Stabilität der Wirtschaft und der Währung haben, dass sie eine hohe Rendite verlangen, um überhaupt noch Geld zu geben.

Falls die Lage eskaliert, könnte die Türkei den Internationalen Währungsfonds (IWF) zur Hilfe rufen, der bei der Überwindung auch nach der letzten Währungskrise eingegriffen hatte. Doch der IWF würde mit großer Wahrscheinlichkeit eine Anhebung der Zinsen zur Voraussetzung für ein Engagement machen. Und: Die Vereinigten Staaten können die Auszahlung von Hilfskrediten theoretisch blockieren, weil sie im Verwaltungsrat des IWF über eine Sperrminorität verfügen.

Wer könnte eine Verschärfung der Krise abwenden? Wirtschaftsminister in der Türkei ist Berat Albayrak, der Schwiegersohn von Erdoğan. Er bekam bei der Kabinettsbildung vor einem Monat den Vorzug vor Kandidaten, die unter türkischen wie internationalen Beobachtern als geeigneter gegolten hätten: der frühere Finanzminister und Banker Mehmet Şimşek beispielsweise. Erdoğan gab der Familie den Vorzug vor der Expertise. Am heutigen Freitag nun will Schwiegersohn Albayrak seinen Plan gegen die Krise vorstellen. Dann wird sich zeigen, ob die türkische Regierung in der jetzigen schwierigen Lage mehr zu bieten hat als den Glauben an Gott und die eigene Stärke.